J GYNÄKOL ENDOKRINOL 2007; 10 (1) 0
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Psychosomatische Betreuung von Patientinnen mit
Endometriose
Bitzer J, Tschudin S, Frey B, Alder J
Journal für Gynäkologische Endokrinologie 2008; 2 (2)
(Ausgabe für Österreich), 54-57
Journal für Gynäkologische Endokrinologie 2008; 2 (2)
(Ausgabe für Schweiz), 52-55
54 J GYNÄKOL ENDOKRINOL 2008; 18 (2)
Einleitung
Die Endometriose ist eine histologisch zu sichernde, morpho-
logische und funktionelle Erkrankung, die für die biomedizi-
nische Forschung und Praxis große Herausforderungen be-
reithält:
a) Die Ätiologie und Pathogenese sind nicht vollständig geklärt.
b) Die diagnostischen Kriterien unterliegen einem laufenden
Differenzierungsprozess.
c) Zahlreiche therapeutische Optionen konkurrieren mitein-
ander, und es kommen immer neue Therapiekonzepte hinzu
[1]. Dies alles führt dazu, dass die Diagnostik und Thera-
pie der Endometriose immer mehr zu einem multidiszipli-
nären Projekt wird, dessen komplexe Einzelelemente voll
die Aufmerksamkeit der behandelnden Ärzte in Anspruch
nehmen, was zur Folge hat, dass die Patientin selbst in
Gefahr ist, „außer Sicht“ zu geraten.
Die Aufgabe der psychosomatisch orientierten Gynäkologie
ist es, die Patientin als Person ins Blickfeld zu rücken, um die
aus dieser Perspektive sich ergebenden Konsequenzen und For-
derungen für die Betreuung dieser Patientinnen darzustellen.
Im Folgenden sollen deshalb die konstituierenden Elemente
der Erkrankung aus der Sicht der Patientin dargestellt
werden, um daraus praktische Konsequenzen für die psycho-
somatische Basisversorgung und eventuell weiterreichende
spezialisierte Behandlungen abzuleiten.
Eine schwierige und oft verspätet gestellte
Diagnose
Studien haben gezeigt, dass die mittlere Zeitspanne zwischen
Beginn der Symptomatik und Stellen der Diagnose etwa 5
Jahre dauert [2]. Dies bedeutet für viele Patientinnen, dass sie
lange im Unklaren gelebt haben darüber, woher ihre Be-
schwerden kommen, und dass sie häufig die Erfahrung ma-
chen mussten, dass die behandelnden Ärzte keinen medizini-
schen Namen für ihr Leiden hatten. Die Folge davon ist, dass
Patientinnen sich oft von ihren Ärzten allein gelassen und
nicht ernst genommen fühlen. Sie empfinden die Namenlo-
sigkeit ihrer Symptome als Barriere zwischen sich und dem
Arzt oder den Ärzten, und sie reagieren sehr empfindlich auf
den dann immer wieder gemachten V orschlag einer psychia-
trischen Abklärung. Dieser durchaus sinnvolle V orschlag zum
falschen Zeitpunkt und im falschen Kontext lässt in den Pati-
entinnen schon früh ein Misstrauen gegenüber einer so emp-
fundenen „Psychiatrisierung“ entstehen und endet dann oft in
einem Teufelskreis von Missverständnissen und Projektionen
zwischen Ärzten und Patientinnen: Die Ärzte werden von den
Patientinnen als inkompetent und abweisend erlebt und die
Ärzte erleben die Patientinnen als schwierig und psychisch
auffällig.
Aus psychosomatischer Sicht erscheinen deshalb folgende
„Basisinterventionen“ wichtig:
● Den Patientinnen gut zuhören.
● Den Patientinnen respektvoll begegnen, das heißt sie als
Experten für ihr Befinden anerkennen.
● Negative Emotionen (Enttäuschung, V orwurf, Wut, Ver-
zweiflung) annehmen und durch Ansprechen und Verbali-
sieren das Verstehen signalisieren.
● V on Beginn aktiv an der Herstellung einer vertrauensvol-
len Beziehung arbeiten.
