Abstract
Drug Therapy of Endometriosis. Therapy
of endometriosis associated pain might be a chal-
lenge even for the experienced clinician. Common
endocrine methods of treatment might be considered
as more or less equivalent. The choice of therapy
should take into consideration life-style and circum-
stances (e. g. family planning) of the patient, side-
effects and costs of the medication.
Most clinicians will chose oral contraceptives (OC)
and NSAID for the treatment of endometriosis asso-
ciated pain. There are data suggesting that prefer-
ential treatment might be low dosage OC, given non-
stop. An alternative might be gestagenes, which are
given oral, as depot-injection or intrauterine device.
In cases of extended disease (rASRM III or IV) GnRH-
analoga combined with an add-back therapy are rec-
ommended. These recommendations must not be
considered as a rigid therapy plan – and may vary
from patient to patient. If medical treatment is not
successful surgery should be taken into considera-
tion, and if needed be followed by a new trial of drug
therapy.
Prescription of opioids and co-analgesics or neuro-
ablative surgery should only be taken into considera-
tion after thorough investigation of all treatment
possibilities and after consultation with a pain thera-
pist, an experienced surgeon and if needed with a
psychotherapist. J Gynäkol Endokrinol 2008; 18 (2):
32–39.
For personal use only. Not to be reproduced without permission of Krause & Pachernegg GmbH.
J GYNÄKOL ENDOKRINOL 2008; 18 (2) 33
Medikamentöse Schmerztherapie der Endometriose
Zwischen der Schmerzsymptomatik und dem Stadium der
Erkrankung gibt es keine Korrelation – das subjektive
Schmerzempfinden der Patientinnen ist sehr unterschiedlich
[2, 3].
Zur Beurteilung des Analgesieerfolges im Verlauf der
Schmerztherapie müssen die subjektive Schmerzlinderung
und die Verbesserung funktionaler Parameter regelmäßig und
konsequent gemessen werden. Hierfür haben sich sogenannte
Analogskalen (V AS = visuelle Analogskala oder NAS = nu-
merische Analogskala) bewährt (Abb. 1, 2).
Auch ein durch die Patientin auszufüllender Schmerzfragebo-
gen (ggf. unter Mithilfe des Arztes) kann die Dokumentation
und Beurteilung des Therapieerfolgs erleichtern.
Grundlage der Beschwerden sind zwar die Endometriose-
Läsionen, aber Schmerz entsteht auf vielfältigen Ebenen. So
sind Komponenten, die bei der Therapie nicht außer Acht ge-
lassen werden dürfen, die Psyche (Angst, Depression), sozia-
le Probleme (Isolation durch die Erkrankung, Partnerschafts-
probleme oder -verlust und berufliche Einschränkungen),
aber auch Spiritualität (Sinnverlust des Lebens durch chroni-
sche Erkrankung).
Bei der Therapieplanung (Abb. 3) sollte daher immer Raum
bleiben für einen persönlichen Therapeuten, der die Patientin
„als ganzes Individuum“ kennt, betreut und in schweren
Krankheitsphasen Zuspruch leisten kann („tender loving care“).
Für ein umfassendes schmerztherapeutisches Regime sollten
auch Physiotherapie und unterstützende Verfahren wie Ver-
haltenstherapie (VT), Komplementärmedizin (Traditionelle
Chinesische Medizin mit oder ohne Akupunktur, Yoga) und
Komedikationen wie Trizyklische Antidepressiva und Anti-
konvulsiva in Betracht gezogen werden.
Für die Therapieentscheidung ist wesentlich, dass alle NSAID in
der Therapie der Dysmenorrhoe gleich wirksam sind und bisher
keine Aussage vorliegt, ob eines der Präparate sicherer als ein
anderes ist [4] und ob GnRH-Analoga und OC gleich wirksam in
der Therapie der Dysmenorrhoe bei Endometriose sind [5].
In die Therapieentscheidung müssen daher neben „evidence
based medicine“-Angaben auch Bedürfnisse der Patientin
(Kinderwunsch oder Verbesserung der Lebensqualität) ein-
Abbildung 3: Erweitertes WHO-Stufenschema zur Schmerztherapie
34 J GYNÄKOL ENDOKRINOL 2008; 18 (2)
Interessanterweise wurde die Expression der COX-2 in nor-
malem Endometrium und die Überexpression in Endometrio-
se-Läsionen sowie in der Adenomyosis uteri beschrieben
[21], sodass selektive COX-2-Inhibitoren auch einen additi-
ven kausalen Therapieansatz darstellen könnten. Tierexperi-
mentelle Studien belegen, dass die COX-2-Überexpression
Tumoreigenschaften wie Zelladhäsion, Apoptose, Invasivität
und Angiogenese moduliert [22–24].
