Gestagengabe in der Menopause: Was sind Unterschiede, Vorteile und Nachteile der einzelnen Präparate?

In: Journal für Gynäkologische Endokrinologie/Schweiz · 2021 · vol. 24(2) , pp. 58–68 · doi:10.1007/s41975-021-00191-2 · W3158243939
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Gestagens choice in menopausal hormone therapy significantly impacts metabolism and hormone-sensitive tissues, with micronized progesterone and dydrogesterone appearing safest for cardiovascular and breast health and having neutral metabolic effects.

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This paper is an overview of gestagens used in peri- and postmenopausal hormone therapy, explaining why progestins are needed when the uterus is present and comparing different progestogen types (natural progesterone, dydrogesterone, and several synthetic derivatives) by their receptor-binding profiles and partial effects. It summarizes clinical use patterns, including sequential versus continuous combined regimens, and highlights that the author states side effects and metabolic effects vary by gestagen; she also notes that concerns about breast cancer risk after the WHI trial have often been attributed to gestagens. The paper’s key conclusion is that there is no single “class effect” for all gestagens, and that micronized progesterone and dydrogesterone are presented as among the safer options regarding cardiovascular and breast effects, with neutral effects on glucose and lipid metabolism, while emphasizing individualization by risk profile and treatment goals. This paper does not explicitly discuss endometriosis or adenomyosis; it was included in the corpus via a keyword match in the upstream search index.

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Abstract

Zusammenfassung Frauen mit intaktem Uterus müssen bei der Anwendung eines systemisch wirksamen Östrogens zur Endometriumprotektion ein Gestagen erhalten. Gestagene lassen sich in verschiedene Wirkstoffgruppen einteilen, welche unterschiedliche Partialwirkungen haben. Dies bedeutet, dass es keinen Klasseneffekt der Gestagene gibt, sondern die Effekte auf Metabolismus sowie auf hormonsensible Gewebe wie Brust, Endometrium und Knochen variieren können. Mikronisiertes Progesteron und Dydrogesteron scheinen in Hinblick auf Herz-Kreislauf-System und Brust die sicherste Option zu sein. Ihre Effekte auf die Glukosehomöostase und den Lipidstoffwechsel sind neutral. Eine menopausale Hormontherapie, einschliesslich der Wahl des Gestagens, sollte immer entsprechend dem Risikoprofil und den Behandlungszielen der Patientin individualisiert werden.
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Menopause J.Gynäkol.Endokrinol.CH2021·24:58–68 https://doi.org/10.1007/s41975-021-00191-2 Angenommen:31.März2021 Onlinepubliziert:27.April2021 ©Der/dieAutor(en)2021 UrsulaGobrecht-Keller GynäkologischeEndokrinologieundReproduktionsmedizin,Frauenklinik,UniversitätsspitalBasel,Basel, Schweiz GestagengabeinderMenopause: WassindUnterschiede,Vorteile undNachteiledereinzelnen Präparate? EineaktuelleÜbersicht Einleitung „Gestagen“ ist ein kollektiver Begriff für eineganzeReiheSexualsteroide,welcher natürliches Progesteron, Dydrogesteron (ein Stereoisomer von Progesteron) und diverse synthetische Verbindungen ein- schliesst. Der physiologische Zweck des natür- lichen Progesterons ist die sekretorische Umwandlung des durch Östrogene pro- liferierten Endometriums in der Gebär- mutter,umdieBedingungenfürdieEin- nistung