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JOURNAL FÜR
FERTILITÄT UND REPRODUKTION
JOURNAL FÜR
FERTILITÄT UND REPRODUKTION
Krause & Pachernegg GmbH · VERLAG für MEDIZIN und WIRTSCHAFT · A-3003 Gablitz
ZEITSCHRIFT FÜR IN-VITRO-FERTILISIERUNG, ASSISTIERTE REPRODUKTION UND KONTRAZEPTION
Indexed in EMBASE/
Excerpta Medica
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www.kup.at/fertilitaet
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GÖRETZLEHNER G
Dienogest - ein innovatives Gestagen
Speculum - Zeitschrift für Gynäkologie und Geburtshilfe 2003; 21
(2) (Ausgabe für Schweiz), 35-35
Journal für Menopause 2003; 10 (2) (Ausgabe für Österreich)
35-36
Speculum - Zeitschrift für Gynäkologie und Geburtshilfe 2003; 21
(2) (Ausgabe für Österreich), 35-36
Journal für Fertilität und Reproduktion 2003; 13 (2) (Ausgabe
für Österreich), 36-37
J. FERTIL. REPROD. 2 /200336
G. Göretzlehner
DIENOGEST –
EIN INNOVATIVES GESTAGEN
Dienogest (17α-Cyanomethyl-17β-
hydroxy-4,9-estradien-3-on (DNG))
vereinigt die Vorzüge der 19-Norte-
stosteron-Derivate (Norgestagene)
mit den typischen Eigenschaften der
17α-Hydroxyprogesteron-Derivate.
Dienogest ist der erste Repräsentant
der sogenannten Hybridgestagene [1].
Dienogest wurde vom Nortestosteron
abgeleitet, enthält aber im Gegensatz
zu den anderen Gestagenen dieser
Gruppe anstelle der 17α-Ethinylgruppe
eine Cyanomethylgruppe. Diese spe-
zifische Struktur ist für das besondere
pharmakodynamische und pharma-
kokinetische Profil von Dienogest
verantwortlich. Dienogest weist dem-
zufolge die Vorzüge der 19-Nortesto-
steron Derivate, wie
●starke gestagene Wirkung am
Endometrium,
●Rezeptorselektivität,
●eine relativ kurze Halbwertszeit,
●hohe orale Bioverfügbarkeit,
●in Kombination mit Estrogenen
sehr gute Blutungskontrolle
(Zykluskontrolle),
●keine toxikologischen bzw. gen-
toxikologische Auffälligkeiten
sowie die typischen Eigenschaften der
Hydroxyprogesteron-Derivate wie
●gute Verträglichkeit,
●antiandrogene Wirkung,
●kurzdauernde antigonadotrope
Wirkung und
●ausgeprägte antiproliferative
Wirkung
auf [2].
Einige der spezifischen pharmako-
dynamischen Eigenschaften von
Dienogest lassen sich durch eine sog.
„nicht klassische“ Wirkungsweise
erklären. Dienogest wirkt sowohl
rezeptor- als auch nicht rezeptorver-
mittelt.
Dienogest wird nach oraler Applika-
tion rasch und nahezu vollständig
resorbiert, unterliegt fast nicht dem
First-pass-Effekt und weist mit 95 %
eine sehr hohe Bioverfügbarkeit auf.
Die Plasmaeliminationshalbwertszeit
beträgt etwa 9 Stunden und ist damit
im Vergleich zu allen anderen syn-
thetischen Gestagenen die zweitkür-
zeste. Lediglich die Halbwertszeiten
von Norethisteronacetat und dem
endogenen Progesteron (33 Minuten)
sind noch kürzer. Durch diese kurze
Halbwertszeit kumuliert Dienogest
nicht [3, 4].
Dienogest liegt im Serum in einem
relativ hohen Anteil von 10 % frei
und damit biologisch wirksam vor.
90 % sind an Albumin gebunden. Im
Gegensatz zu anderen Gestagenen
ist der Anteil der freien, biologisch
verfügbaren Verbindungen im Serum
sehr hoch. Dadurch wird eine sehr
gute Penetration von Dienogest in die
Gewebe ermöglicht. Die Bindungs-
affinität zum SHBG (Sexual Hormone
Binding Globuline) ist im Gegensatz
zu allen anderen 19-Nortestosteron-
Derivaten sehr gering. Mit dem CBG
(Corticosteroide Binding Globuline)
geht Dienogest ebenfalls keine Bin-
dung ein. Testosteron und Cortisol
werden deshalb nicht aus ihren Bin-
dungsproteinen (SHGB und CBG)
verdrängt und können biologisch
nicht aktiv werden.
Dienogest weist eine ausgesprochene
Rezeptorselektivität auf. Außer zum
Progesteron-Rezeptor gab es zu den
anderen Steroidrezeptoren nur ver-
nachlässigbare Bindungsaffinitäten.
Selbst die Bindungsaffinität zum Pro-
gesteron-Rezeptor ist mäßig [5], ob-
wohl im Gegensatz dazu eine starke
gestagene Wirkung am Endometrium
nachweisbar ist. Dienogest bindet
kaum am Estrogen-Rezeptor und
wirkt nicht estrogen und antiestrogen.
