J GYNÄKOL ENDOKRINOL 2007; 10 (1) 0
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Rezidivierende Endometriose bei Kinderwunsch: Operieren
oder stimulieren?
Brunbauer M
Journal für Gynäkologische Endokrinologie 2012; 6 (2)
(Ausgabe für Österreich), 5-7
Journal für Gynäkologische Endokrinologie 2012; 6 (2)
(Ausgabe für Schweiz), 6-8
J GYNÄKOL ENDOKRINOL 2012; 22 (2) 5
Kurzfassung: Endometriose ist neben dem Tuben-
verschluss und dem PCO-Syndrom eine der Haupt-
ursachen für reduzierte Fertilität bei der Frau. Zur
eindeutigen Diagnosesicherung ist die operative
Diagnostik Standard. Eine Sanierung ist in vielen
Fällen in der gleichen Sitzung möglich. Um nichts
unnötig zu (zer-) stören, sei die Maxime: eher
weniger als mehr.
Ein Rezidiv bedeutet eine weitere Reduktion
der Schwangerschaftsrate. Eine Zweitoperation
kann zwar Beschwerden lindern, verbessert aber
die Spontan-Schwangerschaftsrate nur gering.
Der Zweiteingriff ist also bezüglich der reinen
Schwangerschaftsrate einer modernen IVF-Be-
handlung eindeutig unterlegen.
Schlüsselwörter: Endometriose, IVF, Rezidiv,
Operation
Abstract: Recurrent Endometriosis and De-
sire to Have Children: Operation or Stimu-
lation? Endometriosis is, along with blocked
fallopian tubes and polycystic ovary syndrome
(PCOS), one of the main causes of reduced fe-
male fertility. For a definitive diagnosis, surgery
is the gold standard and, in many cases, it is also
possible to treat the endometriosis at the same
time. In order not to unnecessarily damage any-
thing, the approach is less rather than more.
The recurrence of endometriosis reduces the
chances of conception even more. A second op-
eration can alleviate the symptoms, but only
slightly improves the chances of a natural concep-
tion. As such, in terms of pregnancy, IVF treatment
is the preferred option to a second operation.
J Gynäkol Endokrinol 2012; 22 (2): 5–7.
Key words: endometriosis, IVF, recurrence, op-
eration
■■■■■Einleitung
Unter Endometriose versteht man das Auftreten von endome-
triumartigen Zellverbänden außerhalb des Cavum uteri. Defi-
nitionsgemäß können diese Absiedlungen im gesamten Kör-
per auftreten, Prädilektionsstellen sind jedoch im kleinen
Becken. Diese Erkrankung gehört somit zu den so genannten
gutartigen, proliferativen Erkrankungen und ist östrogenabhän-
gig [1].
Endometriose ist eine der häufigsten gynäkologischen Erkran-
kungen. Die Prävalenz liegt bei 10–15 % in der Allgemeinbe-
völkerung. Die genaue Prävalenz ist nicht bekannt, da zur ex-
akten Quantifikation eine histologische Diagnostik mittels
Laparoskopie nötig wäre. Frauen mit chronischen Unterbauch-
schmerzen haben in 20–47 % eine Endometriose [2]. Die Häu-
figkeit steigt zunächst mit zunehmendem Lebensalter an, um
dann knapp prämenopausal wieder abzufallen.
■■■■■Erscheinungsformen
Aufgrund des topographischen Vorkommens unterscheidet man
2 Formen: die Endometriose und die Adneomyose (entlang der
Müller’schen Gänge, Tube, Corpus und Cervix uteri, Fornices
und im Bereich der Sakrouterinligamente) [3].
Nach makroskopischen Gesichtspunkten unterscheidet man
weiße, gelbe, rote und schwarze Herde. Alle genannten For-
men können bei ein und derselben Patientin gleichzeitig auf-
treten. Rote und nicht-pigmentierte Herde gelten als frühe und
besonders aktive Bereiche der Endometriose. Als Prädilekti-
onsstellen gelten das Peritoneum und die Ovarien (hier
vornehmlich als Zysten). Besonders bei der tief infiltrierenden
Endometriose ist die exakte Diagnosestellung und Stadienein-
Rezidivierende Endometriose bei Kinderwunsch:
Operieren oder stimulieren?
M. Brunbauer
Aus der KinderWunschKlinik Wien
Korrespondenzadresse: Dr. Mathias Brunbauer, KinderWunschKlinik Wien,
A-1140 Wien, Hadikgasse 82; E-Mail:
[email protected]
teilung schwierig. Die ursprüngliche Einteilung nach der Ame-
rican Society of Reproductive Medicine (ASRM) wird in die-
sen komplizierten Fällen vor allem durch den so genannten
ENZIAN-Score ersetzt [4].
■■■■■Entstehungstheorien
Die genaue Pathogenese ist nach wie vor unklar. Man sieht die
Endometriose heute als eine polygene, multifaktorielle Erkran-
kung. Genetische und milieubedingte Ursachen spielen dabei
eine Rolle.
