{"paper_id":"a50bf1c5-1941-42cc-a095-8f2cabbd66fe","body_text":"J GYNÄKOL ENDOKRINOL 2007; 10 (1) 0\nOffizielles Organ der Österreichischen\nIVF-Gesellschaft\nOffizielles Organ der Österreichischen\nMenopause-Gesellschaft\nIndexed in EMBASE/Scopus/Excerpta Medica\nwww.kup.at/gynaekologie\nHomepage:\nwww.kup.at/gynaekologie\nOnline-Datenbank mit\n Autoren- und Stichwortsuche\nMember of the\nPsychosomatische Betreuung von Patientinnen mit\nEndometriose\nBitzer J, Tschudin S, Frey B, Alder J\nJournal für Gynäkologische Endokrinologie 2008; 2 (2)\n(Ausgabe für Österreich), 54-57\nJournal für Gynäkologische Endokrinologie 2008; 2 (2)\n(Ausgabe für Schweiz), 52-55\n\n\n\n\n54 J GYNÄKOL ENDOKRINOL 2008; 18 (2)\n Einleitung\nDie Endometriose ist eine histologisch zu sichernde, morpho-\nlogische und funktionelle Erkrankung, die für die biomedizi-\nnische Forschung und Praxis große Herausforderungen be-\nreithält:\na) Die Ätiologie und Pathogenese sind nicht vollständig geklärt.\nb) Die diagnostischen Kriterien unterliegen einem laufenden\nDifferenzierungsprozess.\nc) Zahlreiche therapeutische Optionen konkurrieren mitein-\nander, und es kommen immer neue Therapiekonzepte hinzu\n[1]. Dies alles führt dazu, dass die Diagnostik und Thera-\npie der Endometriose immer mehr zu einem multidiszipli-\nnären Projekt wird, dessen komplexe Einzelelemente voll\ndie Aufmerksamkeit der behandelnden Ärzte in Anspruch\nnehmen, was zur Folge hat, dass die Patientin selbst in\nGefahr ist, „außer Sicht“ zu geraten.\nDie Aufgabe der psychosomatisch orientierten Gynäkologie\nist es, die Patientin als Person ins Blickfeld zu rücken, um die\naus dieser Perspektive sich ergebenden Konsequenzen und For-\nderungen für die Betreuung dieser Patientinnen darzustellen.\nIm Folgenden sollen deshalb die konstituierenden Elemente\nder Erkrankung aus der Sicht der Patientin  dargestellt\nwerden, um daraus praktische Konsequenzen für die psycho-\nsomatische Basisversorgung und eventuell weiterreichende\nspezialisierte Behandlungen abzuleiten.\n Eine schwierige und oft verspätet gestellte\nDiagnose\nStudien haben gezeigt, dass die mittlere Zeitspanne zwischen\nBeginn der Symptomatik und Stellen der Diagnose etwa 5\nJahre dauert [2]. Dies bedeutet für viele Patientinnen, dass sie\nlange im Unklaren gelebt haben darüber, woher ihre Be-\nschwerden kommen, und dass sie häufig die Erfahrung ma-\nchen mussten, dass die behandelnden Ärzte keinen medizini-\nschen Namen für ihr Leiden hatten. Die Folge davon ist, dass\nPatientinnen sich oft von ihren Ärzten allein gelassen und\nnicht ernst genommen fühlen. Sie empfinden die Namenlo-\nsigkeit ihrer Symptome als Barriere zwischen sich und dem\nArzt oder den Ärzten, und sie reagieren sehr empfindlich auf\nden dann immer wieder gemachten V orschlag einer psychia-\ntrischen Abklärung. Dieser durchaus sinnvolle V orschlag zum\nfalschen Zeitpunkt und im falschen Kontext lässt in den Pati-\nentinnen schon früh ein Misstrauen gegenüber einer so emp-\nfundenen „Psychiatrisierung“ entstehen und endet dann oft in\neinem Teufelskreis von Missverständnissen und Projektionen\nzwischen Ärzten und Patientinnen: Die Ärzte werden von den\nPatientinnen als inkompetent und abweisend erlebt und die\nÄrzte erleben die Patientinnen als schwierig und psychisch\nauffällig.