einesEmbryos für eineSchwan- gerschaftbereitzustellen.DanachistPro- gesteron für den Erhalt der Schwanger- schaft zuständig, in dem es Kontraktio- nen des Myometriums verhindert. Tritt keine Schwangerschaft ein, löst sich das Corpusluteumunweigerlichaufundbe- wirkt so einen Abfall der Progesteron- konzentrationimBlutkreislauf.AlsFolge dessen kommt es zur Menstruation. Imnatürlichen ovulatorischen Mens- truationszyklusentstehtdieProgesteron- konzentrationimBlutdurcheineKombi- nationvonhauptsächlicherSekretionim Corpus luteum des Ovars nach stattge- habterOvulation undzueinemgeringe- ren Beitrag aus dem Kortex der Neben- nieren. Während der Follikelphase be- trägt die Progesteronkonzentration im Blut <2nmol/l. Postovulatorisch steigt die Progesteronkonzentration im Serum auf Spiegel über mindestens 7nmol/l. InderPerimenopausekommteszuei- nemzunehmendenMangelanProgeste- ronaufgrundderindieserPhasehäufigen anovulatorischen Zyklen, und im Zuge dessen auch zu einem Ungleichgewicht zwischen Östrogenen und Progesteron. DadurchkommtesinderPerimenopause häufigzuuterinenBlutungsstörungen.In derPostmenopausekommtdieendogene Progesteronproduktion in den Ovarien zum Erliegen. Daraus ergeben sich folgende klini- sche Anwendungen von Gestagenen in derPeri-undPostmenopause:Siekönnen als Gestagenmonotherapie zur Zyklus- regulierung in der Perimenopause ein- gesetztwerden,beiBedarfauchzurhor- monellenKontrazeption („progestin on- lypill“,IUD,Dreimonatsspritze)oderzur Hormontherapie, wenn Östrogene kon- traindiziert sind. InderPostmenopauseführtderchro- nische Östrogenmangel bei vielen Frau- enzuklimakterischenBeschwerden,wel- che durch eine Östrogensubstitution re- duziert werden können. Bei erhaltenem UterusmussdieÖstrogentherapie zwin- gendmiteinerGestagengabekombiniert (kombinierte Östrogen-Gestagen-The- rapie)werden,umdasEndometriumvor unkontrollierter Proliferation unddamit a u c hv o rm a l i g n e rE n t a r t u n gz us c h ü t - zen. Eine fehlende Zugabe von Gestage- nenbeierhaltenemUterusgiltheutzutage als ärztlicher Kunstfehler [1]. Leider sind es aber gerade oft die Nebenwirkungen der Gestagene,welche zumunkontrolliertenAbsetzeneinerbe- reits begonnenen Hormontherapie füh- ren, da es besonders die Gestagenkom- ponente ist, welche Nebenwirkungen verursachen kann: Durchbruchsblutun- gen, Brustspannen, „Bloating“, Nausea, Somnolenz, Kopfschmerzen, reduzierte Libido sowie Depressionen [2]. Zudem könnenGestagenenegativemetabolische Effekte beispielsweiseaufdasLipidprofil oder die Glukosehomöostase ausüben. Dazu kommt seit Veröffentlichung der WHI-Studie die grosse Angst vor ei- nem erhöhten Mammakarzinomrisiko, welches überwiegend den Gestagenen angelastet wird. Wie also wählt man das idealebeziehungsweise„unschädlichste“ Gestagen für die individuelle Frau aus? Hier sollen im Folgenden nun Indi- kation, Anwendung,VorzügeundNach- teilederverschiedenenGestagenein der Hormontherapie der Peri- und Postme- nopause (MHT) dargestellt werden. EinteilungderGestagene Da natürliche Gestagene, wie Progeste- ron, nach oraler Applikation rasch in der Leber abgebaut, konjugiert und als wasserlöslicheMetabolitenüberdieNie- ren ausgeschieden werden, wurden syn- thetische Gestagene mit längerer Halb- wertszeit entwickelt, sodass uns heute eine Vielzahl von Präparaten mit ver- schiedenen Partialwirkungen und Dar- reichungsformenfürtherapeutischeAn- wendungen zur Verfügung stehen. Die synthetischen Gestagene leiten sich chemisch überwiegend von natür- 58 