Endometriose – eine Krankheit ohne klare
Ursache [3]
Aus der Stressforschung wissen wir, dass Veränderungen dann
als besonders belastend erlebt werden, wenn sie unerwartet
auftreten und ihre Ursachen unklar sind. Dies gilt besonders
auch für Erkrankungen, bei denen keine eindeutige Ursache
Psychosomatische Betreuung von Patientinnen
mit Endometriose
J. Bitzer, S. Tschudin, B. Frey, J. Alder
Korrespondenzadresse: Prof. Dr. med. Johannes Bitzer, Abteilungsleiter Gyn. Sozial-
medizin und Psychosomatik, Frauenklinik, Universitätsspital Basel, CH-4031 Basel,
Spitalstraße 21, E-Mail:
[email protected]
Kurzfassung: Endometriose ist eine Erkrankung, die
Frauen über die ganze reproduktive Phase ihres Lebens
hinweg begleiten kann. Zu verschiedenen Zeiten
brauchen die Patientinnen eine ganzheitliche Hilfe,
die auf einem biopsychosozialen Verständnis dieser
Krankheit gründet. Die wichtigen Merkmale der Er-
krankung aus Sicht der Patientin sind: späte, oft ver-
zögerte Diagnostik einer chronischen Erkrankung
ohne klare Ursache, junges Alter der Betroffenen,
chronische Schmerzen und Infertilität. Diese Merk-
male erfordern eine integrierte psychosomatische
Basisversorgung, die sich aus drei Elementen zusam-
mensetzt: stabile und vertrauensvolle Arzt-Patientin-
Beziehung im Kontext eines multidisziplinären Teams,
Psychoedukation und Empowerment der Patientin,
Support und Entspannungsverfahren. Darauf aufbau-
end können bei schwerer Ausprägung der genannten
Symptome spezialisierte psychosomatische Interven-
tionen zum Einsatz kommen: spezialisierte Integrative
Schmerztherapie, psychosomatische Betreuung von
Kinderwunschpaaren, Sexualberatung und Therapie,
Therapie psychischer Komorbidität.
Abstract: Psychosomatic Care for Patients with
Endometriosis. Endometriosis is a disease, which
may accompany the whole reproductive life span of
the woman affected. At different times patients need
comprehensive care, which is based on a biopsycho-
social understanding of this disease. The most impor-
tant characteristics of the disease from the patient’s
point of view are: delayed diagnosis of a chronic dis-
order of which the cause is not clear, onset at young
age, chronic pain, infertility. Patients therefore need
an integrated basic psychosomatic care, which is
composed of three elements: stable physician-patient
relationship in the context of a multidisciplinary team,
psychoeducation and empowerment, support and re-
laxation training. Based on this care more special-
ized psychosomatic interventions may be necessary
according to the individual clinical situation and needs:
specialized integrative pain management, psycho-
somatic care for infertile couples, sexual counselling
and therapy, therapy of mental health comorbidity.
J Gynäkol Endokrinol 2008; 18 (2): 54–57 .
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J GYNÄKOL ENDOKRINOL 2008; 18 (2) 55
Psychosomatische Betreuung von Patientinnen mit Endometriose
bekannt ist. Das bedeutet immer auch Kontrollverlust, weil
die Betroffene ohne Ursachenverständnis nichts gegen die
Erkrankung oder das Wiederauftreten derselben machen kann.
All das führt zu erhöhter Angst und Anspannung: „Handelt es
sich bei dem Unbekannten vielleicht um etwas viel Bedrohli-
cheres als die Ärzte sagen? Ist es Krebs? Hat es etwas mit mir
zu tun? Habe ich mich angesteckt?“ etc. Eine wichtige Folge
dieser Unklarheit der Erkrankung besteht darin, dass die Pati-
entinnen ihr Leiden oft nicht mitteilen können. Wie soll man
einer Freundin eine so komplexe Krankheit schildern? Schon
der Name ist relativ schwierig und lateinisch. Es ist nicht eine
Unterleibsentzündung oder eine Bauchhöhlenschwangerschaft,
nicht etwas, das andere junge Frauen kennen. Das bedeutet
dann eventuell Rückzug aus dem Gespräch und Isolation.
Eine psychosomatische Basisbetreuung dieser Patientinnen
erfordert deshalb folgende Interventionen:
● Den Patientinnen regelmäßig und wiederholt einfache und
verständliche Informationen über die Erkrankung geben.
● Zu Rückfragen ermuntern.
● Rückmeldungen geben.
● Zweifel aktiv ansprechen.
● Partner (eventuell) und Familienmitglieder mit einbeziehen.