\nAus psychosomatischer Sicht erscheinen deshalb folgende\n„Basisinterventionen“ wichtig:\n● Den Patientinnen gut zuhören.\n● Den Patientinnen respektvoll begegnen, das heißt sie als\nExperten für ihr Befinden anerkennen.\n● Negative Emotionen (Enttäuschung, V orwurf, Wut, Ver-\nzweiflung) annehmen und durch Ansprechen und Verbali-\nsieren das Verstehen signalisieren.\n● V on Beginn aktiv an der Herstellung einer vertrauensvol-\nlen Beziehung arbeiten.\n Endometriose – eine Krankheit ohne klare\nUrsache [3]\nAus der Stressforschung wissen wir, dass Veränderungen dann\nals besonders belastend erlebt werden, wenn sie unerwartet\nauftreten und ihre Ursachen unklar sind. Dies gilt besonders\nauch für Erkrankungen, bei denen keine eindeutige Ursache\nPsychosomatische Betreuung von Patientinnen\nmit Endometriose\nJ. Bitzer, S. Tschudin, B. Frey, J. Alder\nKorrespondenzadresse: Prof. Dr. med. Johannes Bitzer, Abteilungsleiter Gyn. Sozial-\nmedizin und Psychosomatik, Frauenklinik, Universitätsspital Basel, CH-4031 Basel,\nSpitalstraße 21, E-Mail: jbitzer@uhbs.ch\nKurzfassung:  Endometriose ist eine Erkrankung, die\nFrauen über die ganze reproduktive Phase ihres Lebens\nhinweg begleiten kann. Zu verschiedenen Zeiten\nbrauchen die Patientinnen eine ganzheitliche Hilfe,\ndie auf einem biopsychosozialen Verständnis dieser\nKrankheit gründet. Die wichtigen Merkmale der Er-\nkrankung aus Sicht der Patientin sind: späte, oft ver-\nzögerte Diagnostik einer chronischen Erkrankung\nohne klare Ursache, junges Alter der Betroffenen,\nchronische Schmerzen und Infertilität. Diese Merk-\nmale erfordern eine integrierte psychosomatische\nBasisversorgung, die sich aus drei Elementen zusam-\nmensetzt: stabile und vertrauensvolle Arzt-Patientin-\nBeziehung im Kontext eines multidisziplinären Teams,\nPsychoedukation und Empowerment der Patientin,\nSupport und Entspannungsverfahren. Darauf aufbau-\nend können bei schwerer Ausprägung der genannten\nSymptome spezialisierte psychosomatische Interven-\ntionen zum Einsatz kommen: spezialisierte Integrative\nSchmerztherapie, psychosomatische Betreuung von\nKinderwunschpaaren, Sexualberatung und Therapie,\nTherapie psychischer Komorbidität.\nAbstract: Psychosomatic Care for Patients with\nEndometriosis. Endometriosis is a disease, which\nmay accompany the whole reproductive life span of\nthe woman affected. At different times patients need\ncomprehensive care, which is based on a biopsycho-\nsocial understanding of this disease. The most impor-\ntant characteristics of the disease from the patient’s\npoint of view are: delayed diagnosis of a chronic dis-\norder of which the cause is not clear, onset at young\nage, chronic pain, infertility. Patients therefore need\nan integrated basic psychosomatic care, which is\ncomposed of three elements: stable physician-patient\nrelationship in the context of a multidisciplinary team,\npsychoeducation and empowerment, support and re-\nlaxation training. Based on this care more special-\nized psychosomatic interventions may be necessary\naccording to the individual clinical situation and needs:\nspecialized integrative pain management, psycho-\nsomatic care for infertile couples, sexual counselling\nand therapy, therapy of mental health comorbidity.