JournalfürGynäkologischeEndokrinologie/Schweiz2·2021 Abb.1 8EinteilungderGestagene lichenSexualsteroiden ab, entweder von Progesteron/OH-Progesteron (17α-OH- Progesteron-Derivate und 19-Norpro- gesteron-Derivate) oder von Testoste- ron (19-Nortestosteronderivate). Eine Sonderform ist das Spirolactonderivat Drospirenon. ZurGruppeder Progesteronderivate gehören einerseits die Pregnane abgelei- tet vom 17α-OH-Progesteron (Medro- xyprogesteronacetat, Megestrolacetat, Medrogeston und Dydrogesteron sowie die Antiandrogene Cyproteronacetat und Chlormadinonacetat), andererseits dieNorpregnaneabgeleitetvom19-Nor- progesteron(Demegeston,Promegeston, Trimegeston und Nestoron). Die19-Nortestosteron-Derivatever- lieren, obwohl vom Androgen 19-Nor- testosteron abgeleitet, durch das Ein- führen einer Ethinylgruppe an Position C-17α ihre androgene Wirkung zuguns- teneinergestagenenAktivität. Einewei- tereAufgliederungerfolgtindieEstrane, welche Norethisteron (Norethindron) und seine Metaboliten einschliessen, und die Gonane, welche aus Levonor- gestrel und seinen Derivaten bestehen ([3]; .Abb.1). InihrerzeitlichenEntwicklungunter- scheidetmanbeidenTestosteronderiva- ten eine 1., 2. und 3. Generation. Sinn- voller ist allerdings eine Einteilung nach ihrem Wirkspektrum. Ihre Wirkung vermitteln Gestagene einerseits durch Bindung an den beiden nuklearen Progesteronrezeptoren sowie zusätzlich durch Interaktion mit mem- branären Bindungsstellen. Letztere sind dadurch gekennzeichnet, dass die endo- krineSignalvermittlungvielschnellerer- folgt. Synthetische Gestagene docken, je nachMolekül,aberauchananderenSte- roidrezeptoren an und besitzen dadurch ein breites Spektrum an Partialwirkun- gen, die sie vom Progesteron, aber auch voneinander unterscheiden.Je nachAb- kömmlingbindensiemehroderweniger stark an Androgen-, Glukokortikoid-, Mineralokortikoid- und, seltener, an Östrogenrezeptoren. Dort können sie agonistisch oder antagonistisch wirken. Dieserklärtihrjeweilsunterschiedliches Wirkspektrum (.Tab.1). Wie das natürliche Progesteron ver- fügen alle synthetischen Gestageneüber eine antiöstrogene Wirkung. Nahezu al- le 19-Nortestosteron-Derivate verfügen zusätzlich über eine androgene Partial- wirkung. Eine Ausnahme ist Dienogest, welcheschemischein19-Nortestosteron- Derivatist,sichjedochwieeinAbkömm- lingdesProgesteronsoder17α-OH-Pro- gesterons verhält. Dienogest wirkt nicht androgen, sondern antiandrogen. Weni- ge synthetische Gestagene besitzen auch eine geringe östrogene Restwirkung [3]. DieinderMenopausegebräuchlichen Gestagene können in oraler Form allein oder in Kombination mit Östrogenen, als transdermales Pflaster in fixer Kom- binationmitÖstrogen,vaginal(cave:nur Progesteron!) oder als Intrauterinpessar angewendet werden. In Europa häufig gebrauchte Gestagene der menopausa- len Hormontherapie (MHT) sind Pro- gesteron, Dydrogesteron, Medroxypro- gesteronacetat,Norethisteronacetat,No- megestrolacetat, Levonorgestrel und Di- enogest [4]. Bei Frauen, welche sich erst seit Kur- zem in den Wechseljahren befinden, ist ein sequenzielles MHT-Regime (täg- liches Östrogen mit einem Gestagen für 12–14 Tage/Zyklus) angezeigt. Bei Frauen, welche seit mindestens einem Jahr postmenopausal sind, und bei den- jenigen mit schwachen oder fehlenden Entzugsblutungen kann auf ein kon- JournalfürGynäkologischeEndokrinologie/Schweiz2·2021 59 tinuierliches (tägliches) kombiniertes Östrogen/Gestagen-Regime gewechselt werden. Blutungsfreie kontinuierliche MHT ist bei Patienten mit einer Endo- metriumdicke <5mm möglich [4]. WersolltetrotzfehlenderGebärmutter einekombinierteMHTerhalten? Zuga- bevonGestagenenistindiziertbeiFrauen mit Endometriose in der Vorgeschichte [5], nach suprazervikaler Hysterektomie und bei Zustand nach Endometriumab- lation. WerbrauchthingegenkeineGestagen- zugabe?Beivaginaler(ultra-)niedrigdo- sierter Östrogentherapie ist kein Gesta- gen zur Endometriumprotektion erfor- derlich. Ausgewählte Gestagene im Detail MikronisiertesProgesteron Mikronisiertes Progesteron (MP) wird ausJamsoderSojagewonnen.Durchdie Mikronisierung wird die orale Verfüg- barkeit verbessert. Trotzdem müssen im Vergleichzudensynthetischen Gestage- nen aufgrund der ausgeprägten hepati- schenMetabolisierunghöhereDosierun- genverwendetwerden.ZweiMetaboliten von Progesteron, Allopregnanolon und Pregnanolon, führen zum einzigartigen sedativenEffektvonProgesteron[6].Die Präparate solltenalsoabendseingenom- menwerdenundimFallevonSchlafpro- blemen per os (nicht vaginal). Dydrogesteron DasPregnanDydrogesteron,auchRetro- progesterongenannt,isteinStereoisomer von Progesteron und verfügt über ähn- liche Eigenschaften wie Progesteron. Es istein schwachesProgesteron mit gerin- gerer Affinität zum Progesteronrezeptor als Progesteron, verfügt aufgrund seines Metaboliten 20α-Dihydrodydrogesteron jedoch über eine längere Halbwertszeit. Dydrogesteron weistkeinerleiandro- gene oder östrogene Partialwirkung auf. Zusammenfassung · Résumé J.Gynäkol.Endokrinol.CH2021·24:58–68 https://doi.org/10.1007/s41975-021-00191-2 ©Der/dieAutor(en)2021 U.Gobrecht-Keller GestagengabeinderMenopause:WassindUnterschiede,Vorteile undNachteiledereinzelnenPräparate?EineaktuelleÜbersicht Zusammenfassung FrauenmitintaktemUterusmüssenbeider Anwendungeinessystemischwirksamen ÖstrogenszurEndometriumprotektionein Gestagenerhalten.Gestagenelassensich inverschiedeneWirkstoffgruppeneinteilen, welcheunterschiedlichePartialwirkungen haben.Diesbedeutet,dasseskeinenKlassen- effektderGestagenegibt,sonderndieEffekte aufMetabolismussowieaufhormonsensible Gewebe wie Brust,Endometrium und Knochen variierenkönnen.Mikronisiertes ProgesteronundDydrogesteronscheinen inHinblickaufHerz-Kreislauf-Systemund BrustdiesichersteOptionzusein.IhreEffekte aufdieGlukosehomöostaseunddenLipid- stoffwechselsindneutral.Einemenopausale Hormontherapie,einschliesslichderWahldes Gestagens,sollteimmerentsprechenddem RisikoprofilunddenBehandlungszielender Patientinindividualisiertwerden. Schlüsselwörter MenopausaleHormontherapie·Partial- wirkungenderGestagene·Mamma-und Endometriumkarzinom· Glukose-und Lipidstoffwechsel·Osteoporose Administrationdeprogestatifsdanslaménopause:différences, avantagesetinconvénientsdesdifférentespréparations.Un aperçudelasituationactuelle Résumé Lesfemmesdontl’utérusestintactdoivent recevoirunprogestatiflorsqu’ellesutilisent un œstrogène actifparvoie systémique pourprotégerl’endomètre.Lesprogestatifs peuventêtreclassésendifférentsgroupes d’agentsactifsquiontdesdifférentseffets partiels.Celasignifiequ’onn’apasuneffet declassedesprogestatifs,maisdeseffets variablessurlemétabolismeet surdes tissushormonosensiblestelsque lesein, l’endomètre et lesos. Il sembleque les préparationsmicroniséesdeprogestéroneet dedydrogestéronesoientl’optionlaplussûre concernantlesystèmecardio-vasculaireetle sein.Leurseffetssurl’homéostaseduglucose etlemétabolismedeslipidessontneutres. Untraitementhormonaldelaménopause, ycomprispourlechoixduprogestatif,doit toujoursêtreindividualiséepourlapatiente enfonctionduprofilderisqueetdesobjectifs