Menopause
J.Gynäkol.Endokrinol.CH2021·24:58–68
https://doi.org/10.1007/s41975-021-00191-2
Angenommen:31.März2021
Onlinepubliziert:27.April2021
©Der/dieAutor(en)2021
UrsulaGobrecht-Keller
GynäkologischeEndokrinologieundReproduktionsmedizin,Frauenklinik,UniversitätsspitalBasel,Basel,
Schweiz
GestagengabeinderMenopause:
WassindUnterschiede,Vorteile
undNachteiledereinzelnen
Präparate?
EineaktuelleÜbersicht
Einleitung
„Gestagen“ ist ein kollektiver Begriff für
eineganzeReiheSexualsteroide,welcher
natürliches Progesteron, Dydrogesteron
(ein Stereoisomer von Progesteron) und
diverse synthetische Verbindungen ein-
schliesst.
Der physiologische Zweck des natür-
lichen Progesterons ist die sekretorische
Umwandlung des durch Östrogene pro-
liferierten Endometriums in der Gebär-
mutter,umdieBedingungenfürdieEin-
nistung einesEmbryos für eineSchwan-
gerschaftbereitzustellen.DanachistPro-
gesteron für den Erhalt der Schwanger-
schaft zuständig, in dem es Kontraktio-
nen des Myometriums verhindert. Tritt
keine Schwangerschaft ein, löst sich das
Corpusluteumunweigerlichaufundbe-
wirkt so einen Abfall der Progesteron-
konzentrationimBlutkreislauf.AlsFolge
dessen kommt es zur Menstruation.
Imnatürlichen ovulatorischen Mens-
truationszyklusentstehtdieProgesteron-
konzentrationimBlutdurcheineKombi-
nationvonhauptsächlicherSekretionim
Corpus luteum des Ovars nach stattge-
habterOvulation undzueinemgeringe-
ren Beitrag aus dem Kortex der Neben-
nieren. Während der Follikelphase be-
trägt die Progesteronkonzentration im
Blut <2nmol/l. Postovulatorisch steigt
die Progesteronkonzentration im Serum
auf Spiegel über mindestens 7nmol/l.
InderPerimenopausekommteszuei-
nemzunehmendenMangelanProgeste-
ronaufgrundderindieserPhasehäufigen
anovulatorischen Zyklen, und im Zuge
dessen auch zu einem Ungleichgewicht
zwischen Östrogenen und Progesteron.
DadurchkommtesinderPerimenopause
häufigzuuterinenBlutungsstörungen.In
derPostmenopausekommtdieendogene
Progesteronproduktion in den Ovarien
zum Erliegen.
Daraus ergeben sich folgende klini-
sche Anwendungen von Gestagenen in
derPeri-undPostmenopause:Siekönnen
als Gestagenmonotherapie zur Zyklus-
regulierung in der Perimenopause ein-
gesetztwerden,beiBedarfauchzurhor-
monellenKontrazeption („progestin on-
lypill“,IUD,Dreimonatsspritze)oderzur
Hormontherapie, wenn Östrogene kon-
traindiziert sind.
InderPostmenopauseführtderchro-
nische Östrogenmangel bei vielen Frau-
enzuklimakterischenBeschwerden,wel-
che durch eine Östrogensubstitution re-
duziert werden können. Bei erhaltenem
UterusmussdieÖstrogentherapie zwin-
gendmiteinerGestagengabekombiniert
(kombinierte Östrogen-Gestagen-The-
rapie)werden,umdasEndometriumvor
unkontrollierter Proliferation unddamit
a u c hv o rm a l i g n e rE n t a r t u n gz us c h ü t -
zen. Eine fehlende Zugabe von Gestage-
nenbeierhaltenemUterusgiltheutzutage
als ärztlicher Kunstfehler [1].
Leider sind es aber gerade oft die
Nebenwirkungen der Gestagene,welche
zumunkontrolliertenAbsetzeneinerbe-
reits begonnenen Hormontherapie füh-
ren, da es besonders die Gestagenkom-
ponente ist, welche Nebenwirkungen
verursachen kann: Durchbruchsblutun-
gen, Brustspannen, „Bloating“, Nausea,
Somnolenz, Kopfschmerzen, reduzierte
Libido sowie Depressionen [2]. Zudem
könnenGestagenenegativemetabolische
Effekte beispielsweiseaufdasLipidprofil
oder die Glukosehomöostase ausüben.
Dazu kommt seit Veröffentlichung der
WHI-Studie die grosse Angst vor ei-
nem erhöhten Mammakarzinomrisiko,
welches überwiegend den Gestagenen
angelastet wird. Wie also wählt man das
idealebeziehungsweise„unschädlichste“
Gestagen für die individuelle Frau aus?
Hier sollen im Folgenden nun Indi-
kation, Anwendung,VorzügeundNach-
teilederverschiedenenGestagenein der
Hormontherapie der Peri- und Postme-
nopause (MHT) dargestellt werden.
EinteilungderGestagene
Da natürliche Gestagene, wie Progeste-
ron, nach oraler Applikation rasch in
der Leber abgebaut, konjugiert und als
wasserlöslicheMetabolitenüberdieNie-
ren ausgeschieden werden, wurden syn-
thetische Gestagene mit längerer Halb-
wertszeit entwickelt, sodass uns heute
eine Vielzahl von Präparaten mit ver-
schiedenen Partialwirkungen und Dar-
reichungsformenfürtherapeutischeAn-
wendungen zur Verfügung stehen.
Die synthetischen Gestagene leiten
sich chemisch überwiegend von natür-
58 JournalfürGynäkologischeEndokrinologie/Schweiz2·2021
Abb.1 8EinteilungderGestagene
lichenSexualsteroiden ab, entweder von
Progesteron/OH-Progesteron (17α-OH-
Progesteron-Derivate und 19-Norpro-
gesteron-Derivate) oder von Testoste-
ron (19-Nortestosteronderivate). Eine
Sonderform ist das Spirolactonderivat
Drospirenon.