Bei Endometriose wurde die Wirksamkeit des spezifischen
COX-2-Inhibitors Rofecoxib (25 mg/d) gegenüber einem Pla-
cebo in der Therapie des Endometriose-assoziierten Schmer-
zes geprüft. Eine signifikante rezidivfreie Verbesserung der
Unterbauchschmerzen und der Dyspareunie (sogar sechs
Monate nach Beendigung der Studie unter Rofecoxib) wurde
beschrieben, während in der Placebogruppe zwei Rezidive auf-
traten. Aufgrund von Nebenwirkungen in der Langzeittherapie
wurde Rofecoxib vom Markt genommen.
Endokrine Therapieansätze
Der Wirkmechanismus der endokrinen Therapieansätze basiert
zumeist in der antiöstrogenen Wirkung auf das Endometrium,
Medikamentöse Schmerztherapie der Endometriose
T abelle 2: Gestagene in der Therapie der Endometriose: Sekre-
torische Transformation östrogenvorbehandelten Endometriums.
NW: Durchbruchsblutungen (40–80 %), Gewichtsprobleme und
Wasserretention (40–50 %), Akne (20 %), Brustspannen (10 %),
Kopfschmerzen (10 %), Hitzewallungen, trockene Scheide,
Haarausfall, Knochendichteverlust, Stimmungsschwankungen
(10 %) sowie die Beeinflussung des atherogenen Indexes
(↑LDL, ↓HDL). Beeinflussung des Kohlenhydratstoffwechsels
(↓Glukosetoleranz, ↑Insulinresistenz)
Präparat- Empfohlene Kommentar
Zusammen- Dosierung
setzung
1. Progesteronderivate
Medroxy- 50–100 mg ↑ VTE
progesteron-
acetat (MPA) Bei sensiblen Frauen
Hautprobleme
Medrogeston 5–10 mg Mastodynie
↑ Gefäßwiderstand
Dydrogesteron 25–75 mg Leichte natriuretische
Wirkung
2. Nortestosteronderivate
Lynestrenol 10 mg Chloasma
Veränderung Zervixsekret
Candidiasis
Mastodynie
Norethisteron- 10 mg Cave! bei Sängerinnen:
acetat Stimmveränderungen!
Übelkeit
Levonorgestrel 0,03 mg Möglichkeit androgener
Restwirkung
Gestagen d. 3. Generation
Desogestrel 0,075–0,15 mg Hautprobleme
(1–2 Dragees täglich ) Kopfschmerzen
Mastodynie
Alopezie
↑ VTE
T abelle 1: Nicht steroidale Antiphlogistika (NSAID) in der Thera-
pie der Endometriose
Präparat- Empfohlene Kommentar
Zusammen- Dosierung
setzung
Diclofenac 50–150 mg/d Cave:
(2–3 x tgl.) erhöhtes Ulkusrisiko,
oder Ulkus-Prophylaxe
100 mg Retard- mit Therapiebeginn
tabletten/d (alle NSAID vergleichbar)
Ibuprofen 200–2400 mg/d Schlaflosigkeit,(3–4 x tgl.) Asthma, Alopezie,oder psychot. Reaktionen,Ibuprofen 800 mg retard Gewichtszunahme(max. 3 x 800 mg/d) (Ödembildung,
Naproxen 500–1000 mg/d Risiko für alle NSAID
(2–4 x tgl.) vergleichbar), ↑ VTE
Metamizol-Na 8–16 mg Cave:
pro kg Körpergewicht bei Metamizol-Na
bis 4 x tgl. anaphylaktische Reaktion
Celecoxib 2 x 200–400 mg/d Ödeme, Diarrhoe,
Schwindel;
selten Arrythmien und
kardiovaskuläre
Ereignisse;
keine ausreichenden
Erfahrungen in der
Schwangerschaft
und Stillzeit
fließen, aber auch Nebenwirkungsprofil und die Kosten sowie
die klinische Erfahrung des Therapeuten.
Nicht steroidale antiinflammatorische
Medikamente (NSAID)
NSAID beeinflussen weder die Endometriose-Läsionen noch
den Verlauf der Erkrankung; über die Langzeiteinnahme lie-
gen bisher keine Daten vor. Trotzdem gelten sie in der Praxis
als Mittel der ersten Wahl. Die Wirksamkeit der NSAID wur-
de in randomisierten, kontrollierten Studien für die primäre
Dysmenorrhoe bestätigt [6–11].