dutraitement. Motsclés Traitementhormonaldelaménopause·Effets partielsdesprogestatifs·Cancerduseinetde l’endomètre·Métabolismeduglucoseetdes lipides·Ostéoporose Levonorgestrel-IUD DasLNG-IUS(„levonorgestrel-releasing intrauterine system“) wirkt im Uterus übereineDezidualisierungdesEndome- triums undbewirkt soeineAtrophie der Drüsen.DasEndometriumistdamiteffi- zient vor Polypen, Hyperplasie und En- dometriumkarzinom geschützt, ein Ef- fekt, der besonders erwünscht ist unter einerpostmenopausalenÖstrogenthera- pie oder auch bei Tamoxifeneinnahme. Das LNG-IUD kann auch zur Behand- lung von Hyperplasien eingesetzt wer- den. Gemäss einer Cochrane-Database- M e t a a n a l y s ei s td i eE i n l a g ee i n e sL N G - IUS effizienter als die Behandlung mit oralemGestagen(sogenanntehormonel- le Curettage; [7]). Perimenopausal kann das IUD zu- demMenorrhagienunddamitverbunde- neAnämievermindern undbietet einen sicheren Empfängnisschutz. Systemische Auswirkungen sind be- schrieben, wie eine transiente Senkung der High-density-Lipoprotein(HDL)- Konzentration, aber insgesamt sind die systemischen Nebenwirkungen gering ausgeprägt [8]. Von den auf dem Markt erhältlichen LNG-IUD sind nur solche, die 20μg 60 JournalfürGynäkologischeEndokrinologie/Schweiz2·2021 Hier stehteineAnzeige. K Menopause Tab. 1 SpektrumderhormonalenAktivitätenvonGestagenen.(NachBirkhäuser[3]) Gestagen Antiöstrogen Östrogen Androgen Antiandrogen Glukokortikoide Aktivität Antimineralokortikoide Aktivität Progesteron + – – (+) + + Chlormadinonacetat + – – + + – Cyproteronacetat + – – + + – Medroxyprogesteron- acetat + – (+) – + – Medrogeston + – – – ? – Dydrogesteron + – – – ? (+) Norethisteron + + + – – – Levonorgestrel + – + – – – Gestoden + – + – (+) + Etonogestrel + – + – (+) – Norgestimat + – + – ? ? Dienogest + – – + – – Tibolon + + ++ – – – Drospirenon + – – + – + Trimegeston + – – (+) – (+) Promegeston + – – – + – Nomegestrolacetat + – – + – – Nestoron + – – – – ? Progesteron + – – (+) + + ++ stark wirksam, + wirksam, (+) schwach wirksam,– unwirksam,? unbekannt LNG/24 Std. abgeben, zur Endometri- umprotektion zu empfehlen. Tibolon Tibolon ist strukturell mit dem Gesta- gen 19-Nortestosteron verwandt. Tibo- lonentwickeltdurchseineneinzigartigen MetabolismusunterschiedlicheWirkun- gen in den verschiedenen Geweben. Es wird in drei biologisch aktive Metaboli- ten metabolisiert: der 3α-Hydroxy und der 3β-Hydroxy-Metabolit haben östro- genagonistische Eigenschaften, der Δ-4- Ketoisomer-Metabolit besitzt gestagene sowie androgene Eigenschaften. Dieser letztgenannte Δ-4-Ketoisomer-Metabo- lit wird vorwiegend im Endometrium produziert, bindet an den Progesteron- rezeptorundschütztsomitdasEndome- trium vor dem agonistischen Effekt der beiden östrogenagonistischen Metaboli- ten. Tibolon hat keine signifikanten Ef- fekteaufLipid-undGlukosestoffwechsel und erhöht auchnicht dasThromboem- bolierisiko,jedochfandsicheinerhöhtes Risiko für Insult bei älteren Frauen [9]. AufgrundderandrogenenPartialwir- kung wird eine verbesserte Sexualfunk- tion postuliert. GestageneunddieBrust EpidemiologischeDatenzurMHThaben immerwiedergezeigt,dassdieZugabeei- nes Gestagens zum Östrogen das Risiko einer Brustkrebsdiagnose im Vergleich zurÖstrogenanwendungalleinerhöht.In einerStudievonKerlikowskeundMitar- beitern war die Verwendung von Östro- gen und Gestagen über einen Zeitraum von mehr als 5 Jahren mit einem höhe- ren Risiko für die Diagnose von Brust- krebs verbunden (RR 1,49), verglichen mit Nichtanwenderinnen