ZurGruppeder Progesteronderivate
gehören einerseits die Pregnane abgelei-
tet vom 17α-OH-Progesteron (Medro-
xyprogesteronacetat, Megestrolacetat,
Medrogeston und Dydrogesteron sowie
die Antiandrogene Cyproteronacetat
und Chlormadinonacetat), andererseits
dieNorpregnaneabgeleitetvom19-Nor-
progesteron(Demegeston,Promegeston,
Trimegeston und Nestoron).
Die19-Nortestosteron-Derivatever-
lieren, obwohl vom Androgen 19-Nor-
testosteron abgeleitet, durch das Ein-
führen einer Ethinylgruppe an Position
C-17α ihre androgene Wirkung zuguns-
teneinergestagenenAktivität. Einewei-
tereAufgliederungerfolgtindieEstrane,
welche Norethisteron (Norethindron)
und seine Metaboliten einschliessen,
und die Gonane, welche aus Levonor-
gestrel und seinen Derivaten bestehen
([3]; .Abb.1).
InihrerzeitlichenEntwicklungunter-
scheidetmanbeidenTestosteronderiva-
ten eine 1., 2. und 3. Generation. Sinn-
voller ist allerdings eine Einteilung nach
ihrem Wirkspektrum.
Ihre Wirkung vermitteln Gestagene
einerseits durch Bindung an den beiden
nuklearen Progesteronrezeptoren sowie
zusätzlich durch Interaktion mit mem-
branären Bindungsstellen. Letztere sind
dadurch gekennzeichnet, dass die endo-
krineSignalvermittlungvielschnellerer-
folgt. Synthetische Gestagene docken, je
nachMolekül,aberauchananderenSte-
roidrezeptoren an und besitzen dadurch
ein breites Spektrum an Partialwirkun-
gen, die sie vom Progesteron, aber auch
voneinander unterscheiden.Je nachAb-
kömmlingbindensiemehroderweniger
stark an Androgen-, Glukokortikoid-,
Mineralokortikoid- und, seltener, an
Östrogenrezeptoren. Dort können sie
agonistisch oder antagonistisch wirken.
Dieserklärtihrjeweilsunterschiedliches
Wirkspektrum (.Tab.1).
Wie das natürliche Progesteron ver-
fügen alle synthetischen Gestageneüber
eine antiöstrogene Wirkung. Nahezu al-
le 19-Nortestosteron-Derivate verfügen
zusätzlich über eine androgene Partial-
wirkung. Eine Ausnahme ist Dienogest,
welcheschemischein19-Nortestosteron-
Derivatist,sichjedochwieeinAbkömm-
lingdesProgesteronsoder17α-OH-Pro-
gesterons verhält. Dienogest wirkt nicht
androgen, sondern antiandrogen. Weni-
ge synthetische Gestagene besitzen auch
eine geringe östrogene Restwirkung [3].
DieinderMenopausegebräuchlichen
Gestagene können in oraler Form allein
oder in Kombination mit Östrogenen,
als transdermales Pflaster in fixer Kom-
binationmitÖstrogen,vaginal(cave:nur
Progesteron!) oder als Intrauterinpessar
angewendet werden. In Europa häufig
gebrauchte Gestagene der menopausa-
len Hormontherapie (MHT) sind Pro-
gesteron, Dydrogesteron, Medroxypro-
gesteronacetat,Norethisteronacetat,No-
megestrolacetat, Levonorgestrel und Di-
enogest [4].
Bei Frauen, welche sich erst seit Kur-
zem in den Wechseljahren befinden, ist
ein sequenzielles MHT-Regime (täg-
liches Östrogen mit einem Gestagen
für 12–14 Tage/Zyklus) angezeigt. Bei
Frauen, welche seit mindestens einem
Jahr postmenopausal sind, und bei den-
jenigen mit schwachen oder fehlenden
Entzugsblutungen kann auf ein kon-
JournalfürGynäkologischeEndokrinologie/Schweiz2·2021 59
tinuierliches (tägliches) kombiniertes
Östrogen/Gestagen-Regime gewechselt
werden. Blutungsfreie kontinuierliche
MHT ist bei Patienten mit einer Endo-
metriumdicke <5mm möglich [4].
WersolltetrotzfehlenderGebärmutter
einekombinierteMHTerhalten? Zuga-
bevonGestagenenistindiziertbeiFrauen
mit Endometriose in der Vorgeschichte
[5], nach suprazervikaler Hysterektomie
und bei Zustand nach Endometriumab-
lation.
WerbrauchthingegenkeineGestagen-
zugabe?Beivaginaler(ultra-)niedrigdo-
sierter Östrogentherapie ist kein Gesta-
gen zur Endometriumprotektion erfor-
derlich.
Ausgewählte Gestagene im
Detail
MikronisiertesProgesteron
Mikronisiertes Progesteron (MP) wird
ausJamsoderSojagewonnen.Durchdie
Mikronisierung wird die orale Verfüg-
barkeit verbessert. Trotzdem müssen im
Vergleichzudensynthetischen Gestage-
nen aufgrund der ausgeprägten hepati-
schenMetabolisierunghöhereDosierun-
genverwendetwerden.ZweiMetaboliten
von Progesteron, Allopregnanolon und
Pregnanolon, führen zum einzigartigen
sedativenEffektvonProgesteron[6].Die
Präparate solltenalsoabendseingenom-
menwerdenundimFallevonSchlafpro-
blemen per os (nicht vaginal).
Dydrogesteron
DasPregnanDydrogesteron,auchRetro-
progesterongenannt,isteinStereoisomer
von Progesteron und verfügt über ähn-
liche Eigenschaften wie Progesteron. Es
istein schwachesProgesteron mit gerin-
gerer Affinität zum Progesteronrezeptor
als Progesteron, verfügt aufgrund seines
Metaboliten 20α-Dihydrodydrogesteron
jedoch über eine längere Halbwertszeit.