Die aktuelle Cochrane Database kommt zu dem Ergebnis,
dass es keine signifikanten Unterschiede in der Wirkung der
verschiedenen NSAID bei Dysmenorrhoe gibt – vor den uner-
wünschten Wirkungen wird gewarnt [12].
Die in der gynäkologischen Praxis am häufigsten verwende-
ten NSAID sind die in ihrer Wirkung vergleichbaren präferen-
ziellen Cyclooxygenase-Inhibitoren Ibuprofen und Diclofe-
nac (Tab. 1). Seit 1999 sind selektive Cyclooxygenase-2
(COX-2)- Inhibitoren auf dem Markt. Im Vergleich zu den
unspezifischen COX-Hemmern sollten einerseits die uner-
wünschten gastrointestinalen Wirkungen bei den selektiven
COX-2-Hemmern um mehr als die Hälfte vermindert sein.
Diese Ergebnisse sind in neueren Studien relativiert worden.
Außerdem ist das Blutungsrisiko durch fehlende thrombo-
zytenaggregationshemmende Wirkung reduziert [13–16].
Andererseits wurde gezeigt, dass selektive COX-2-Inhibitoren
die Inzidenz kardiovaskulärer Komplikationen erhöhen [17–
19], bei Risikopatienten auch nach kurzfristiger Gabe [20].
Allerdings betrifft dies kaum die Frauen mit Endometriose.
J GYNÄKOL ENDOKRINOL 2008; 18 (2) 35
Gestagen-Intrauterin-Pessar
Ein mit Levonorgestrel beschichtetes Intrauterin-Pessar (LNG-
IUD) ermöglicht die lokale intrauterine Gestagentherapie
ohne Hemmung der ovariellen Hormonproduktion und mit nur
geringer systemischer Wirkung [35]. In zwei Studien wurde
die Wirkung dieses IUD bezüglich der Schmerzreduktion bei
Endometriose getestet. In beiden Studien wurde eine hohe
Patientenzufriedenheit beschrieben [36, 37]. Die bisherigen
Ergebnisse zur Anwendung des LNG-IUD sind insbesondere
für Frauen mit Dyspareunie und Dysmenorrhoe bei Adeno-
myosis uteri oder rektovaginaler Endometriose vielverspre-
chend [38, 39].
In einer randomisierten, kontrollierten Studie war das LNG-
IUD im Vergleich zu abwartendem Management nach einer
laparoskopischen Therapie bei symptomatischer Endometrio-
se effektiver in der Reduktion der Dysmenorrhoe [39].
Aufgrund des in Serum und Peritonealflüssigkeit nachweis-
baren LNG-Levels scheint das IUD auch für die Behandlung
der peritonealen Endometrioseformen geeignet. Lockhat konnte
eine Reduktion der Läsionen (beurteilt nach dem rASRM-
Score bei einer Second-Look-Laparoskopie) nach sechs Mo-
naten Therapie mit dem LNG-IUD belegen. Blutungsmenge
und Höhe des Schmerzes, gemessen an einer V AS, waren re-
duziert bei einem 3-Jahres-Follow-up [37]. So erscheint das
LNG-IUD nach der bisherigen Studienlage ein gutes Mittel
zur Langzeitanwendung. Das IUD ist für die Indikation „En-
dometriose“ bzw. „Adenomyose“ nicht zugelassen, wohl aber
für die Hypermenorrhoe. Schmierblutungen gehören zu den
häufigsten unerwünschten Nebenwirkungen (EBM Level II;
Kategorie B).
Medikamentöse Schmerztherapie der Endometriose
T abelle 3: Orale Kontrazeptiva in der Therapie der Endometriose:
Erreichen eines sog. „Pseudo-Pregnancy-Regimes“. NW: Durch-
bruchsblutungen, Übelkeit, Brustspannen, Gewichtszunahme,
Kopfschmerzen.
Präparat- Empfohlene Kommentar
Zusammen- Dosierung
setzung
Ethinylestradiol 1 x 1 Dragee Gute antiproliferative
0,03 mg Wirkung
Dienogest 2 mg Kopfschmerzen
Gewichtszunahme
↑ VTE
Ethinylestradiol 1 x 1 Dragee Kopfschmerzen,
0,035 mg Hautreaktionen,
Norgestimat 0,25 Chloasma, Natrium-,
3. Generation Wasserretention
(Gewichtszunahme),
Brustspannen,
↑ VTE
Ethinylestradiol 1 x 1 Dragee Einfluss auf
0,03 mg NNR- u. SD-Funktion,
Gestoden 0,075 mg Blutdruck
3. Generation
Levonorgestrel 0,03 mg Möglichkeit
2. Generation androgener Restwirkung
Norethisteronacetat 10 mg Cave! bei Sängerinnen:
2. Generation Stimmveränderungen;
Übelkeit
die zu einer sekretorischen Umwandlung und Dezidualisierung
des proliferierten Endometriums, gefolgt von der Atrophie
des Endometriosegewebes, führen soll.