und alleiniger Östrogeneinnahme, welche beide keine Risikoerhöhungzeigten[10].Dieswurde durcheineMetaanalysebestätigt,dieein durchschnittlichesrelativesRisikofürdie Diagnose eines invasiven Mammakarzi- noms von 0,79 bei alleiniger Östrogen- einnahme und von 1,24 bei Östrogen/ Gestagen-Einnahme ergab (vier rando- misierte Studien; [11]). In der französischen E3N-Kohor- tenstudie wurde der Zusammenhang zwischen verschiedenenMHT-Regimen und dem Brustkrebsrisiko bei 80.377 Frauen nach der Menopause bewertet undverglichen.Östrogenwurdemitver- schiedenenGestagenenkombiniert,ein- schliesslich Progesteron (MP), Dydro- gesteron, Medrogeston, Chlormadinon- acetat, Cyproteronacetat, Promegeston, Nomegestrolacetat, Norethindronacetat und Medroxyprogesteronacetat (MPA) [12]. Östrogen-MP-undÖstrogen-Dydro- gesteron-Kombinationen waren mit kei- nemAnstiegdesRisikosfürMammakar- zinom verbunden bei Anwendung un- ter 5 Jahren. In einem Follow-up der Kohorte wurde dann allerdings bei An- wendung von MP oder Dydrogesteron vonmehrals6Jahrendocheinerhöhtes relatives Risiko von 1,31 festgestellt, im Vergleich zur Risikoerhöhung von 2,02 bei Gebrauch synthetischer Gestagene über mehr als 5 Jahre. Die Risikoerhö- hung durch synthetische Gestagene un- terschiedsichnicht signifikant zwischen den verschiedenen Präparaten. 62 JournalfürGynäkologischeEndokrinologie/Schweiz2·2021 Tab. 2 MammakarzinomrisikobeiinderSchweizverwendetenMHT-Gestagenen Gestagen RisikoMammakarzinom Literatur MikronisiertesProgesteron NurbeiAnwendung>5Jahre E3N-Studie(Fournieretal.[ 13],Gompel&Plu-Bureau[ 15]) Dydrogesteron NurbeiAnwendung>5Jahre E3N-Studie(Fournieretal.[ 13],Gompel&Plu-Bureau[ 15]) Medroxyprogesteron + (korrigierteDatenWHI:nurbeiAn- wendung>5Jahre) WHI-Studie,MillionWomenStudy(Mansonetal.[ 13],Andersonetal.[ 40], Vinogradovaetal.[ 41],Yangetal.[ 42]) Norethisteron + – (DanishOsteoporosisPrevention Study) MillionWomenStudy(Vinogradovaetal.[ 41],Mosekildeetal.[ 43],Yangetal. [42]) Levonorgestrel +(LNG-IUDwahrscheinlichgeringeres Risiko) MillionWomenStudy(Vinogradovaetal.[ 41],Yangetal.[ 42],Conzetal.[ 18], Dominicketal.[ 19]) Drospirenon ? KeineIn-vivo-Daten Tibolon – ErhöhtesRezidivrisiko! Formoso etal.[44],Bundredetal.[ 17] NachAbsetzeneinerlängerals5-jäh- rigen MHTmit MPoder Dydrogesteron verschwand das Brustkrebsrisiko rasch. ImGegensatzdazuwardasBrustkrebsri- siko auch5–10 Jahre nachAbsetzenvon MHTmitsynthetischenGestagenen,ein- genommen >5 Jahre, noch erhöht [13]. Murkes und Mitarbeiter untersuch- ten, ob ein direkter Effekt der unter- schiedlichenGestagene auf dasBrustge- webe gemessen werden kann: Das syn- thetische Gestagen Medroxyprogestero- nacetat (konjugierte equine Östrogene [CEE] und MPA) wurde mit mikroni- siertemProgesteron(E2undMP)vergli- chen:71Frauenwurdenin jeweilseinen Behandlungsarm randomisiert und vor Therapiestartsowienochmalsnach2Mo- naten Hormoneinnahme biopsiert: Die Proliferation von Ki-67 (Proliferations- marker für sich schnell teilende Zellen) indenBrustbiopsatenwarsignifikanter- höht im Arm der CEE/MPA-Einnahme, nicht jedoch bei E2/MP-Einnahme[14]. EinemöglicheErklärung dafürsindUn- terschiede in der Partialwirkung dieser beiden Gestagene: MPA scheint stärker glukokortikoidagonistisch sowie andro- genrezeptoragonistisch auf die Brust zu wirken als Progesteron, welches antian- drogen wirkt und nur geringfügig glu- kokortikoidrezeptoragonistisch [15]. EinesystematischeLiteraturrecherche vonStuteundMitarbeiternzumEinfluss vonÖstrogeneninKombinationmitMP