Dydrogesteron weistkeinerleiandro-
gene oder östrogene Partialwirkung auf.
Zusammenfassung · Résumé
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©Der/dieAutor(en)2021
U.Gobrecht-Keller
GestagengabeinderMenopause:WassindUnterschiede,Vorteile
undNachteiledereinzelnenPräparate?EineaktuelleÜbersicht
Zusammenfassung
FrauenmitintaktemUterusmüssenbeider
Anwendungeinessystemischwirksamen
ÖstrogenszurEndometriumprotektionein
Gestagenerhalten.Gestagenelassensich
inverschiedeneWirkstoffgruppeneinteilen,
welcheunterschiedlichePartialwirkungen
haben.Diesbedeutet,dasseskeinenKlassen-
effektderGestagenegibt,sonderndieEffekte
aufMetabolismussowieaufhormonsensible
Gewebe wie Brust,Endometrium und
Knochen variierenkönnen.Mikronisiertes
ProgesteronundDydrogesteronscheinen
inHinblickaufHerz-Kreislauf-Systemund
BrustdiesichersteOptionzusein.IhreEffekte
aufdieGlukosehomöostaseunddenLipid-
stoffwechselsindneutral.Einemenopausale
Hormontherapie,einschliesslichderWahldes
Gestagens,sollteimmerentsprechenddem
RisikoprofilunddenBehandlungszielender
Patientinindividualisiertwerden.
Schlüsselwörter
MenopausaleHormontherapie·Partial-
wirkungenderGestagene·Mamma-und
Endometriumkarzinom· Glukose-und
Lipidstoffwechsel·Osteoporose
Administrationdeprogestatifsdanslaménopause:différences,
avantagesetinconvénientsdesdifférentespréparations.Un
aperçudelasituationactuelle
Résumé
Lesfemmesdontl’utérusestintactdoivent
recevoirunprogestatiflorsqu’ellesutilisent
un œstrogène actifparvoie systémique
pourprotégerl’endomètre.Lesprogestatifs
peuventêtreclassésendifférentsgroupes
d’agentsactifsquiontdesdifférentseffets
partiels.Celasignifiequ’onn’apasuneffet
declassedesprogestatifs,maisdeseffets
variablessurlemétabolismeet surdes
tissushormonosensiblestelsque lesein,
l’endomètre et lesos. Il sembleque les
préparationsmicroniséesdeprogestéroneet
dedydrogestéronesoientl’optionlaplussûre
concernantlesystèmecardio-vasculaireetle
sein.Leurseffetssurl’homéostaseduglucose
etlemétabolismedeslipidessontneutres.
Untraitementhormonaldelaménopause,
ycomprispourlechoixduprogestatif,doit
toujoursêtreindividualiséepourlapatiente
enfonctionduprofilderisqueetdesobjectifs
dutraitement.
Motsclés
Traitementhormonaldelaménopause·Effets
partielsdesprogestatifs·Cancerduseinetde
l’endomètre·Métabolismeduglucoseetdes
lipides·Ostéoporose
Levonorgestrel-IUD
DasLNG-IUS(„levonorgestrel-releasing
intrauterine system“) wirkt im Uterus
übereineDezidualisierungdesEndome-
triums undbewirkt soeineAtrophie der
Drüsen.DasEndometriumistdamiteffi-
zient vor Polypen, Hyperplasie und En-
dometriumkarzinom geschützt, ein Ef-
fekt, der besonders erwünscht ist unter
einerpostmenopausalenÖstrogenthera-
pie oder auch bei Tamoxifeneinnahme.
Das LNG-IUD kann auch zur Behand-
lung von Hyperplasien eingesetzt wer-
den. Gemäss einer Cochrane-Database-
M e t a a n a l y s ei s td i eE i n l a g ee i n e sL N G -
IUS effizienter als die Behandlung mit
oralemGestagen(sogenanntehormonel-
le Curettage; [7]).
Perimenopausal kann das IUD zu-
demMenorrhagienunddamitverbunde-
neAnämievermindern undbietet einen
sicheren Empfängnisschutz.
Systemische Auswirkungen sind be-
schrieben, wie eine transiente Senkung
der High-density-Lipoprotein(HDL)-
Konzentration, aber insgesamt sind die
systemischen Nebenwirkungen gering
ausgeprägt [8].
Von den auf dem Markt erhältlichen
LNG-IUD sind nur solche, die 20μg
60 JournalfürGynäkologischeEndokrinologie/Schweiz2·2021
Hier stehteineAnzeige.
K
Menopause
Tab. 1 SpektrumderhormonalenAktivitätenvonGestagenen.(NachBirkhäuser[3])
Gestagen Antiöstrogen Östrogen Androgen Antiandrogen Glukokortikoide
Aktivität
Antimineralokortikoide
Aktivität
Progesteron + – – (+) + +
Chlormadinonacetat + – – + + –
Cyproteronacetat + – – + + –
Medroxyprogesteron-
acetat
+ – (+) – + –
Medrogeston + – – – ? –
Dydrogesteron + – – – ? (+)
Norethisteron + + + – – –
Levonorgestrel + – + – – –
Gestoden + – + – (+) +
Etonogestrel + – + – (+) –
Norgestimat + – + – ? ?
Dienogest + – – + – –
Tibolon + + ++ – – –
Drospirenon + – – + – +
Trimegeston + – – (+) – (+)
Promegeston + – – – + –
Nomegestrolacetat + – – + – –
Nestoron + – – – – ?
Progesteron + – – (+) + +
++ stark wirksam, + wirksam, (+) schwach wirksam,– unwirksam,? unbekannt
LNG/24 Std. abgeben, zur Endometri-
umprotektion zu empfehlen.