Die Endometriose ist eine chronisch rezi-
divierende Erkrankung [4]
Die Hoffnung der Patientinnen auf Heilung wird immer wieder
enttäuscht und frustriert. Sie müssen bei dieser chronischen
Erkrankung sehr viel Mut aufbringen und täglich für ihre Le-
bensqualität kämpfen. Dies bedeutet auch häufige Arztbesu-
che und eine große Abhängigkeit vom medizinischen System.
Damit einher gehen Belastungen für die berufliche Tätigkeit
und den Alltag in der Familie. Die betroffenen Frauen werden
häufig aus ihren Lebenszusammenhängen herausgerissen und
sind in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt, was zu Beein-
trächtigungen der beruflichen Karriere führen kann. Dies al-
les prädisponiert diese Patientinnen zu depressiven Verstim-
mungen und eventuell zur Entwicklung einer depressiven
Erkrankung.
Aus psychosomatischer Sicht brauchen diese Patientinnen:
● Stabile und flexible Betreuungsangebote, die den Alltags-
anforderungen der Patientinnen gerecht werden
● Stabile und hilfreiche Arzt-Patientinnen-Beziehung
● Frühe Entdeckung von depressiven Entwicklungen
Die Endometriose ist eine Erkrankung
der jungen Frau
Junge Frauen sind im gesellschaftlichen Verständnis gesund,
stark und schön. Sie sind gewissermaßen am Beginn des Le-
bens und haben viele Zukunftserwartungen und Hoffnungen.
Endometriosepatientinnen sind oft leidend, eingeschränkt
und passen nicht in dieses Bild. Dies führt zu einer Beein-
trächtigung des Selbstbildes und des Selbstvertrauens und
kann zum sozialen Rückzug führen oder dazu, dass die Pati-
entinnen von anderen als schwierig erlebt werden und wenig
Interesse besteht, mit ihnen zusammen zu sein. Die Patien-
tinnen selbst entwickeln dann eventuell Gefühle der Eifersucht
und des Neides, was in einen negativen Teufelskreis sozialer
Interaktion hineinführt.
Daraus ergibt sich für eine psychosomatisch orientierte Be-
treuung:
● Aktives Ansprechen der möglichen emotionalen Reaktio-
nen
● Hilfe beim Umgang mit negativen Gefühlen
● Angebot von Selbsthilfegruppen
● Eventuell systemische Interventionen
Die chronischen Unterbauchschmerzen
[5, 6]
Ein Kardinalsymptom der Endometriose sind die chronischen
Unterbauchschmerzen. Chronische Schmerzen führen sehr
oft in einen Teufelskreis aus Schmerz, ängstlicher Erwartung,
vermehrter Anspannung, Zunahme der Schmerzen, noch
mehr Angst und Anspannung und noch mehr Schmerzen. Der
Körper wird zu einer ständigen Last und ist nur selten eine
Quelle der Lust und der Freude. Dies kann zu Beeinträchti-
gungen des Körperbildes, also der inneren Repräsentanz des
Körpers, führen. Alle diese Veränderungen gehen nicht selten
mit Beeinträchtigungen der Sexualität wie Dyspareunie, Ab-
nahme der Libido, Erregungsstörungen und sexuellem Ver-
meidungsverhalten einher.
Diese besonderen Merkmale chronischer Schmerzen müssen
in die Basisbetreuung der Patientinnen integriert werden:
● Angebot einer stabilen Arzt-Patientin-Beziehung im Kon-
text einer integrierten und effizienten Schmerztherapie,
welche neben den Medikamenten psychotherapeutische
und soziale Interventionen beinhaltet (siehe weiter unten)
● Aktives Ansprechen der Körperbildveränderungen und
der psychosozialen Folgen der chronischen Schmerzen
Die ungewollte Kinderlosigkeit
Ein weiteres Kardinalsymptom der Erkrankung ist die unge-
wollte Kinderlosigkeit, die viele Endometriosepatientinnen
betrifft [7]. Sie durchleben eine Infertilitätskrise mit negativen
Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl und die Geschlechts-
identität. Diese Belastungen können zu emotionalen und psy-
chosomatischen Symptomen wie Depression, Angststörung
und somatoformen Störungen führen. Ein Lebensentwurf
wird eventuell infrage gestellt und zu den vorgenannten Be-
lastungen durch Schmerzen, soziale Isolation und medizi-
nische Abhängigkeit treten die Fragen nach dem Sinn und der
Zukunft des Lebens.