Gestagene
Durch Gestagene (Gestagenmonotherapie und kombinierte
„Pille“; Tab. 2) kommt es zur Verminderung der ovariellen
Steroidsynthese, somit konstant niedrigeren Östrogenspie-
geln.
Die antiöstrogene Wirkung resultiert in einer Verminderung
der östrogenabhängigen Proliferation, es kommt zur sekreto-
rischen Transformation, zur Atrophie des Endometriums und
auch Ruhigstellung des Myometriums. Es wird ein schwan-
gerschaftsähnlicher hormoneller Zustand erreicht („Pseudo-
Pregnancy-Regime“). Dies wird auf molekularer (Downregu-
lierung der Östrogen- und Progesteronrezeptoren) und bio-
chemischer Ebene (Hemmung der Prostaglandinsynthese und
lokaler Östrogen-Synthese) erreicht.
Außerdem kommt es durch die Reduktion von Entzündungs-
mediatoren in der Peritonealflüssigkeit zu einer antiinflamma-
torischen Wirkung. Gestagene scheinen die Apoptoserate im
Endometrium zu erhöhen und auf molekularer Ebene eine
Hemmung der Matrixmetalloproteinasen (MMP), die für
die Implantation und das ektope Wachstum von Endometrium
essenziell sind, zu bewirken [25–27].
Kürzlich wurden 27 Studien zur Wirksamkeit verschiedener
Gestagene in der Therapie der symptomatischen Endometriose
analysiert [28]. Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass
Gestagene effektiv sind und vergleichbar gut wirken wie
GnRH-a oder Danazol, um temporäre Schmerzfreiheit zu er-
zielen (EBM Level I; Kategorie A).
In Deutschland werden für die orale Gestagenbehandlung
überwiegend Norethisteronacetat, Lynestrenol oder Medroxy-
progesteronacetat eingesetzt (Tab. 2). Die Rezidivraten liegen
zwischen 12 und 34 %. Die Nachbeobachtungszeiten variier-
ten zwischen 6 und 17 Jahren [29, 30]. Die Konzeptionsrate
(Empfängnisrate) nach Therapie liegt bei 44 % [28].
Gestrinon
Gestrinon ist ein Derivat des 19-Nortestosterons mit antiöstro-
genen, antigestagenen, androgenen sowie antigonadotropen
Eigenschaften. Unter der Therapie kommt es zu einer Reduktion
der Endometriose-Läsionen, aber nicht zu ihrem Verschwinden.
Bei 50–100 % der Frauen kommt es zu einer Amenorrhoe, die
scheinbar dosisabhängig ist. Ein V orteil von Gestrinon liegt
bei oraler Einnahme in seiner langen Halbwertszeit (28 Stun-
den) [28].
Mehrere große prospektiv-randomisierte Studien belegten
eine äquivalente Wirkung im Vergleich mit Danazol [31, 32]
oder GnRH-Agonisten [33]. Die Nebenwirkungen sind dosis-
abhängig und ähnlich denen des Danazol, doch weit geringer
ausgeprägt [31]. Beschrieben werden u. a. Übelkeit, Muskel-
krämpfe, Hitzewallungen und androgene Effekte wie Ge-
wichtszunahme, Akne und Seborrhoe. Unter Gestrinon ist auf
sichere Kontrazeption zu achten, da es zur Maskulinisierung
des Fetus kommen kann [34] (EBM Level I; Kategorie A).
36 J GYNÄKOL ENDOKRINOL 2008; 18 (2)
anfänglichen Gonadotropin-Flush kommt es zur Downregu-
lierung der Gonadotropine LH und FSH, d. h. zu einem hypo-
gonadotropen, hypogonadalen Zustand. Diese „funktionelle
Oophorektomie“ bewirkt eine Reduktion der endogenen Östra-
diolproduktion der Ovarien entsprechend den Werten menopau-
s
aler Frauen. Für gewöhnlich wird eine Amenorrhoe erreicht.
Eine kontrollierte randomisierte Studie verglich das GnRH-a
Leuprorelinacetat mit einem Placebo. Es wurde eine deutliche
Schmerzreduktion in der Gruppe der GnRH-a dokumentiert [44].
In zahlreichen Studien wurden GnRH-a mit Danazol verglichen,
wobei vergleichbare Therapieeffekte belegt wurden [45–54].