Tibolon
Tibolon ist strukturell mit dem Gesta-
gen 19-Nortestosteron verwandt. Tibo-
lonentwickeltdurchseineneinzigartigen
MetabolismusunterschiedlicheWirkun-
gen in den verschiedenen Geweben. Es
wird in drei biologisch aktive Metaboli-
ten metabolisiert: der 3α-Hydroxy und
der 3β-Hydroxy-Metabolit haben östro-
genagonistische Eigenschaften, der Δ-4-
Ketoisomer-Metabolit besitzt gestagene
sowie androgene Eigenschaften. Dieser
letztgenannte Δ-4-Ketoisomer-Metabo-
lit wird vorwiegend im Endometrium
produziert, bindet an den Progesteron-
rezeptorundschütztsomitdasEndome-
trium vor dem agonistischen Effekt der
beiden östrogenagonistischen Metaboli-
ten.
Tibolon hat keine signifikanten Ef-
fekteaufLipid-undGlukosestoffwechsel
und erhöht auchnicht dasThromboem-
bolierisiko,jedochfandsicheinerhöhtes
Risiko für Insult bei älteren Frauen [9].
AufgrundderandrogenenPartialwir-
kung wird eine verbesserte Sexualfunk-
tion postuliert.
GestageneunddieBrust
EpidemiologischeDatenzurMHThaben
immerwiedergezeigt,dassdieZugabeei-
nes Gestagens zum Östrogen das Risiko
einer Brustkrebsdiagnose im Vergleich
zurÖstrogenanwendungalleinerhöht.In
einerStudievonKerlikowskeundMitar-
beitern war die Verwendung von Östro-
gen und Gestagen über einen Zeitraum
von mehr als 5 Jahren mit einem höhe-
ren Risiko für die Diagnose von Brust-
krebs verbunden (RR 1,49), verglichen
mit Nichtanwenderinnen und alleiniger
Östrogeneinnahme, welche beide keine
Risikoerhöhungzeigten[10].Dieswurde
durcheineMetaanalysebestätigt,dieein
durchschnittlichesrelativesRisikofürdie
Diagnose eines invasiven Mammakarzi-
noms von 0,79 bei alleiniger Östrogen-
einnahme und von 1,24 bei Östrogen/
Gestagen-Einnahme ergab (vier rando-
misierte Studien; [11]).
In der französischen E3N-Kohor-
tenstudie wurde der Zusammenhang
zwischen verschiedenenMHT-Regimen
und dem Brustkrebsrisiko bei 80.377
Frauen nach der Menopause bewertet
undverglichen.Östrogenwurdemitver-
schiedenenGestagenenkombiniert,ein-
schliesslich Progesteron (MP), Dydro-
gesteron, Medrogeston, Chlormadinon-
acetat, Cyproteronacetat, Promegeston,
Nomegestrolacetat, Norethindronacetat
und Medroxyprogesteronacetat (MPA)
[12].
Östrogen-MP-undÖstrogen-Dydro-
gesteron-Kombinationen waren mit kei-
nemAnstiegdesRisikosfürMammakar-
zinom verbunden bei Anwendung un-
ter 5 Jahren. In einem Follow-up der
Kohorte wurde dann allerdings bei An-
wendung von MP oder Dydrogesteron
vonmehrals6Jahrendocheinerhöhtes
relatives Risiko von 1,31 festgestellt, im
Vergleich zur Risikoerhöhung von 2,02
bei Gebrauch synthetischer Gestagene
über mehr als 5 Jahre. Die Risikoerhö-
hung durch synthetische Gestagene un-
terschiedsichnicht signifikant zwischen
den verschiedenen Präparaten.
62 JournalfürGynäkologischeEndokrinologie/Schweiz2·2021
Tab. 2 MammakarzinomrisikobeiinderSchweizverwendetenMHT-Gestagenen
Gestagen RisikoMammakarzinom Literatur
MikronisiertesProgesteron NurbeiAnwendung>5Jahre E3N-Studie(Fournieretal.[ 13],Gompel&Plu-Bureau[ 15])
Dydrogesteron NurbeiAnwendung>5Jahre E3N-Studie(Fournieretal.[ 13],Gompel&Plu-Bureau[ 15])
Medroxyprogesteron +
(korrigierteDatenWHI:nurbeiAn-
wendung>5Jahre)
WHI-Studie,MillionWomenStudy(Mansonetal.[ 13],Andersonetal.[ 40],
Vinogradovaetal.[ 41],Yangetal.[ 42])
Norethisteron +
– (DanishOsteoporosisPrevention
Study)
MillionWomenStudy(Vinogradovaetal.[ 41],Mosekildeetal.[ 43],Yangetal.
[42])
Levonorgestrel +(LNG-IUDwahrscheinlichgeringeres
Risiko)
MillionWomenStudy(Vinogradovaetal.[ 41],Yangetal.[ 42],Conzetal.[ 18],
Dominicketal.[ 19])
Drospirenon ? KeineIn-vivo-Daten
Tibolon –
ErhöhtesRezidivrisiko!
Formoso etal.[44],Bundredetal.[ 17]
NachAbsetzeneinerlängerals5-jäh-
rigen MHTmit MPoder Dydrogesteron
verschwand das Brustkrebsrisiko rasch.
ImGegensatzdazuwardasBrustkrebsri-
siko auch5–10 Jahre nachAbsetzenvon
MHTmitsynthetischenGestagenen,ein-
genommen >5 Jahre, noch erhöht [13].
Murkes und Mitarbeiter untersuch-
ten, ob ein direkter Effekt der unter-
schiedlichenGestagene auf dasBrustge-
webe gemessen werden kann: Das syn-
thetische Gestagen Medroxyprogestero-
nacetat (konjugierte equine Östrogene
[CEE] und MPA) wurde mit mikroni-
siertemProgesteron(E2undMP)vergli-
chen:71Frauenwurdenin jeweilseinen
Behandlungsarm randomisiert und vor
Therapiestartsowienochmalsnach2Mo-
naten Hormoneinnahme biopsiert: Die
Proliferation von Ki-67 (Proliferations-
marker für sich schnell teilende Zellen)
indenBrustbiopsatenwarsignifikanter-
höht im Arm der CEE/MPA-Einnahme,
nicht jedoch bei E2/MP-Einnahme[14].