\nJ Gynäkol Endokrinol 2008; 18 (2): 54–57 .\nFor personal use only. Not to be reproduced without permission of Krause & Pachernegg GmbH. \n\nJ GYNÄKOL ENDOKRINOL 2008; 18 (2) 55\nPsychosomatische Betreuung von Patientinnen mit Endometriose\nbekannt ist. Das bedeutet immer auch Kontrollverlust, weil\ndie Betroffene ohne Ursachenverständnis nichts gegen die\nErkrankung oder das Wiederauftreten derselben machen kann.\nAll das führt zu erhöhter Angst und Anspannung: „Handelt es\nsich bei dem Unbekannten vielleicht um etwas viel Bedrohli-\ncheres als die Ärzte sagen? Ist es Krebs? Hat es etwas mit mir\nzu tun? Habe ich mich angesteckt?“ etc. Eine wichtige Folge\ndieser Unklarheit der Erkrankung besteht darin, dass die Pati-\nentinnen ihr Leiden oft nicht mitteilen können. Wie soll man\neiner Freundin eine so komplexe Krankheit schildern? Schon\nder Name ist relativ schwierig und lateinisch. Es ist nicht eine\nUnterleibsentzündung oder eine Bauchhöhlenschwangerschaft,\nnicht etwas, das andere junge Frauen kennen. Das bedeutet\ndann eventuell Rückzug aus dem Gespräch und Isolation.\nEine psychosomatische Basisbetreuung dieser Patientinnen\nerfordert deshalb folgende Interventionen:\n● Den Patientinnen regelmäßig und wiederholt einfache und\nverständliche Informationen über die Erkrankung geben.\n● Zu Rückfragen ermuntern.\n● Rückmeldungen geben.\n● Zweifel aktiv ansprechen.\n● Partner (eventuell) und Familienmitglieder mit einbeziehen.\n Die Endometriose ist eine chronisch rezi-\ndivierende Erkrankung [4]\nDie Hoffnung der Patientinnen auf Heilung wird immer wieder\nenttäuscht und frustriert. Sie müssen bei dieser chronischen\nErkrankung sehr viel Mut aufbringen und täglich für ihre Le-\nbensqualität kämpfen. Dies bedeutet auch häufige Arztbesu-\nche und eine große Abhängigkeit vom medizinischen System.\nDamit einher gehen Belastungen für die berufliche Tätigkeit\nund den Alltag in der Familie. Die betroffenen Frauen werden\nhäufig aus ihren Lebenszusammenhängen herausgerissen und\nsind in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt, was zu Beein-\nträchtigungen der beruflichen Karriere führen kann. Dies al-\nles prädisponiert diese Patientinnen zu depressiven Verstim-\nmungen und eventuell zur Entwicklung einer depressiven\nErkrankung.\nAus psychosomatischer Sicht brauchen diese Patientinnen:\n● Stabile und flexible Betreuungsangebote, die den Alltags-\nanforderungen der Patientinnen gerecht werden\n● Stabile und hilfreiche Arzt-Patientinnen-Beziehung\n● Frühe Entdeckung von depressiven Entwicklungen\n Die Endometriose ist eine Erkrankung\nder jungen Frau\nJunge Frauen sind im gesellschaftlichen Verständnis gesund,\nstark und schön. Sie sind gewissermaßen am Beginn des Le-\nbens und haben viele Zukunftserwartungen und Hoffnungen.\nEndometriosepatientinnen sind oft leidend, eingeschränkt\nund passen nicht in dieses Bild. Dies führt zu einer Beein-\nträchtigung des Selbstbildes und des Selbstvertrauens und\nkann zum sozialen Rückzug führen oder dazu, dass die Pati-\nentinnen von anderen als schwierig erlebt werden und wenig\nInteresse besteht, mit ihnen zusammen zu sein. Die Patien-\ntinnen selbst entwickeln dann eventuell Gefühle der Eifersucht\nund des Neides, was in einen negativen Teufelskreis sozialer\nInteraktion hineinführt.