Auch die Effektivität von OC gegenüber GnRH-Agonisten
wurde geprüft: In einer Studie mit 57 Frauen war die zyklische
OC-Gabe weniger effektiv in der Dysmenorrhoetherapie, fast
gleich effektiv in der Dyspareunietherapie und gleich effektiv
in der Therapie unspezifischer Unterbauchbeschwerden [55].
Die in Tabelle 4 aufgeführten Präparate führten je nach Schwe-
regrad der Endometriose zu einer signifikanten Reduzierung
des rASRM-Scores (revised American Society of Reproducti-
ve Medicine Score – Stadieneinteilung anhand der Endomet-
rioseherde [Größe, Tiefe, Lokalisation] und der Adhäsionen
[dicht, schleierartig]) auf 42–51 % (20 Wochen Behandlungs-
dauer) sowie zu einer Verbesserung der Symptome, insbe-
sondere der Schmerzen, in 73–89 % [44, 45]. Nur für
GnRH-
Analoga ist eine wirksame Schmerzreduktion nach Ver sagen
einer anderen primären hormonellen Schmerztherapie gezeigt
worden [56].
Die Nebenwirkungen der Präparate erklären sich aus dem an-
haltenden Östrogenentzug. Dabei kommt es zu einer signifi-
kanten Abnahme der Knochendichte (6–12 % bei 6-monatiger
Behandlungsdauer [45, 57–59], weshalb auch immer eine endo-
krine Add-back-Therapie durchgeführt werden sollte, hierbei
sollten Estradiol (E
2)- Serumlevel um 30–40 pg/ml erreicht
werden, während die E2-Serumlevel bei einer GnRH-a-Thera-
pie ohne Add-back zumeist unter 30 pg/ml E2 liegen [60, 61].
Zusätzlich empfiehlt sich die Kalzium-Substitution mit Vita-
min-D3-Gabe. Die Rezidivrate wird 7 Jahre nach GnRH-a-
Therapie mit 25,6 % beim Stadium I (r-AFS, jetzt rASRM) und
mit 66,7 % beim Stadium IV angegeben [60] (EBM Level I;
Kategorie A).
GnRH-Antagonisten haben gegenüber den GnRH-Agonisten
den V orteil, dass der Flare-up-Effekt der ersten Tage entfällt.
Die Antagonisten blocken in der Hypophyse die GnRH-Re-
zeptoren, was einen sofortigen dosisabhängigen Abfall der
Gonadotropin-Sekretion zur Folge hat. Ob dieser sofortige
Effekt der wesentlich teureren und noch nicht bei der Endo-
metriose erprobten Antagonisten bei einer mehrmonatigen
Suppression der Gonadotropine einen V orteil gegenüber den
Agonisten hat, müssen klinische Studien erst noch zeigen.
Die Untersuchungen mit GnRH-Antagonisten erscheinen je-
doch insbesondere sinnvoll, da in einer Studie Endometriose-
Patientinnen unter der Therapie mit GnRH-Analoga in den
ersten Therapietagen im Vergleich zur Kontrollgruppe einen
Anstieg des Schmerzscores angaben [62] (EBM Level II; Ka-
tegorie B).
Medikamentöse Schmerztherapie der Endometriose
Orale Kontrazeptiva
Orale Kontrazeptiva (OC) (Tab. 3) werden neben den NSAID
und den Gestagenen in der Praxis sehr häufig zur Behandlung
der primären und sekundären Dysmenorrhoe eingesetzt.
Es kommt zu einer antigonadotropen Wirkung und zur Sup-
pression der ovariellen Östrogenproduktion. Es sollen über
einen hypoöstrogenen, hypergestagenen Zustand die Dezidu-
alisierung, die bindegewebige Umwandlung und die Atrophie
der Endometriose-Läsionen bewirkt werden. Bewährt haben
sich gestagenbetonte monophasische Kombinationspräparate,
die z. B. Desogestrel oder Dienogest enthalten und nonstop über
mindestens 6 Monate appliziert werden. Wenn die Präparate
gut vertragen werden, können sie über 1–2 Jahre verschrieben
werden. Die V orteile gegenüber den reinen Gestagenmono-
präparaten liegen in der besseren Zykluskontrolle (weniger
Durchbruchsblutungen auch bei der Nonstop-Einnahme) und
dem höheren antikonzeptiven Schutz bei jungen Frauen. Ein
Nachteil ist in dem höheren Thromboserisiko zu sehen.
Verschiedene OC sind teilweise ohne Placebo-Kontrollen als
initialer Therapieansatz zur Behandlung der primären Dys-
menorrhoe mit gutem Erfolg getestet worden [38, 40, 41].