EinemöglicheErklärung dafürsindUn-
terschiede in der Partialwirkung dieser
beiden Gestagene: MPA scheint stärker
glukokortikoidagonistisch sowie andro-
genrezeptoragonistisch auf die Brust zu
wirken als Progesteron, welches antian-
drogen wirkt und nur geringfügig glu-
kokortikoidrezeptoragonistisch [15].
EinesystematischeLiteraturrecherche
vonStuteundMitarbeiternzumEinfluss
vonÖstrogeneninKombinationmitMP
auf die postmenopausale Brustdrüse er-
gab, dass die Mammographiedichte ent-
wederzunehmenoderunverändertblei-
benkann,dieProliferationsinduktion im
Vergleichzu„konventioneller“MHTwe-
nigerausgeprägtwarunddasBrustkrebs-
risikobiszu5Jahrelangnichtbeeinflusst
wurde.DieAnwendungvonÖstrogenen
inKombination mitMPoderDydroges-
teron war jedoch nach durchschnittlich
6 Jahren Behandlungsdauer mit einem
leichten, aber signifikanten Anstieg des
Brustkrebsrisikos verbunden [16].
Tibolon übt auf die gesunde Brust
einen protektiven Effekt bezüglich des
Mammakarzinomrisikos aus. Bei Status
nach Mamma-Ca stieg jedoch das Rezi-
divrisiko an, wie die LIBERATE-Studie
zeigte[17].Dieserklärtsichwahrschein-
lichdurcheinenunterschiedlichenEffekt
von Tibolon auf normales Brustgewebe
im Vergleich zu Brustkrebszellen.
EineMetaanalysevon2020deutetauf
eininsbesonderebeiälterenFrauenmög-
licherweise erhöhtes Risiko für Brust-
krebs bei Anwendung eines LNG-IUD
hin. Die Odds Ratio betrug für alle An-
wenderinnen 1,16, für Frauen 50 Jahre 1,52
[18]. GemässAutoren wurde eine allfäl-
ligezusätzlicheHormontherapie beiden
postmenopausalenFrauenunzureichend
berücksichtigt und als möglicher Stör-
faktor in der Auswertung gedeutet. Ei-
neCochrane-Database-Metaanalysevon
2015,welchedieendometrialeSicherheit
von LNG-IUD bei Brustkrebspatientin-
nen unter Tamoxifen untersuchte, fand
keine klare Evidenz für einen Effekt von
LNG-IUD auf Mammakarzinomrezidi-
ve oder brustkrebsbezogene Todesfälle
[19].
Zusammenfassend und entspre-
chend der International Menopause
Society(IMS)-Guideline lässt sich sagen,
dass Estrogen-only-Hormontherapien
ein niedrigeres Risiko für Brustkrebs
zeigen als die mit Gestagenen kombi-
nierte Hormontherapie (.Tab.2). Das
AusmassdesRisikoanstiegsunterkombi-
nierter Östrogen/Gestagen-Gabe hängt
vom verwendeten Gestagentyp (mit der
jeweiligen Partialwirkung) und von der
Anwendungsdauer ab. MP und Dydro-
gesteron scheineneinniedrigeres Risiko
für Brustkrebs mit sich zu bringen als
synthetische Gestagene. Die American
Association of Clinical Endocrinologists
(AACE) empfiehlt entsprechend MP
explizit als sicherere Alternative zu syn-
thetischen Gestagenen [20]. Insgesamt
ist das Risiko für Brustkrebs aufgrund
von MHT gering und nimmt nach Be-
endigung der Behandlung progressiv ab
[21].
Gestagene und das Endo-
metrium
JedeÖstrogenmonotherapieinduziertei-
nedosisabhängigeStimulationdesEndo-
metriums,wasdasRisikoeinesEndome-
triumkarzinoms auf das bis zu 9-fache
ansteigen lässt. Frauen mit erhaltenem
UterusmüssendaherunbedingtzumEn-
dometriumschutz ein Gestagen in der
passenden Transformationsdosis erhal-
ten. Unter kontinuierlich-kombinierter
Östrogen/Gestagen-Gabefindetsicheine
geringereInzidenzvonEndometriumhy-
perplasien und -karzinomen als bei se-
JournalfürGynäkologischeEndokrinologie/Schweiz2·2021 63
Menopause
quenzieller Gabe. Eine Hormontherapie
miteinerGestagengabenuralle3Monate
(sog. Langzyklus) bietet keinen optima-
len endometrialen Schutz [22].
NebenderDauerderGestagenanwen-
dung spielt auch die Art der Gestagen-
komponente in der Hormontherapie ei-
ne Rolle. Zwei randomisierte, kontrol-
lierte Studien verglichen die sequenziel-
le Gabevon Chlormadinonacetat (CMA
10mg/Tag) mit MP (200mg/Tag): CMA
lieferte eine vollständigere progestogene
Transformation des Endometriums als
MP [23, 24]. Der PEPI-Trial zeigte,dass
MP im Vergleich mit Medroxyprogeste-
ronacetat(MPA)dasEndometriumüber
dieDauervon3Jahrengleichgutvorhy-
perplastischen Veränderungen schützte
[25]. In Zusammenschau mit den Er-
gebnissen der KEEPS-Studie (sequenzi-
ell MP 200mg/Tag für 4 Jahre) und der
E3N-Studie kam ein systematisches Re-
view zum Schluss, dass bei Kombinati-
o nv o nÖ s t r o g e n e nm i ts e q u e n z i e l l e m
oralem MP ein ausreichender Endome-
triumschutz besteht für bis zu 5 Jahre
[26]. Bei Langzeitanwendung von MP
bzw. Dydrogesteron als Gestagenkom-
ponente zeigten die E3N-Studiendaten
allerdings ein erhöhtes Risiko für En-
dometriumkarzinom (MP: HR 2,66 bei
über 5-jähriger Anwendung; Dydroges-
teron: 1,69 bei über 5-jähriger Anwen-
dung; [13]).