\nDaraus ergibt sich für eine psychosomatisch orientierte Be-\ntreuung:\n● Aktives Ansprechen der möglichen emotionalen Reaktio-\nnen\n● Hilfe beim Umgang mit negativen Gefühlen\n● Angebot von Selbsthilfegruppen\n● Eventuell systemische Interventionen\n Die chronischen Unterbauchschmerzen\n[5, 6]\nEin Kardinalsymptom der Endometriose sind die chronischen\nUnterbauchschmerzen. Chronische Schmerzen führen sehr\noft in einen Teufelskreis aus Schmerz, ängstlicher Erwartung,\nvermehrter Anspannung, Zunahme der Schmerzen, noch\nmehr Angst und Anspannung und noch mehr Schmerzen. Der\nKörper wird zu einer ständigen Last und ist nur selten eine\nQuelle der Lust und der Freude. Dies kann zu Beeinträchti-\ngungen des Körperbildes, also der inneren Repräsentanz des\nKörpers, führen. Alle diese Veränderungen gehen nicht selten\nmit Beeinträchtigungen der Sexualität wie Dyspareunie, Ab-\nnahme der Libido, Erregungsstörungen und sexuellem Ver-\nmeidungsverhalten einher.\nDiese besonderen Merkmale chronischer Schmerzen müssen\nin die Basisbetreuung der Patientinnen integriert werden:\n● Angebot einer stabilen Arzt-Patientin-Beziehung im Kon-\ntext einer integrierten und effizienten Schmerztherapie,\nwelche neben den Medikamenten psychotherapeutische\nund soziale Interventionen beinhaltet (siehe weiter unten)\n● Aktives Ansprechen der Körperbildveränderungen und\nder psychosozialen Folgen der chronischen Schmerzen\n Die ungewollte Kinderlosigkeit\nEin weiteres Kardinalsymptom der Erkrankung ist die unge-\nwollte Kinderlosigkeit, die viele Endometriosepatientinnen\nbetrifft [7]. Sie durchleben eine Infertilitätskrise mit negativen\nAuswirkungen auf das Selbstwertgefühl und die Geschlechts-\nidentität. Diese Belastungen können zu emotionalen und psy-\nchosomatischen Symptomen wie Depression, Angststörung\nund somatoformen Störungen führen. Ein Lebensentwurf\nwird eventuell infrage gestellt und zu den vorgenannten Be-\nlastungen durch Schmerzen, soziale Isolation und medizi-\nnische Abhängigkeit treten die Fragen nach dem Sinn und der\nZukunft des Lebens.\nAuch folgende Aspekte sollten früh in die psychosomatisch\norientierte Betreuung integriert werden:\n● Einfühlsame Begleitung und Betreuung in der Infertilitäts-\nkrise\n● Angebot einer stabilen Arzt-Patientin-Beziehung im Kon-\ntext einer multidisziplinären Kinderwunschbehandlung\n(siehe weiter unten)\n\n56 J GYNÄKOL ENDOKRINOL 2008; 18 (2)\nPsychosomatische Betreuung von Patientinnen mit Endometriose\n Die Elemente der psychosomatischen\nBasisbetreuung von Endometriose-\npatientinnen\nWenn man die oben genannten besonderen Merkmale der Er-\nkrankung und die aus psychosomatischer Sicht notwendige\nHilfe betrachtet, so ergeben sich 3 grundlegende Elemente der\npsychosomatischen Basisversorgung von Endometriosepati-\nentinnen:\n1. Eine stabile, vertrauensvolle und hilfreiche Arzt-Patien-\ntin-Beziehung im Zentrum einer multidisziplinären Be-\ntreuung: Damit ist eine Beziehung gemeint, in der die\nEmotionen der Patientin Raum und Verständnis finden, sie\nals individuelle Person ernst und angenommen wird und\nUnterstützung bei der Bewältigung und dem Umgang mit\nder Erkrankung findet.