In einer nicht kontrollierten Studie wurde die kontinuierliche
Gabe eines OC, nachdem die zyklische Gabe versagt hatte,
analysiert, wobei geschlussfolgert wurde, dass die kontinuier-
liche Applikation der zyklischen OC-Gabe überlegen zu sein
scheint [42, 43].
Die Effektivität der verschiedenen OC in der Schmerztherapie
scheint nach Studienlage vergleichbar zu sein. Da es aber keinen
direkten Vergleich der Pillenpräparate gibt, sollte die Wahl nach
dem Nebenwirkungsprofil getroffen werden, so sollten z. B.
bei androgenen Beschwerden wie Akne und Hirsutismus eher
Präparate mit antiandrogener Wirkung gegeben werden. Bei
Therapieversagen eines Präparates ist der Wechsel auf ein
anderes OC nicht sinnvoll (EBM Level I; Kategorie A).
GnRH-Agonisten und -Antagonisten
GnRH-Agonisten (Tab. 4) binden mit einer verlängerten Halb-
wertszeit an die GnRH-Rezeptoren der Hypophyse. Nach einem
T abelle 4: GnRH-Analoga in der Therapie der Endometriose:
„Funktionelle Oophorektomie“ (hypogonadotroper, hypogonada-
ler Zustand). NW: Hitzewallungen und Schweißausbrüche (80–
90%), Schlafstörungen (60–90%), Trockenheit der Scheide
(30%), Kopfschmerzen (20–30%), Stimmungsänderungen (10%).
Präparat- Empfohlene Kommentar
Zusammen- Dosierung
setzung
Goserelinacetat 3,8 mg/4 Wochen
3,8 mg Implantat s.c.
Leuporelinacetat 3,75 mg bzw.
3,75 mg 11,25/4 Wochen
Leuporelinacetat Retard-Microkapseln
11,25 mg s.c., i.m.
Triptorelinacetat
4,12 mg
Buserelinacetat 3–4 x 300 µg täglich
Nafarelinacetat 2–4 x 460 µg täglich
Hitzewallungen
Schweißausbrüche
Kopfschmerzen
Schlaflosigkeit
Scheidentrockenheit
Stimmungs-
veränderungen
Abnahme der
Knochendichte
Veränderung/
Abnahme der Libido
Gewichtszunahme
J GYNÄKOL ENDOKRINOL 2008; 18 (2) 37
Medikamentöse Schmerztherapie der Endometriose
T abelle 5: Koanalgetika und Opioide in der Therapie der Endo-
metriose
Präparat- Empfohlene Kommentar
Zusammen- Dosierung
setzung
Amitriptylin 12,5–75 mg/d Verbesserung der
(abends) Schlafqualität,
cholinerge NW, EKG-,
Blutbild- und
Transaminasenkontrolle,
langsame Dosistitration
Nortriptylin s. Amitriptylin s. Amitriptylin, weniger
Sedierung und andere
unerwünschte Wirkungen
Gabapentin 1800–3600 mg/d Gut verträgliches
(3 x tgl.) Antikonvulsivum,
langsame Dosistitration
(Alternative mit anxiolyti-
schem Zusatzeffekt:
Pregabalin 2x150–300 mg)
Tramadol Individuelle Nicht BtmVV-pflichtig,
Dosisanpassung schwaches Opioid,
100–200 mg retard zusätzlich nicht durch
(2 x tgl.) Opioidrezeptoren
vermittelte Analgesie
Tilidin/Naloxon Individuelle Nicht BtmVV-pflichtig,
Dosisanpassung Kombination mit
2 x 100 bis Opioidantagonisten
3 x 200 mg (antagonistischer Effekt
retard/d nur bei Überdosierung)
Morphinsulfat Individuelle Kurzzeitige Sedierung,
Dosisanpassung Schwindel und Übelkeit,
Atemdepression nur bei
extremer Überdosierung,
Mundtrockenheit, anhaltende
Obstipation, orthostat.
Regulationsstörungen,
Libidoverlust
Keine Kombination mit MAO-
Hemmern, vergleichbare
Wirkungen und Neben-
wirkungen mit allen anderen
„starken“ Opioiden
Fentanyl Individuelle Bei Dysphagie und
Dosisanpassung Compliance-Störungen
als transdermales System
(Wechsel alle 2–3 Tage),
nicht zur Dosisfindung,
vergleichbar mit trans-
dermalem Buprenorphin
kontinuierliche Dosissteigerung in ein- bis zweimonatigen
Abständen müsste in diesem Sinne als Kontraindikation zur
Fortführung der Opioidtherapie aufgefasst werden. Therapie-
empfehlungen mit Leitliniencharakter können derzeit nicht
formuliert werden. Die Empfehlungen einer DGSS- (Deutsche
Gesellschaft zum Studium des Schmerzes) Konsensuskonfe-
renz beinhalten jedoch praktische und teilweise gut validierte
Hinweise für einen strukturierten Therapieplan mit Opioiden
beim chronischen Nichttumorschmerz [68] (EBM Level V;
Kategorie C).