Insgesamt kann davon ausgegangen
werden,dasseinesequenzielleGabevon
200mg MP oral während 12–14 Tagen
pro Monat das Endometrium ausrei-
chend schützt bei Anwendung unter
5 Jahren. Bei kontinuierlicher Gabe von
MPreichtimFalleeinerniedrigenÖstro-
gendosierung (2mg/50μg täglich) die
Einnahme von 100mg MP oral täglich,
ansonsten sollte die Dosis angepasst
werden [21]. Eine vaginale Applikation
von MP wurde vorgeschlagen, um die
systemischen Effekte auf die Brust zu
vermindern, beigleichzeitiggenügender
Endometriumprotektion. Dies scheint
sicher bei Anwendung von 3 bis 5 Jah-
ren („off label use“). Einetransdermale
MP-Gabe bringt keinen ausreichenden
Endometriumschutz [26].
Alternativ kann eine intrauterine
Gestagenspirale (20μg LNG/Tag) einge-
setzt werden.
Zusammenfassend und gemäss S3-
Leitlinie 2020 ist die kontinuierlich-
kombinierte MHTunter5 Jahren Dauer
unter Verwendung eines synthetischen
Gestagens hinsichtlich des Endometri-
umkarzinomrisikos die sicherste Vari-
ante [27].
GestageneundMetabolismus
Östrogene werden mit günstigen Effek-
ten auf die Glukosehomöostase und das
Lipidprofil in Verbindung gebracht. Die
meisten randomisierten, kontrollierten
Studien zeigten bei zusätzlicher Gabe
eines Gestagens einen abgeschwächten
bisaufgehobenenEffektdieserpositiven
Stoffwechselwirkungen von Östrogenen
[28], weshalb die Wahl des Gestagens
besondersbeimetabolischvorbelasteten
Frauen wichtig ist.
DiabetesInsbesondere Medroxyproges-
teronacetat(MPA)scheintdenpositiven
Effekt von Östrogenen auf die Glukose-
homöostase zu verringern, wahrschein-
lich durch seine glukokortikoide Akti-
vität. Testosteronabkömmlinge wie Le-
vonorgestrelkönnendieInsulinresistenz
erhöhen. Für Norethisteronacetat sind
die Daten weniger eindeutig. Es scheint
entweder neutral zu sein oder bei höhe-
renKonzentrationen denÖstrogeneffekt
leicht abzuschwächen [28]. Progesteron
zeigt bei alleiniger Anwendung keinen
Einfluss auf die Nüchternglukosespiegel
undwirktdempositivenEffektderÖstro-
genenichtentgegen.Dydrogesteronzeig-
te ebenso neutrale Effekte auf den Glu-
kosestoffwechsel [29].
DieE3N-Kohortenstudie untersuchte
unteranderemdasDiabetesrisikoinAb-
hängigkeit vonderArtderMHTbezüg-
lich der verschiedenen Gestagentypen.
Frauen, die eine MHT anwendeten oder
angewendet hatten, wiesen ein um 25%
signifikant vermindertes Diabetesrisiko
aufgegenüberNichtanwenderinnen,sig-
nifikantwardieReduktionjedochnurbei
Anwendung von transdermalem Östro-
gen plus Progesteron (RR 0,67; 95%-KI
0,54–0,84).Eskonnteansonstenkeinsig-
nifikanterUnterschiedzwischendenver-
schiedenen Gestagenen gezeigt werden
[30].
Blutfette Der positive Effekt von Estra-
diol auf das Lipidprofil beruht auf einer
Reduktion des totalen Cholesterins, der
Low-density-Lipoprotein(LDL)-Kon-
zentration und der Triglyzeride sowie
einer Erhöhung der HDL-Konzentrati-
on. Hinzugegebene Gestagene scheinen
keinen Effekt auf die Cholesterin- und
LDL-Konzentration im Serum zu ha-
ben. Im Gegensatz dazu können sie den
positiven Effekt der Östrogene auf die
Triglyzerid- und HDL-Konzentration
schmälern oder gar aufheben, wiede-
rum abhängig vom Typ des Gestagens.
DieserEffektistbeiAnwendungvonMP,
Dydrogesteron und Nomegestrolacetat
neutral. Norethisteronacetat kann eben-
fallsdieHDL-Konzentration reduzieren,
auf der anderen Seite aber einen positi-
venEffekt aufdieTriglyzerid- und LDL-
Konzentration ausüben. Der Effekt von
Medroxyprogesteronacetatistunklar.In-
trauterines Levonorgestrel (Mirena) hat
keineAuswirkungen aufdieTriglyzerid-
und LDL-Konzentration [31].
Somit lässt sich schlussfolgern, dass
beiFrauenmitInsulinresistenzoderDia-
betes sowie Frauen mit ungünstigen Li-
pidprofilenGestagenemitneutralemEf-
fekt auf den Glukosemetabolismus und
denLipidstoffwechselzumEinsatz kom-
mensollten.DazueignetsichsowohlMP
als auch Dydrogesteron.
KardiovaskuläreErkrankungen
Koronare Herzerkrankungen In der
WHI-Studie lag das durchschnittliche
kardiovaskuläreRisikountereinerÖstro-
gentherapie in allen Altersklassen güns-
tiger als unter kombinierter Östrogen/
Gestagen-Therapie. Das angewandte
Medroxyprogesteronacetat könnte sich
aufgrunddervasokonstriktivenWirkung
kardiovaskulär ungünstiger auswirken
alsandereGestagene,jedochwurdenbis-
her die heute gebräuchlichen Gestagene
in ihrer Wirkung durch randomisierte
Interventionsstudien nur ungenügend
geprüft.DieNurses’HealthStudy,inder
die MHT innerhalb von 4 Jahren nach
Eintritt der Menopause begonnen wur-
de,konnte hingegen keinenUnterschied
zwischenalleinigerÖstrogenanwendung
und kombinierter Östrogen/Gestagen-
Therapie finden, es bestand in beiden
64 JournalfürGynäkologischeEndokrinologie/Schweiz2·2021
Hier stehteineAnzeige.