\n2. Psychoedukation und Empowerment der Patientin: Regel-\nmäßige, wiederholte und verständliche Information über\ndie Erkrankung und die Behandlungsmöglichkeiten sind\nein wichtiger Baustein der Betreuung. Dazu gehört, dass\ndie Gespräche keine Einbahnstraße sind, sondern die Pati-\nentinnen zu Fragen ermutigt werden und gemeinsame Ent-\nscheidungen gesucht werden.\n3. Entspannungstechniken: Chronische Erkrankungen und\nBelastungen führen zu einem Dauerzustand sympathi-\nscher Überaktivität und über die Zeit hinweg zu einer Er-\nschöpfung und Dysregulation vegetativer Reaktionen.\nDeshalb sollten Endometriosepatientinnen früh die Mög-\nlichkeit bekommen, Entspannungstechniken zu erlernen.\nDiese reichen von der progressiven Muskelrelaxation\nnach Jacobson über das autogene Training und Atemübun-\ngen hin zu imaginativen Verfahren.\n Spezielle psychosomatische Interventio-\nnen bei Endometriosepatientinnen\nEntsprechend den beschriebenen Hauptsymptomen (Schmer-\nzen, ungewollte Kinderlosigkeit, Sexualstörungen, affektive\nStörung) der Endometriose sollten bei schweren Belastungen\nspezielle psychosomatische Hilfen angeboten werden.\nSpezialisierte Schmerztherapien [8, 9]\nDiese Therapien gehen von einem biopsychosozialen Schmerz-\nverständnis aus. Die individuelle Schmerzerfahrung (Intensi-\ntät, Dauer, Lokalisation) ist das Ergebnis des Zusammenwirkens\nvon biologischen Prozessen, Emotion, Kognition und Verhalten.\nAuf jeder dieser Ebenen kann versucht werden, therapeutisch\nauf den Schmerz einzuwirken.\nDie biologischen Prozesse umfassen Entzündung, muskuläre\nAnspannung, Vasokonstriktion und Dilatation, Kompression\nvon Nerven etc. Dagegen können verschiedene Antiphlogisti-\nka/Analgetika bis hin zu den Pharmaka gegen neuropathische\nSchmerzen zum Einsatz kommen. V on besonderer Bedeutung\naus psychosomatischer Sicht sind dabei Entspannungsverfah-\nren und selbsthypnotische Techniken. Indem die Patientinnen\nlernen, Teile ihres Körpers bewusst anzuspannen und dann zu\nentspannen, können sie die generalisierten Schmerzreaktio-\nnen mit dem oben beschriebenen Teufelskreis abmildern und\nabschwächen. Imaginative Verfahren helfen, die Patientinnen\nin eine Trance zu versetzen, welche der sympathischen Über-\naktivierung entgegenwirkt.\nAuf der emotional-affektiven Ebene sind die chronischen Schmer-\nzen durch Erwartungsangst, Frustration, Ärger und Hilflosigkeit\ngekennzeichnet. Die affektive Entlastung durch Mitteilung an\nden Therapeuten und das Bewusstmachen dieser negativen\nAffekte helfen den Patientinnen, diese Begleitreaktionen zu\nmindern und abzubauen.\nPatientinnen mit chronischen Schmerzen entwickeln oft\nDenkmuster (Kognitionen), die man als katastrophisierend\nbezeichnet. Damit ist gemeint, dass die Schmerzen sofort\nGedanken auslösen im Sinne von: „Das wird nie aufhören“,\n„Ich bin hilflos“, „ Es wird immer schlimmer“, „ Immer ich\nbin betroffen“, „Niemand kümmert sich um mich“, „Niemand\nkann mir helfen“. Diese Gedanken verstärken die negativen\nEmotionen und die vegetativen Begleitreaktionen. Indem die-\nse Gedankengänge bewusst gemacht werden, können die Pa-\ntientinnen alternative innere Formeln entwickeln, z. B.: „Ich\nweiß, dass die Schmerzen kommen und gehen“, „Ich kenne die-\nse Schmerzen, es ist wie es ist“, „Ich kann mir Hilfe holen“,\n„Ich konzentriere mich auf die guten Momente, die guten Tage“.