Eine der am häufigsten genannten Entstehungstheorien ist die
„retrograde Menstruation“. Mitbedingt durch eine peristalti-
sche Überaktivität des Uterus gelangt Menstruationsblut durch
das Fimbrienende der Tube in die freie Bauchhöhle [5].
Die zweite große Entstehungstheorie erklärt die Entwicklung
von Endometriose über eine Metaplasie des Zölomepithels.
Hierbei wandelt sich primär gesundes Gewebe in endometrio-
tisches Gewebe um. Besonders am Ovar scheint dieser Me-
chanismus eine große Rolle zu spielen [6].
■■■■■Endometriose und Kinderwunsch
Besonders wenn es um das Thema Infertilität geht, spielt die
Endometriose eine wichtige Rolle. Die pathophysiologischen
Mechanismen werden auch hierbei kontroversiell diskutiert und
hängen teilweise vom Ausprägungsgrad ab. Die American
Society for Reproductive Medicine (ASRM) gibt 4 Stadien vor:
– I = minimal
– II = mild
– III= moderat
– IV= schwer
Stadium I und II haben wahrscheinlich keinen starken Einfluss
auf die Schwangerschaftsrate: Es gibt Hinweise, dass das ver-
mehrte Auftreten von Prostaglandinen, Metalloproteinasen,
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6 J GYNÄKOL ENDOKRINOL 2012; 22 (2)
Zytokinen und Chemokinen in einen Entzündungsprozess
mündet, welcher mit einer gestörten Follikulogenese, Befruch-
tung und Implantation einhergeht [7]. Unterstützt wird diese
Theorie durch Studien, bei denen unter erhöhten Werten bei
Makrophagen und Zytokinen in der Peritonealflüssigkeit sogar
die Spermienmotilität und Zilienfunktion der Eileiter abgenom-
men hat [8]. Darüber hinaus kommt es selbst beim eutopen
Endometrium zu Funktionsdefekten, wenn gleichzeitig Endo-
metriose besteht [9]. Eine weitere Komponente dürfte eine ge-
wisse Resistenz gegen Progesteron sein. Bei der Endometriose
lässt sich eine Abnahme der Progesteron-Rezeptoren an der
Zelloberfläche nachweisen [10]. Das wiederum geht mit einer
inkompletten Transformation des Endometriums und einer
geringeren Implantationsrate einher.
In klinischen Studien hat sich zeigen lassen, dass eine rein
konservative Therapie keinen positiven Effekt auf die Spon-
tan-Schwangerschaftsrate hat [11]. Die hormonelle Suppres-
sion (GnRH-Analoga) ist eine effiziente Therapie bezüglich
der Reduktion der Dysmenorrhö-Rate. Eine Steigerung der
Schwangerschaftsrate lässt sich jedoch nicht nachweisen.
■■■■■Operative Therapie und Kinderwunsch
Zur Diagnosesicherung ist nach wie vor die histologische Be-
fundung vorgesehen. Eine operative Diagnostik ist somit oft
der erste Schritt, um eine Verdachtsdiagnose zu erhärten. Die
große Frage ist nur, ob eine operative Sanierung auch einen
Benefit im Vergleich zu einer IVF-Behandlung bringt.
Bei Patientinnen mit Stadium I oder II liegt nur eine geringe
Veränderung der physiologischen Verhältnisse vor. Eine ope-
rative Behandlung birgt hier die Gefahr der Übertherapie in
sich. Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2000 demonstrierte in
diesem Setting ein Verbesserung der Schwangerschaftsrate um
den Faktor 1,65 (p = 0,42) nach Operation [12].
Bei Frauen mit moderater oder schwerer Endometriose wird
eine chirurgische Therapie meist ausgeprägter ausfallen. Hier
werden üblicherweise Endometriome am Ovar entfernt, peri-
toneale Auflagerungen reseziert sowie pelvine Verwachsungen
zur Wiederherstellung gelöst. Unmittelbares Ziel ist die Wie-
derherstellung der normalen Anatomie und Funktion. Eine Stei-
gerung der Fertilitätsrate konnte dadurch in randomisierten
Studien nicht bewiesen werden. Beobachtungsstudien jedoch
deuten auf einen gewissen Nutzen hin. Somit kann gesagt werden,
dass eine laparoskopische Vorbehandlung bei tief infiltrieren-
der Endometriose die Schwangerschaftsrate einer anschließen-
den IVF-Behandlung (höchstwahrscheinlich) verbessern wird
[13].
Der größte Nutzen einer operativen Therapie zeigt sich im
kurzen zeitlichen Abstand zur Operation. Ansonsten besteht
die Gefahr, dass neuerliche periovarielle Verwachsungen den
erreichten Therapie-Erfolg wieder zunichte machen.