Auch folgende Aspekte sollten früh in die psychosomatisch
orientierte Betreuung integriert werden:
● Einfühlsame Begleitung und Betreuung in der Infertilitäts-
krise
● Angebot einer stabilen Arzt-Patientin-Beziehung im Kon-
text einer multidisziplinären Kinderwunschbehandlung
(siehe weiter unten)
56 J GYNÄKOL ENDOKRINOL 2008; 18 (2)
Psychosomatische Betreuung von Patientinnen mit Endometriose
Die Elemente der psychosomatischen
Basisbetreuung von Endometriose-
patientinnen
Wenn man die oben genannten besonderen Merkmale der Er-
krankung und die aus psychosomatischer Sicht notwendige
Hilfe betrachtet, so ergeben sich 3 grundlegende Elemente der
psychosomatischen Basisversorgung von Endometriosepati-
entinnen:
1. Eine stabile, vertrauensvolle und hilfreiche Arzt-Patien-
tin-Beziehung im Zentrum einer multidisziplinären Be-
treuung: Damit ist eine Beziehung gemeint, in der die
Emotionen der Patientin Raum und Verständnis finden, sie
als individuelle Person ernst und angenommen wird und
Unterstützung bei der Bewältigung und dem Umgang mit
der Erkrankung findet.
2. Psychoedukation und Empowerment der Patientin: Regel-
mäßige, wiederholte und verständliche Information über
die Erkrankung und die Behandlungsmöglichkeiten sind
ein wichtiger Baustein der Betreuung. Dazu gehört, dass
die Gespräche keine Einbahnstraße sind, sondern die Pati-
entinnen zu Fragen ermutigt werden und gemeinsame Ent-
scheidungen gesucht werden.
3. Entspannungstechniken: Chronische Erkrankungen und
Belastungen führen zu einem Dauerzustand sympathi-
scher Überaktivität und über die Zeit hinweg zu einer Er-
schöpfung und Dysregulation vegetativer Reaktionen.
Deshalb sollten Endometriosepatientinnen früh die Mög-
lichkeit bekommen, Entspannungstechniken zu erlernen.
Diese reichen von der progressiven Muskelrelaxation
nach Jacobson über das autogene Training und Atemübun-
gen hin zu imaginativen Verfahren.
Spezielle psychosomatische Interventio-
nen bei Endometriosepatientinnen
Entsprechend den beschriebenen Hauptsymptomen (Schmer-
zen, ungewollte Kinderlosigkeit, Sexualstörungen, affektive
Störung) der Endometriose sollten bei schweren Belastungen
spezielle psychosomatische Hilfen angeboten werden.
Spezialisierte Schmerztherapien [8, 9]
Diese Therapien gehen von einem biopsychosozialen Schmerz-
verständnis aus. Die individuelle Schmerzerfahrung (Intensi-
tät, Dauer, Lokalisation) ist das Ergebnis des Zusammenwirkens
von biologischen Prozessen, Emotion, Kognition und Verhalten.
Auf jeder dieser Ebenen kann versucht werden, therapeutisch
auf den Schmerz einzuwirken.
Die biologischen Prozesse umfassen Entzündung, muskuläre
Anspannung, Vasokonstriktion und Dilatation, Kompression
von Nerven etc. Dagegen können verschiedene Antiphlogisti-
ka/Analgetika bis hin zu den Pharmaka gegen neuropathische
Schmerzen zum Einsatz kommen. V on besonderer Bedeutung
aus psychosomatischer Sicht sind dabei Entspannungsverfah-
ren und selbsthypnotische Techniken. Indem die Patientinnen
lernen, Teile ihres Körpers bewusst anzuspannen und dann zu
entspannen, können sie die generalisierten Schmerzreaktio-
nen mit dem oben beschriebenen Teufelskreis abmildern und
abschwächen. Imaginative Verfahren helfen, die Patientinnen
in eine Trance zu versetzen, welche der sympathischen Über-
aktivierung entgegenwirkt.
Auf der emotional-affektiven Ebene sind die chronischen Schmer-
zen durch Erwartungsangst, Frustration, Ärger und Hilflosigkeit
gekennzeichnet. Die affektive Entlastung durch Mitteilung an
den Therapeuten und das Bewusstmachen dieser negativen
Affekte helfen den Patientinnen, diese Begleitreaktionen zu
mindern und abzubauen.