\nDiese „kognitive Umschaltung“ kann die oben beschriebenen\nvegetativen und affektiven Umstellungen begünstigen und mit\nihnen zusammenwirken.\nAuf der Verhaltensebene können Endometriosepatientinnen\nlernen, durch Strukturierungen des Tagesablaufes die gesun-\nden Zeiten als Möglichkeit zu nutzen, ihre Ressourcen zu stär-\nken: sportliche Aktivität, Erlernen neuer Fertigkeiten, Wis-\nsenserwerb, gestalterische Tätigkeiten etc.\nPsychosomatische Betreuung infertiler Paare\n[10, 11]\nDies Betreuung umfasst verschiedene Phasen: In der diagnos-\ntischen Phase geht es am Anfang darum, den Paaren bei der\nBewältigung der Infertilitätskrise zu helfen. Sie sind mit einer\npotenziell traumatisierenden Erfahrung konfrontiert, nämlich\ndass ihnen eventuell etwas versagt bleibt, was sich bei „allen\nanderen“ ohne Probleme erfüllt. Die damit verbundene Not-\nwendigkeit, medizinische Hilfe zu suchen, kann zu einer\nschweren Kränkung und Verunsicherung führen. Diese Paare\nbrauchen Gesprächspartner, die auf ihre emotionale Krise\neingehen können und das jeweils individuelle Leiden verste-\nhen. Jeder unerfüllte Kinderwunsch setzt sich aus sehr unter-\nschiedlichen Elementen zusammen und häufig leiden Frauen\nund Männer anders, wobei diese Unterschiede verstanden und\nbesprochen werden sollten. Dazu kann es hilfreich sein, den\nKinderwunsch im Kontext der familiären V orgeschichten der\nbeiden Partner zu beleuchten, indem mit einem Familiengeno-\ngramm gearbeitet wird. Das Verbalisieren von Gefühlen, die\nman eventuell vor dem Partner verbergen will, insbesondere\ndie negativen Emotionen, kann zur Entlastung (Katharsis)\nführen.\nAm Ende der diagnostischen Phase müssen Paare wichtige\nEntscheidungen über den einzuschlagenden Weg machen\n(Therapie ja oder nein, welche Therapie etc.). Hier zeigen sich\n\nJ GYNÄKOL ENDOKRINOL 2008; 18 (2) 57\nPsychosomatische Betreuung von Patientinnen mit Endometriose\noft erneut Differenzen zwischen den Partnern und manchmal\nKonflikte zwischen den Paaren und dem Behandlungsteam.\nDie Grundsätze der gemeinsamen Entscheidungsfindung\nsollten hier zur Anwendung kommen: Evidenzbasierte umfas-\nsende Information über Nutzen und Risiken von Therapiefor-\nmen durch das Ärzteteam im ersten Schritt. Danach Bewer-\ntung der Informationen durch das Paar vor dem Hintergrund\nseiner Wertvorstellungen, Erwartungen und Einstellungen.\nDadurch werden Entscheidungsprozesse transparent und zur\nGrundlage einer gemeinsam getragenen Therapie.\nWährend der Behandlungsphase sind die Paare dem Auf und\nAb von Hoffnung und Enttäuschung ausgesetzt. Sie brauchen\njetzt Hilfe beim Umgang mit dem Stress der Therapie: das\nZuhören, das Zeit-Strukturieren, der Einsatz von kognitiven\nund gestalterischen Techniken, das Aufarbeiten von Erinne-\nrungen, die Besprechung von Sinnfragen, der Rückgriff auf\neigene Erfahrungen im Umgang mit Niederlagen sind Ele-\nmente der spezifischen psychosozialen Therapie während der\nKinderwunschbehandlung.\nDer Ausgang der Behandlung ist natürlich unterschiedlich.