Zur Langzeitanwendung sollten Opioide mit retardierter Ga-
lenik oder langer Wirkungsdauer zur peroralen oder transder-
malen Applikation eingesetzt werden. Für die Rezeptierung
des Opioids sollte nur ein Behandler verantwortlich sein, um
Dosierungsfehler und Missbrauch möglichst zu vermeiden.
Danazol
Danazol war das erste „klassische“ Therapeutikum der Endome-
triose und in den 1970er-Jahren der Goldstandard. Auch in Meta-
analysen (z. B. Cochrane Database) konnte gezeigt werden, dass
Danazol effektiv in der Behandlung der Endometriose ist [63].
Aufgrund seiner erheblichen androgenen Nebenwirkungen
(Akne, Hyperandrogenismus, Hirsutismus, Stimmveränderung)
bei gleicher Wirksamkeit wie GnRH-Analoga wurde die Dana-
zol-Therapie zugunsten der GnRH-Analoga und der anderen
Präparate verlassen.
Danazol ist ein Androgenderivat mit sehr komplexem Wir-
kungsprofil. Es zeigt Wirkungen auf der hypothalamisch-hypo-
physären Ebene und auf Rezeptorebene der Sexualsteroid-
erfolgsorgane. Aktuell sind nun alternative Darreichungsformen
in der klinischen Erprobung, so Danazol-haltige Vaginal-Sup-
positorien sowie ein mit Danazol beschichteter Vaginalring
[64–66]. Die vorläufigen Ergebnisse der bisher kleinen, nicht
kontrollierten Studien lassen hoffen, dass signifikante Wir-
kungen bei geringeren Nebenwirkungen vorhanden sind (EBM
Level II; Kategorie B).
Dauer der Behandlung
Die Mehrzahl der Frauen (bis 90 %) gibt unter der medikamen-
tösen endokrinen Therapie eine Reduktion der Schmerzen an. In
Publikationen werden niedrigere Staging-Scores mit deutlicher
Abnahme von Größe und Anzahl der Implantate beschrieben.
Trotz dieser Daten muss berücksichtigt werden, dass die endo-
krine medikamentöse Therapie derzeit noch eine symptomati-
sche Therapie ist. So wie das Endometrium seine Funktion nach
Absetzen der Hormontherapie wieder aufnimmt, geschieht
dies auch in den ektopen Läsionen [57, 67]. Das Wiederauf-
treten der Schmerzen nach Absetzen der Therapie wird abhängig
vom Beobachtungszeitraum zwischen 30 und 70 % angegeben.
Der beschwerdefreie Zeitraum differiert zwischen 6 und 18
Monaten.
Opioidanalgetika und Koanalgetika
Opioidanalgetika
Kommt es durch die genannten Analgetika und endokrinen The-
rapien nicht zu einer ausreichenden Schmerzreduktion, so kann
eine Therapie mit Opioiden in Betracht gezogen werden (Tab. 5).
Opioide haben auch in der Langzeittherapie des Nichttumor-
schmerzes ihren Stellenwert im Rahmen eines multimodalen,
interdisziplinären Therapiekonzeptes. V orteilhaft sind die feh-
lende Organtoxizität und die sich in aller Regel kurzfristig
einstellende Toleranz gegenüber opioidtypischen unerwünsch-
ten Wirkungen. Ein anhaltender analgetischer und funktions-
verbessernder Effekt ist jedoch nur bei einer Minderheit der
Patienten zu erwarten, sodass die Indikation einer Opioidthe-
rapie kritisch zu prüfen ist. Insbesondere muss der Nachweis
einer langfristigen Dosiskonstanz nach initialer Dosistitration
erbracht werden, um zwischen unspezifischen und spezifi-
schen Wirkungen der Opioide unterscheiden zu können. Eine
38 J GYNÄKOL ENDOKRINOL 2008; 18 (2)
Medikamentöse Schmerztherapie der Endometriose
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Patientin (Nebenwirkungen, Lebenssituation) und an den
Kosten orientieren.