K
Menopause
Gruppen eine statistisch signifikante
Risikoreduktion für KHK [32].
Schlaganfall oder InsultBezüglich des
Schlaganfallrisikos weisen neuere Daten
daraufhin,dassdieArtdesverwendeten
GestagensbeieinerKombinationsthera-
pie einen Einfluss hat. Eine französische
„nested“Fall-Kontroll-Studie fand keine
AssoziationmitischämischemSchlagan-
fall bei Einnahme von Progesteron (OR
0,78; 95%-KI 0,49–1,26), Pregnanderi-
vaten (OR 1,00; 95%-KI 0,60–1,67) und
Nortestosteronderivaten(OR1,26;95%-
KI0,62–2,58).Norpregnanderivatezeig-
tendagegeneinenAnstiegdesSchlagan-
fallrisikos (OR 2,25; 95%-KI 1,05–4,81;
[33]).
Løkkegaard und Mitarbeiter unter-
suchten im Rahmen einer Kohortenstu-
die das Schlaganfallrisiko bei verschie-
denen Anwendungsformen der MHT
und beobachteten ein erhöhtes Risiko
für ischämischen Schlaganfall nur bei
Verwendung von Norethisteron, nicht
beiMPAoderLevonorgestrel.Die Tibo-
lonanwendung war ebenfalls mit einem
Risikoanstieg assoziiert [34].
Diese teils widersprüchlichen Resul-
tatebezüglichdesRisikosderverschiede-
nen Gestagene und die wiederkehrende
Bestätigung, dass MP keine Risikoerhö-
hung verursacht, sprecheninsgesamt für
dieAnwendungvonMPoderDydroges-
teronbesondersbeiFrauenmiterhöhtem
Risiko für kardiovaskuläre Erkrankun-
gen wie arterielle Hypertonie, Adiposi-
tas, Nikotinabusus, Migräne oder fami-
liäre Vorbelastung. Den Leitlinien ent-
sprechend lässt sich festhalten, dass ins-
gesamt eine Östrogen/Gestagen-Thera-
piedaskardiovaskuläreRisikonichtoder
nur geringfügig erhöht bzw. eine Östro-
gentherapie das kardiovaskuläre Risiko
nicht erhöht oder verringert. Wichtig ist
der Beginn der MHT vor dem 60. Le-
bensjahr [21, 27].
Gestagene und Thrombo-
embolien
Dassbeitransdermaler Anwendung von
Östrogenen ein geringeres Risiko für
thromboembolische Ereignisse (VTE)
entsteht als bei oraler Anwendung, ist
mittlerweile belegt. Das verwendete
Gestagen kann aber ebenso das VTE-
Risiko beeinflussen.
Die britische Million Women Study
fand ein signifikant höheres Risiko für
thromboembolische Ereignisse bei An-
wendung einer kombinierten Östro-
gen/Gestagen-Therapie als bei alleiniger
oraler Östrogeneinnahme.Die Risikoer-
höhungwaramdeutlichstenbeiAnwen-
dung von MPA und etwas geringer bei
Norethisteron/Norgestrel-Anwendung
[35]. Die ESTHER-Studie zeigte keine
signifikante Assoziation von Thrombo-
embolienundAnwendungvonMPoder
Pregnanderivaten. Im Gegensatz dazu
erhöhte sich das Risiko für VTE 4-fach
beiAnwendung von Norpregnanderiva-
ten. In der E3N-Studie ergab sich keine
signifikante Assoziation von MP, Pre-
gnanen und Nortestosteron, während
wiederum bei Anwendung von Nor-
pregnanderivaten eine Risikosteigerung
auffiel. Eine rezente Studie konnte be-
züglich Dydrogesteron kein signifikant
erhöhtes Risiko für VTE feststellen[36].
Unter Einnahme von MP und Dy-
drogesteron scheint also das Risiko für
VTE vernachlässigbar zu sein im Ver-
gleichzuverschiedenenanderensynthe-
tischenGestagenen,sodassbeiPatientin-
nenmitVorgeschichteeinertiefenBein-
venenthrombose, nach Varizenstripping
oderbeierhöhtemThromboembolierisi-
ko die Verwendung von transdermalem
Estradiol in Kombination mit mikroni-
siertemProgesteronoderDydrogesteron
empfohlen ist [4].
GestageneundOsteoporose
Osteopenie und Osteoporose resultie-
ren aus dem lang anhaltenden Un-
gleichgewicht von Knochenabbau und
Knochenaufbau. Die meisten progeste-
ronabgeleiteten synthetischen Gestage-
ne, wie MPA, bewirken über die nu-
klearen Progesteronrezeptoren und das
Wnt/β-Catenin-System eine Erhöhung
der Osteoblastenanzahl sowie der Kno-
chenmatrixformation. Eine kombinierte
MHTkönntemittelsDoppelwirkungauf
den Knochen, also antiresorptiv durch
Östrogenwirkung und gleichzeitig kno-
chenaufbauenddurchGestagenwirkung,
von Vorteil sein gegenüber einer reinen
Östrogengabe.
Eine Metaanalyse von mehr als 1000
Frauen, welche randomisiert wurden in
alleinigeÖstrogentherapieversuskombi-
nierte Östrogen/Gestagen-Therapie, do-
kumentierte eine signifikant höhere spi-
nale Knochendichtezunahme bei letzte-
rer Gruppe [37].