\nDie Paare, bei denen der Kinderwunsch unerfüllt bleibt, be-\ndürfen oft einer besonderen Betreuung und Begleitung. Es geht\num den Abschied vom Kinderwunsch, um die notwendige\nTrauerarbeit und die Entwicklung neuer Lebensperspektiven.\nIn der Trauerberatung können die Paare nochmals die Bedeu-\ntung des Kinderwunsches reflektieren und die seelische Ver-\nletzung, die aus der Unerfülltheit herrührt, unter dem Schutz\ndes Therapeuten zum Ausdruck bringen. Die verschiedenen\nmöglichen Wege aus der Trauer über den Verlust werden the-\nmatisiert: Suche nach Möglichkeiten, die Liebe und Fürsorge,\ndie man dem Kind geben wollte, in einer anderen Form auszu-\ndrücken und auszuleben; durch Akzeptanz des Schicksals\neine innere Offenheit erzielen, die der Entwicklung neuer Le-\nbensziele Raum lässt; aktiv bisherige Lebensziele intensivie-\nren und erweitern; sich gestalterisch ausdrücken und in dem,\nwas geschaffen wird, sich wiedererkennen und etwas von sich\nweitergeben.\nSexualberatung für Endometriosepatientinnen\n[12]\nHier stehen oft zunächst die Schmerzen im V ordergrund, die\ndann sekundär zu einer Minderung der Libido, der Erregungs-\nund Orgasmusfähigkeit führen können. Am Anfang der Bera-\ntung ist es wichtig, den befriedigenden Teil des Sexuallebens\naktiv zu explorieren, also die Frage, was an „guter“ Sexualität\nfür beide vorhanden ist. Die Frage danach erlaubt oft Einsicht\nin das gegenseitige Schonungs- und Vermeidungsverhalten\nund ist ein erster Schritt in das gemeinsame Gespräch über\nsexuelle Bedürfnisse, Wünsche und Ängste. Dabei zeigt sich\neventuell, dass die Schmerzen nur ein Teil des Problems sind\nund die depressive Verstimmung, die negativen Gedanken,\ndie Veränderungen des Körperbildes wichtige andere bedin-\ngende Faktoren für die Störung darstellen. Das gemeinsame\nGespräch mit dem Partner ist oft eine große Hilfe für die Pati-\nentinnen und dient, wenn früh genug angeboten, auch der Prä-\nvention von Missverständnissen und sekundären Verschlech-\nterungen.\nBetreuung und Behandlung von affektiven Stö-\nrungen\nEndometriosepatientinnen leiden unter ihrer Erkrankung,\nweshalb depressive Reaktionen zu erwarten und zu einem ge-\nwissen Grad normal sind. Nichtsdestoweniger ist es wichtig\nzu beachten, dass sich bei dieser lang dauernden Erkrankung\neine eigenständige Erkrankung Depression oder auch Angst-\nstörungen entwickeln können oder diese bereits vorbestehend\nin präklinischer Form vorhanden waren. Diese Komorbidität\nmuss erkannt werden. Das geschieht bei der Depression durch\ndie strukturierte Anamnese, die bezogen auf einen bestimm-\nten Zeitraum erfasst, wie häufig und intensiv die Gefühle von\nfehlendem Antrieb, vermindertem Selbstwert, Sinnlosigkeit\nund Traurigkeit vorhanden sind und eventuell mit Appetitver-\nänderungen und Schlafstörungen einhergehen. Wenn diese\nErkrankung vorhanden ist, sollte sie auch fachtherapeutisch\n(psychopharmakologisch und psychotherapeutisch) behan-\ndelt werden.\nLiteratur:\n1. Kennedy S, Bergqvist A, Chapron D,\nD’Hooghe T, Dunselman G, Greb R,\nHummelshoj L, Prentice A, Saridogan E;\nESHRE Special Interest Group for Endome-\ntriosis and Endometrium Guideline Devel-\nopment Group. ESHRE guideline for the\ndiagnosis and treatment of endometriosis.