Patientinnen mit chronischen Schmerzen entwickeln oft
Denkmuster (Kognitionen), die man als katastrophisierend
bezeichnet. Damit ist gemeint, dass die Schmerzen sofort
Gedanken auslösen im Sinne von: „Das wird nie aufhören“,
„Ich bin hilflos“, „ Es wird immer schlimmer“, „ Immer ich
bin betroffen“, „Niemand kümmert sich um mich“, „Niemand
kann mir helfen“. Diese Gedanken verstärken die negativen
Emotionen und die vegetativen Begleitreaktionen. Indem die-
se Gedankengänge bewusst gemacht werden, können die Pa-
tientinnen alternative innere Formeln entwickeln, z. B.: „Ich
weiß, dass die Schmerzen kommen und gehen“, „Ich kenne die-
se Schmerzen, es ist wie es ist“, „Ich kann mir Hilfe holen“,
„Ich konzentriere mich auf die guten Momente, die guten Tage“.
Diese „kognitive Umschaltung“ kann die oben beschriebenen
vegetativen und affektiven Umstellungen begünstigen und mit
ihnen zusammenwirken.
Auf der Verhaltensebene können Endometriosepatientinnen
lernen, durch Strukturierungen des Tagesablaufes die gesun-
den Zeiten als Möglichkeit zu nutzen, ihre Ressourcen zu stär-
ken: sportliche Aktivität, Erlernen neuer Fertigkeiten, Wis-
senserwerb, gestalterische Tätigkeiten etc.
Psychosomatische Betreuung infertiler Paare
[10, 11]
Dies Betreuung umfasst verschiedene Phasen: In der diagnos-
tischen Phase geht es am Anfang darum, den Paaren bei der
Bewältigung der Infertilitätskrise zu helfen. Sie sind mit einer
potenziell traumatisierenden Erfahrung konfrontiert, nämlich
dass ihnen eventuell etwas versagt bleibt, was sich bei „allen
anderen“ ohne Probleme erfüllt. Die damit verbundene Not-
wendigkeit, medizinische Hilfe zu suchen, kann zu einer
schweren Kränkung und Verunsicherung führen. Diese Paare
brauchen Gesprächspartner, die auf ihre emotionale Krise
eingehen können und das jeweils individuelle Leiden verste-
hen. Jeder unerfüllte Kinderwunsch setzt sich aus sehr unter-
schiedlichen Elementen zusammen und häufig leiden Frauen
und Männer anders, wobei diese Unterschiede verstanden und
besprochen werden sollten. Dazu kann es hilfreich sein, den
Kinderwunsch im Kontext der familiären V orgeschichten der
beiden Partner zu beleuchten, indem mit einem Familiengeno-
gramm gearbeitet wird. Das Verbalisieren von Gefühlen, die
man eventuell vor dem Partner verbergen will, insbesondere
die negativen Emotionen, kann zur Entlastung (Katharsis)
führen.
Am Ende der diagnostischen Phase müssen Paare wichtige
Entscheidungen über den einzuschlagenden Weg machen
(Therapie ja oder nein, welche Therapie etc.). Hier zeigen sich
J GYNÄKOL ENDOKRINOL 2008; 18 (2) 57
Psychosomatische Betreuung von Patientinnen mit Endometriose
oft erneut Differenzen zwischen den Partnern und manchmal
Konflikte zwischen den Paaren und dem Behandlungsteam.
Die Grundsätze der gemeinsamen Entscheidungsfindung
sollten hier zur Anwendung kommen: Evidenzbasierte umfas-
sende Information über Nutzen und Risiken von Therapiefor-
men durch das Ärzteteam im ersten Schritt. Danach Bewer-
tung der Informationen durch das Paar vor dem Hintergrund
seiner Wertvorstellungen, Erwartungen und Einstellungen.
Dadurch werden Entscheidungsprozesse transparent und zur
Grundlage einer gemeinsam getragenen Therapie.
Während der Behandlungsphase sind die Paare dem Auf und
Ab von Hoffnung und Enttäuschung ausgesetzt. Sie brauchen
jetzt Hilfe beim Umgang mit dem Stress der Therapie: das
Zuhören, das Zeit-Strukturieren, der Einsatz von kognitiven
und gestalterischen Techniken, das Aufarbeiten von Erinne-
rungen, die Besprechung von Sinnfragen, der Rückgriff auf
eigene Erfahrungen im Umgang mit Niederlagen sind Ele-
mente der spezifischen psychosozialen Therapie während der
Kinderwunschbehandlung.
Der Ausgang der Behandlung ist natürlich unterschiedlich.