Ein Langzeit-Follow-up der WHI-
Studie zeigte, dass die Verhütung von
Hüftfrakturen nach Absetzen der Hor-
montherapie signifikant länger andau-
erte in der Gruppe der Frauen, wel-
che zuvor eine kombinierte Östrogen/
Gestagen-MHT eingenommen hatten,
im Vergleich zur Gruppe mit alleiniger
Östrogentherapie [38].
Somit lässt sich bei kombinierter
Östrogen/Gestagen-Therapie ein syn-
ergistischer Effekt auf den Knochen
erkennen,wahrscheinlichabhängig vom
Gestagentyp und am besten belegt für
MPA.
GestageneundKognition
BeiFraueninnertderersten6Jahrenach
MenopausesinddieendogenenProgeste-
ronspiegelpositivassoziiertmitverbalem
Gedächtnis und globaler Kognition. Bei
älterenFrauenscheintdieAssoziationzu
verschwinden. Beobachtungsstudien bei
postmenopausalen Frauen unter MHT-
Anwendunghabenübereinenmöglichen
schädlichen Effekt von Gestagenen auf
die Kognition berichtet (am häufigsten
w u r d ee i n eM P A - E i n n a h m eg e n a n n t ) ,
aberdiese Assoziation könnte durchan-
dere Störfaktoren bedingt sein. Kleine,
kurzzeitige klinische Studien zu Gesta-
g e n e nz e i g e nk e i n eb e d e u t s a m e nN e g a -
tiveffekteaufdieKognition. DieQualität
der Evidenz ist zwar gering, aber insge-
samt scheinen Gestagene keine klinisch
wichtigenEffekteaufdiekognitiveFunk-
tion von Frauen zu haben [39].
AuswahldesGestagens
Gehtesnun umdieVerschreibungeiner
MHT mit einer Gestagenkomponente,
gibtesalsoeinigeszubeachten.Diesbe-
dingt die Erhebung einer genauen Ana-
mnese der Patientin inklusive ihrer Fa-
milienanamnese sowie die Abschätzung
ihrer Risiken bezüglich eines Mamma-
undEndometriumkarzinomssowieihres
66 JournalfürGynäkologischeEndokrinologie/Schweiz2·2021
thromboembolischen,kardiovaskulären,
metabolischen und Osteoporoserisiko.
DanachkönnenauchgewünschtePar-
tialwirkungen in die Entscheidung für
das geeignete Gestagen miteinbezogen
werden: Bei Frauen mit Androgenisie-
rungserscheinungenwieAkne,Haaraus-
fall oder Hirsutismus bieten sich Ges-
tagene vom antiandrogen Typ an, zum
BeispielDrospirenon. BeieinemAndro-
genmangelsyndrom,dassichetwaalsLi-
bidostörungäussernkann,wird eherein
GestagenmitandrogenerPartialwirkung
wie Norethisteronacetat oder Levonor-
gestrel eingesetzt, eine gute Wahl kann
in dieser Situation auch Tibolon sein.
Gemäss der aktuell bestehenden Da-
tenlage, der Aussage zahlreicher Mei-
nungsführer, aktuellen Richtlinien und
Menopausegesellschaften empfiehlt sich
vorzugsweisemikronisiertesProgesteron
oderDydrogesteron alsGestagenfürdie
kombinierte MHT, da die assoziierten
kardiovaskulären, thromboembolischen
und Mammakarzinomrisiken beidiesen
beiden Wirkstoffen geringer sind als bei
anderen Gestagenen [20, 21, 27].
FazitfürdiePraxis
4 Mammakarzinom:Einekombinierte
Östrogen/Gestagen-Therapieerhöht
das Risiko. Östrogene mit mikro-
nisiertem Progesteron (MP) und
Dydrogesteron gehenwahrschein-
lichmiteinemniedrigerenRisikofür
BrustkrebsalsÖstrogene in Kombi-
nationmitsynthetischenGestagenen
einher.
4 Hinsichtlich desEndometriumkar-
zinomrisikos ist die kontinuierlich-
kombinierteMHTmiteinerAnwen-
dungsdauerunter5Jahrenundunter
Verwendung eines synthetischen
GestagensdiesichersteVariante.
4 BeiFrauenmiterhöhtemRisiko für
kardiovaskuläre Erkrankungenund
Störungenvon Glukose- und/oder
Lipidstoffwechselsindaufgrundihrer
neutralenEffekteMPundDydroges-
terondiesicherstenOptionen.
4 Thromboembolien:Einekombinierte
Östrogen/Gestagen-Therapieerhöht
dasRisiko(nurbeioraler,nichtaber
beitransdermalerGabe).UnterEin-
nahmevonMPundDydrogesteron
scheintdasRisiko vernachlässigbar
zusein.
4 Osteoporose:BeikombinierterÖstro-
gen/Gestagen-Therapie lässt sich
ein synergistischer Effekt auf den
Knochenerkennen,wahrscheinlich
abhängigvomGestagentypundam
bestenbelegtfürMPA.
4 DieMHT,einschliesslichderWahldes
Gestagens,sollteentsprechenddem
Risikoprofil und denBehandlungs-
zielenderPatientinindividualisiert
werden.
Korrespondenzadresse
Dr .med.UrsulaGobrecht-
Keller
GynäkologischeEndokri-
nologieundReprodukti-
onsmedizin,Frauenklinik,
UniversitätsspitalBasel
Basel,Schweiz
[email protected]
Funding. OpenaccessfundingprovidedbyUniver-
sityofBasel
EinhaltungethischerRichtlinien
Interessenkonflikt. U.Gobrecht-Kellergibtan,dass
keinInteressenkonfliktbesteht.
FürdiesenBeitragwurdenvonderAutorinkeine
StudienanMenschenoderTierendurchgeführt.
FürdieaufgeführtenStudiengeltendiejeweilsdort
angegebenenethischenRichtlinien.
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HinweisdesVerlags. DerVerlagbleibtinHinblick
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nungeninveröffentlichtenKartenundInstituts-
adressenneutral.
68 JournalfürGynäkologischeEndokrinologie/Schweiz2·2021
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