● Die endokrine Therapie verzögert nach dem Absetzen nicht
das Widerauftreten der Symptome/Schmerzen der Endo-
metriose.
● Bitte bedenken Sie stets: Bei bis zu 55 % der Patientinnen
kommt es unter Placebo zu signifikanter Schmerzreduktion
[71].
Literatur:
V or Therapiebeginn sollte eine ausführliche Edukation über
die Wirkungen und Nebenwirkungen sowie über die Thera-
pieregeln erfolgen.
Koanalgetika
Koanalgetika (Tab. 5) sind Schmerzmittel, die initial für an-
dere Indikationen entwickelt wurden. Die wichtigsten Phar-
makonklassen sind (trizyklische) Antidepressiva und Antikon-
vulsiva. Bei Hinweisen auf einen neuropathischen Schmerztyp
(kontinuierlich-brennende oder attackenförmig-einschießen-
de Schmerzqualität durch Läsion von Nervenstrukturen) ist
alternativ zu den trizyklischen Antidepressiva auch die An-
wendung von Antikonvulsiva zu erwägen. Natriumkanalblocker
wie Carbamazepin oder Oxcarbazepin scheinen dabei vor
allem bei attackenförmigen und Kalziumkanalblocker wie
Gabapentin oder Pregabalin eher bei kontinuierlichen schmerz-
haften Dysästhesien geeignet zu sein. Der adäquate Einsatz
von Koanalgetika setzt eine ausführliche Anamnese zum Aus-
schluss von Kontraindikationen, eine langsame Dosissteige-
rung über Wochen, teilweise regelmäßige Laborkontrollen
und eine ausreichende Behandlungszeit zur Effektbeobach-
tung voraus. Die Dosierung erfolgt nicht anhand von Serum-
konzentrationsmessungen, sondern nach Wirkung (EBM Le-
vel I; Kategorie A).
Bei allen schwer therapierbaren Schmerzzuständen sollte –
gemäß dem biopsychosozialen Modell der Schmerzentste-
hung – nach Chronifizierungsfaktoren gesucht werden (v. a.
depressive oder Angststörungen sowie psychosoziale Belas-
tungsfaktoren). Schmerzfragebögen können dafür diagnos-
tisch hilfreiche Hinweise geben (z. B. gemeinsamer Schmerz-
fragebogen der DGSS und der Deutschen Gesellschaft für
Schmerztherapie DGS:
www.dgss.org).
Verbessert eine medikamentöse Therapie
nach chirurgischer Therapie die Schmerz-
reduktion?
Diese Frage wird kontrovers diskutiert, wobei folgende As-
pekte belegt sind:
1. Schmerzsymptome nach chirurgischer Therapie kehren
durchschnittlich nach einem Jahr wieder [69].
2. Eine Kurztherapie (z. B. 3 Monate GnRH-Analogon) ver-
zögert nicht das Wiederauftreten des Endometriose-asso-
ziierten Schmerzes [70].
3. Längere Therapiedauern (6 Monate oder mehr) zeigen in
Studien einen nachhaltigeren Schutz und vermindern die
Notwendigkeit einer baldigen Reoperation [69] (EBM
Level I; Kategorie A).
Abschließende Beurteilung
● NSAID sind wirksam in der Therapie der Endometriose-
assoziierten Schmerzen, aber sie beeinflussen weder die
Endometriose-Läsionen noch den Verlauf der Erkrankung.
● Alle Hormontherapien sind gleich wirksam in der Be-
handlung der Endometriose-assoziierten Schmerzen. Die
Therapieentscheidung sollte sich an den Bedürfnissen der
J GYNÄKOL ENDOKRINOL 2008; 18 (2) 39
Medikamentöse Schmerztherapie der Endometriose
Dr. med. Gülden Halis
Nach dem Studium der Humanmedizin an der
Freien Universität Berlin absolvierte Frau Dr.
Gülden Halis die Facharztausbildung in der
Gynäkologie an der Universitäts-Frauenklinik
der Freien Universität Berlin, heute Klinik für
Gynäkologie der Charité-Hochschulmedizin.
Seit der Gründung des Endometriosezentrums
(2000) liegt hier ihr Schwerpunkt in Klinik und
Forschung. Nach ihrer Facharztprüfung war
sie von 2002–2003 Stipendiatin der DFG an
der Yale-Universität (USA) mit dem Schwer-
punkt Endometriose und Signaltransduktion. Frau Dr. Halis hat eine
abgeschlossene Ausbildung in der gynäkologischen Endokrinologie und
Reproduktionsmedizin und arbeitet seit Juli 2008 im Kinderwunsch- und
Endometriosezentrum Berlin (kez-berlin).
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