Wenn eine primäre operative Sanierung keinen Schwanger-
schaftserfolg bringt, vermag eine Zweitoperation kaum noch
zusätzlichen Nutzen zu bringen. Zwei Gründe dienen als Er-
klärung: Schnell wiederkehrende Endometriose scheint ein
besonders aggressives Wachstumsverhalten zu zeigen und chi-
rurgisch induzierte De-novo-Adhäsionen können sich zusätz-
lich negativ auf die Schwangerschaftsrate auswirken. Eine
systematische Übersichtsarbeit untersuchte den reproduktiven
Erfolg nach wiederholter Chirurgie bei rezidivierender Endo-
metriose [14]. Diese Arbeit zeigte, dass nur 25 % der Patientin-
nen nach dem wiederholten Eingriff schwanger wurden. Dies
entsprach etwa der halben Rate von Patientinnen, welche nach
der ersten OP schwanger wurden. Die Schwangerschaftsrate
in der IVF-Gruppe war signifikant höher.
■■■■■Endometriosezysten
Endometriosezysten (Abb. 1) finden sich oft an den Ovarien.
Diese können eine beachtliche Größe einnehmen. Sie sind mit
koaguliertem Blut gefüllt (Schokoladezysten). Eine Aspirati-
on ist wegen der hohen Viskosität des Zysteninhalts meist nicht
von nachhaltigem Erfolg gekrönt. Auch besteht dabei meist
erhebliche Infektionsgefahr. Geronnenes Blut ist ein idealer
Nährboden für Keime. In der Literatur findet man auch die
Möglichkeit einer sklerosierenden Therapie beispielsweise mit
Alkohol. Da jedoch die Nutzen-Nebenwirkungs-Relation nicht
sehr vorteilhaft ist, wird allgemein davon abgeraten.
Das optimale chirurgische Vorgehen ist die komplette operati-
ve Entfernung des Herdes im Sinne einer Zystenausschälung.
Eine reine Fensterung einer Endometriosezyste gilt nicht als
ausreichend. Sie hat eine hohe Rezidivhäufigkeit [15]. Ob eine
operative Sanierung von Endometriomen einen Vorteil bringt,
der sich auch in der Schwangerschaftsrate widerspiegelt, dazu
gibt es nur wenig Datenmaterial. Trotzdem gibt es zu dieser
Frage eine Metaanalyse. Darin lässt sich kein Vorteil einer
operativen Sanierung vor einer IVF-Behandlung nachweisen
[16, 17].
In diesem Zusammenhang sei aber die Leitlinie der ÖGGG
„Management des auffälligen Adnexbefundes“ erwähnt. In
dieser wird – zum Ausschluss einer malignen Erkrankung – je
nach Größe und Beschwerdedauer ein operatives Vorgehen
empfohlen.
Abbildung 1: Endometriosezysten
Rezidivierende Endometriose bei Kinderwunsch: Operieren oder stimulieren?
J GYNÄKOL ENDOKRINOL 2012; 22 (2) 7
Rezidivierende Endometriose bei Kinderwunsch: Operieren oder stimulieren?
■■■■■Chirurgie oder IVF
Die Rolle der Operation vor einer IVF-Behandlung wird kon-
troversiell gesehen [18, 19]. Aber die Konzeptionshäufigkeit
ist ja schließlich nicht der einzige Entscheidungsfaktor. Es
herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass Endometriome bei
einem Durchmesser von > 4 cm Komplikationen bei der Ei-
zellgewinnung machen können [20].
Zum Thema Operation verglichen mit der IVF-Behandlung bei
rezidivierender moderater oder schwerer Endometriose gibt es
2 Studien. Diese finden einen tendenziellen Vorteil für die IVF-
Therapie (Odds-Ratio von 1,5), jedoch ist das Ergebnis nicht
signifikant [21]!
■■■■■Interessenkonflikt
Der Autor gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
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■■■■■Zusammenfassung/Relevanz für die
Praxis
Endometriose ist eine der Hauptursachen für Infertilität bei
der Frau. Es stellt sich jedenfalls die Frage, ob eine opera-
tive Therapie einer IVF-Behandlung überlegen ist. Rando-
misiert-kontrollierte Studien sind in dieser Fragestellung
leider rar gesät. Dieser Zustand lässt Raum für Diskussio-
nen offen.
Diese Diskussionen werden auch dadurch genährt, dass
jeder Spezialist die Werkzeuge am liebsten verwendet, die
er am besten beherrscht.
4. Tuttlies F, Keckstein J, Ulrich U, et al.
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Dr. Mathias Brunbauer
Studium in Graz, Wien und Barcelona. Nach
dem Turnus Fachausbildung am Wilhelmi-
nenspital der Stadt Wien. Drei Jahre Ober-
arzt am LK St. Pölten (Kinderwunschzen-
trum). Seit Juli 2011 Ärztlicher Leiter der
KinderWunschKlinik – Dr. Loimer in Wien.
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