Eine geringe Bindung erfolgt an den
Androgen-Rezeptor, ohne daß andro-
gene oder anabole Wirkungen entfal-
tet werden. Dienogest induziert auch
keine glukokortikoiden und mineralo-
kortikoiden Effekte.
Die gestagene Wirkung am Endome-
trium wird bereits in niedriger Dosie-
rung entfaltet, während die Effekte auf
das ZNS im Gegensatz zu Progesteron
nur minimal sind. Dienogest entfaltet
bei einer Dosierung von 2 mg täglich
– auch wieder im Gegensatz zum
Progesteron – in der Mitte der Corpus
luteum-Phase keine Einflüsse auf die
hypothalamisch kontrollierte Pulsati-
lität der LH-Sekretion. Die Synthese
und Speicherung von FSH und LH
und damit die Reaktivität der Hypo-
physe wurden durch die
Dauermedi-
kation von 2 mg Dienogest nicht auf-
gehoben, sondern blieben erhalten
[6].
Das Cytochrom P450-Enzymsystem
wird durch Dienogest nicht beeinflußt,
wodurch sich keine unerwünschten
Wechselwirkungen bei der gleichzei-
tigen Einnahme anderer Medikamente
ergeben [7]. Beeinträchtigungen der
Leberfunktion, des Lipidmetabolismus
und Kohlenhydratstoffwechsels wurden
bisher nicht beobachtet. Bei Lang-
zeiteinnahme von 2 mg Dienogest
zeigten weder ASAT (Aspartat-Amino-
transferase), ALAT (Alanin-Aminotrans-
ferase), GGT (Gamma-Glutamattrans-
ferase), AP (Alkalische Phosphatase),
LDH (Laktatdehydrogenase) noch
Gesamtbilirubin Abweichungen vom
Normbereich [8].
In präklinischen und klinischen Stu-
dien wurden ausgeprägte knochen-
protektive, antiproliferative und
antiandrogene Wirkungen ermittelt.
Dienogest wirkt auf den Knochen
protektiv. Dieser Effekt könnte auf
einer ausgeprägten Hemmung kno-
chenresorptiver Cytokine durch
Dienogest beruhen. In Mäuseosteo-
klasten führte Dienogest in vitro im
Gegensatz zu Danazol und Medroxy-
progesteronacetat zu einer signifi-
kanten Hemmung der Interleukine
1β und 6 sowie des TNF-α (Tumor-
nekrosefaktor) und zur Apoptose der
Osteoklasten [9].
Der starke antiproliferative Effekt von
Dienogest am Endometrium beruht
nicht ausschließlich auf einem klassi-
schen Kernrezeptormechanismus,
sondern auf einer Hemmung der
Proteinkinase-C-Aktivität und eine
Abnahme von cAMP [10]. Dienogest
reduziert die PP14-Konzentrationen
AKTUELLES
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37J. FERTIL. REPROD. 2 /2003
AKTUELLES/
IMPRESSUM
und wirkt direkt antiproliferativ auf
endometriale Stromazellen [11].
In präklinischen Untersuchungen an
bestimmten Mammatumorzellmodel-
len entfaltete Dienogest im Gegesatz
zu Medroxyprogesteronacetat anti-
proliferative Wirkungen. Diese anti-
proliferative Wirkung könnte wenig-
stens teilweise auf die ausgeprägte
Angiogenesehemmung zurückzufüh-
ren sein [12, 13].
Dienogest entfaltete sowohl in vitro
als auch in vivo eine ausgeprägte
antiandrogene Wirkung. Es hemmt
die 5α-Reduktase in der Haut [14].
Die antiandrogene Wirkung wurde im
Hershberger-Test nur durch Cyprote-
ronacetat übertroffen und entspricht
etwa 40 % jener des Cyproteronace-
tats.
In den letzten Jahren gab es sehr viele
Berichte und Spekulationen, daß
durch die Ausscheidung der Steroide
die Umwelt zu stark belastet würde.
Dienogest wird in aeroben Fermenta-
tionskulturen schon nach kurzer
Inkubation rasch oxidiert. Die dabei
entstehenden 4 Metaboliten sind
dann für die bekannten biologischen
Abbaupfade im Boden leicht zugäng-
lich. Aber auch durch Hefen und
anaerobe Fermentation geschieht der
Abbau problemlos [15] Das bedeutet,
daß nach der Ausscheidung von
Dienogest, die vorwiegend über die
Nieren erfolgt, durch die leichte
Transformation von den unterschied-
lichsten Mikroorganismen offensicht-
lich keine Umweltrisiken zu erwarten
sind.
Aufgrund dieser besonderen pharma-
kodynamischen Eigenschaften ist
Dienogest für die Anwendung im
Rahmen der hormonalen Kontrazep-
tion (zyklische und Langzeiteinnah-
me), Hormonersatztherapie und bei
gynäkologischen Erkrankungen (En-
dometriose, Androgenisierung) mit
seiner antiandrogenen Komponente
besonders gut geeignet.
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Prof. Dr. med. Gunther Göretzlehner
D-18057 Rostock, Parkstraße 11
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