Die Paare, bei denen der Kinderwunsch unerfüllt bleibt, be-
dürfen oft einer besonderen Betreuung und Begleitung. Es geht
um den Abschied vom Kinderwunsch, um die notwendige
Trauerarbeit und die Entwicklung neuer Lebensperspektiven.
In der Trauerberatung können die Paare nochmals die Bedeu-
tung des Kinderwunsches reflektieren und die seelische Ver-
letzung, die aus der Unerfülltheit herrührt, unter dem Schutz
des Therapeuten zum Ausdruck bringen. Die verschiedenen
möglichen Wege aus der Trauer über den Verlust werden the-
matisiert: Suche nach Möglichkeiten, die Liebe und Fürsorge,
die man dem Kind geben wollte, in einer anderen Form auszu-
drücken und auszuleben; durch Akzeptanz des Schicksals
eine innere Offenheit erzielen, die der Entwicklung neuer Le-
bensziele Raum lässt; aktiv bisherige Lebensziele intensivie-
ren und erweitern; sich gestalterisch ausdrücken und in dem,
was geschaffen wird, sich wiedererkennen und etwas von sich
weitergeben.
Sexualberatung für Endometriosepatientinnen
[12]
Hier stehen oft zunächst die Schmerzen im V ordergrund, die
dann sekundär zu einer Minderung der Libido, der Erregungs-
und Orgasmusfähigkeit führen können. Am Anfang der Bera-
tung ist es wichtig, den befriedigenden Teil des Sexuallebens
aktiv zu explorieren, also die Frage, was an „guter“ Sexualität
für beide vorhanden ist. Die Frage danach erlaubt oft Einsicht
in das gegenseitige Schonungs- und Vermeidungsverhalten
und ist ein erster Schritt in das gemeinsame Gespräch über
sexuelle Bedürfnisse, Wünsche und Ängste. Dabei zeigt sich
eventuell, dass die Schmerzen nur ein Teil des Problems sind
und die depressive Verstimmung, die negativen Gedanken,
die Veränderungen des Körperbildes wichtige andere bedin-
gende Faktoren für die Störung darstellen. Das gemeinsame
Gespräch mit dem Partner ist oft eine große Hilfe für die Pati-
entinnen und dient, wenn früh genug angeboten, auch der Prä-
vention von Missverständnissen und sekundären Verschlech-
terungen.
Betreuung und Behandlung von affektiven Stö-
rungen
Endometriosepatientinnen leiden unter ihrer Erkrankung,
weshalb depressive Reaktionen zu erwarten und zu einem ge-
wissen Grad normal sind. Nichtsdestoweniger ist es wichtig
zu beachten, dass sich bei dieser lang dauernden Erkrankung
eine eigenständige Erkrankung Depression oder auch Angst-
störungen entwickeln können oder diese bereits vorbestehend
in präklinischer Form vorhanden waren. Diese Komorbidität
muss erkannt werden. Das geschieht bei der Depression durch
die strukturierte Anamnese, die bezogen auf einen bestimm-
ten Zeitraum erfasst, wie häufig und intensiv die Gefühle von
fehlendem Antrieb, vermindertem Selbstwert, Sinnlosigkeit
und Traurigkeit vorhanden sind und eventuell mit Appetitver-
änderungen und Schlafstörungen einhergehen. Wenn diese
Erkrankung vorhanden ist, sollte sie auch fachtherapeutisch
(psychopharmakologisch und psychotherapeutisch) behan-
delt werden.
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Prof. Dr. med. Johannes Bitzer
Geboren 1950 in Taiflingen, Deutschland. 1985
Abschluss der Ausbildung und Anerkennung
als Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe
an der Universitäts-Frauenklinik Basel (Vor-
steher: Prof. H. Ludwig). 1993 Habilitation für
gynäkologische und geburtshilfliche Psycho-
somatik. Seit 1994 Leiter der Abteilung „Gynä-
kologische Sozialmedizin und Psychosoma-
tik“ der Universitäts-Frauenklinik Basel (Vor-
steher a. o. Prof. A. C. Almendral, seit 1995 Prof.
W. Holzgreve). Seit 1997 Titularprofessur in
psychosomatischer Gynäkologie und Geburtshilfe. Seit 1998 Präsident
der Internationalen Gesellschaft für Psychosomatische Gynäkologie und
Geburtshilfe ISPOG. Ab 1999 Extraordinariat für Gynäkologie und Geburts-
hilfe.
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