\nHum Reprod 2005; 20: 2698–704.\n2. Husby GK, Haugen RS, Moen MH. Diag-\nnostic delay in women with pain and en-\ndometriosis. Acta Obstet Gynecol Scand\n2003; 82: 649–53.\n3. Lebovic DI, Mueller MD, Taylor RN.\nImmunobiology of endometriosis. Fertil\nSteril 2001; 75: 1–10.\n4. Koninchx PR, Meuleman C, Demeyere S,\nLesaffre E, Cornillie FJ. Suggestive evidence\nthat pelvic endometriosis is a progressive\ndisease, whereas deeply infiltrating endo-\nmetriosis is associated with pelvic pain.\nFertil Steril 1991; 55: 759–65.\n5. Vercellini P , Trespidi L, De Giorgi O, Cortesi\nI, Parazzini F , Crosignani PG. Endometriosis\nand pelvic pain: relation to disease stage\nand localization. Fertil Steril 1995; 65:\n299–304.\n6. Chapron C, Fauconnier A, Dubuisson JB,\nBarakat H, Vieira M, Bréart G. Deep infil-\ntrating endometriosis: relation between\nseverity of dysmenorrhoea and extent of\ndisease. Hum Reprod 2003; 18: 760–6.\n7. D’Hooghe TM, Debrock S, Hil, JA,\nMeuleman C. Endometriosis and subfertility:\nis the relationship resolved? Semin Reprod\nMed 2003; 21: 243–54.\n8. Egle UT, Derra C, Nix WA, Schwab R.\nSpezielle Schmerztherapie. Schattauer\nVerlag, New York, 1999.\n9. Bitzer J. Il dolore in obstetricia e gineco-\nlogia. In: Piccione E (ed). Argomenti di gine-\ncologia e ostetricia psicosomatica. CIC\nEdisioni Internazionali, Roma, 2003; 1–7.\n10. Bitzer J. Psycho-Neuro-Endokrinologie\ndes Stresses: die Bedeutung für die psycho-\nsomatische Gynäkologie und Geburtshilfe.\nSchweiz Arch Neurol Psychiatr 2003 (Son-\nderdruck); 154: 445–52.\n11. Bitzer J. Counselling in infertility treat-\nment. In: Boivin J, Kentenich H (ed). ESHRE\nmonographs: guidelines for counselling in\ninfertility. Oxford University Press, Oxford,\n2002; 14–20.\n12. Bitzer J, Alder J. Sexualmedizin für den\nGynäkologen. Gynäkologe 2003; 36: 891–\n6.\nProf. Dr. med. Johannes Bitzer\nGeboren 1950 in Taiflingen, Deutschland. 1985\nAbschluss der Ausbildung und Anerkennung\nals Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe\nan der Universitäts-Frauenklinik Basel (Vor-\nsteher: Prof. H. Ludwig). 1993 Habilitation für\ngynäkologische und geburtshilfliche Psycho-\nsomatik. Seit 1994 Leiter der Abteilung „Gynä-\nkologische Sozialmedizin und Psychosoma-\ntik“ der Universitäts-Frauenklinik Basel (Vor-\nsteher a. o. Prof. A. C. Almendral, seit 1995 Prof.\nW. Holzgreve). Seit 1997 Titularprofessur in\npsychosomatischer Gynäkologie und Geburtshilfe. Seit 1998 Präsident\nder Internationalen Gesellschaft für Psychosomatische Gynäkologie und\nGeburtshilfe ISPOG. Ab 1999 Extraordinariat für Gynäkologie und Geburts-\nhilfe.\n\nMitteilungen aus der Redaktion\nHaftungsausschluss\nDie in unseren Webseiten publizierten Informationen richten sich ausschließlich an geprüfte \nund autorisierte medizinische Berufsgruppen und entbinden nicht von der ärztlichen Sorg-\nfaltspflicht sowie von einer ausführlichen Patientenaufklärung über therapeutische Optionen \nund deren Wirkungen bzw. Nebenwirkungen. Die entsprechenden Angaben werden von den \nAutoren mit der größten Sorgfalt recherchiert und zusammengestellt. Die angegebenen Do-\nsierungen sind im Einzelfall anhand der Fachinformationen zu überprüfen. 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