auf die postmenopausale Brustdrüse er- gab, dass die Mammographiedichte ent- wederzunehmenoderunverändertblei- benkann,dieProliferationsinduktion im Vergleichzu„konventioneller“MHTwe- nigerausgeprägtwarunddasBrustkrebs- risikobiszu5Jahrelangnichtbeeinflusst wurde.DieAnwendungvonÖstrogenen inKombination mitMPoderDydroges- teron war jedoch nach durchschnittlich 6 Jahren Behandlungsdauer mit einem leichten, aber signifikanten Anstieg des Brustkrebsrisikos verbunden [16]. Tibolon übt auf die gesunde Brust einen protektiven Effekt bezüglich des Mammakarzinomrisikos aus. Bei Status nach Mamma-Ca stieg jedoch das Rezi- divrisiko an, wie die LIBERATE-Studie zeigte[17].Dieserklärtsichwahrschein- lichdurcheinenunterschiedlichenEffekt von Tibolon auf normales Brustgewebe im Vergleich zu Brustkrebszellen. EineMetaanalysevon2020deutetauf eininsbesonderebeiälterenFrauenmög- licherweise erhöhtes Risiko für Brust- krebs bei Anwendung eines LNG-IUD hin. Die Odds Ratio betrug für alle An- wenderinnen 1,16, für Frauen 50 Jahre 1,52 [18]. GemässAutoren wurde eine allfäl- ligezusätzlicheHormontherapie beiden postmenopausalenFrauenunzureichend berücksichtigt und als möglicher Stör- faktor in der Auswertung gedeutet. Ei- neCochrane-Database-Metaanalysevon 2015,welchedieendometrialeSicherheit von LNG-IUD bei Brustkrebspatientin- nen unter Tamoxifen untersuchte, fand keine klare Evidenz für einen Effekt von LNG-IUD auf Mammakarzinomrezidi- ve oder brustkrebsbezogene Todesfälle [19]. Zusammenfassend und entspre- chend der International Menopause Society(IMS)-Guideline lässt sich sagen, dass Estrogen-only-Hormontherapien ein niedrigeres Risiko für Brustkrebs zeigen als die mit Gestagenen kombi- nierte Hormontherapie (.Tab.2). Das AusmassdesRisikoanstiegsunterkombi- nierter Östrogen/Gestagen-Gabe hängt vom verwendeten Gestagentyp (mit der jeweiligen Partialwirkung) und von der Anwendungsdauer ab. MP und Dydro- gesteron scheineneinniedrigeres Risiko für Brustkrebs mit sich zu bringen als synthetische Gestagene. Die American Association of Clinical Endocrinologists (AACE) empfiehlt entsprechend MP explizit als sicherere Alternative zu syn- thetischen Gestagenen [20]. Insgesamt ist das Risiko für Brustkrebs aufgrund von MHT gering und nimmt nach Be- endigung der Behandlung progressiv ab [21]. Gestagene und das Endo- metrium JedeÖstrogenmonotherapieinduziertei- nedosisabhängigeStimulationdesEndo- metriums,wasdasRisikoeinesEndome- triumkarzinoms auf das bis zu 9-fache ansteigen lässt. Frauen mit erhaltenem UterusmüssendaherunbedingtzumEn- dometriumschutz ein Gestagen in der passenden Transformationsdosis erhal- ten. Unter kontinuierlich-kombinierter Östrogen/Gestagen-Gabefindetsicheine geringereInzidenzvonEndometriumhy- perplasien und -karzinomen als bei se- JournalfürGynäkologischeEndokrinologie/Schweiz2·2021 63 Menopause quenzieller Gabe. Eine Hormontherapie miteinerGestagengabenuralle3Monate (sog. Langzyklus) bietet keinen optima- len endometrialen Schutz [22]. NebenderDauerderGestagenanwen- dung spielt auch die Art der Gestagen- komponente in der Hormontherapie ei- ne Rolle. Zwei randomisierte, kontrol- lierte Studien verglichen die sequenziel- le Gabevon Chlormadinonacetat (CMA 10mg/Tag) mit MP (200mg/Tag): CMA lieferte eine vollständigere progestogene Transformation des Endometriums als MP [23, 24]. Der PEPI-Trial zeigte,dass MP im Vergleich mit Medroxyprogeste- ronacetat(MPA)dasEndometriumüber dieDauervon3Jahrengleichgutvorhy- perplastischen Veränderungen schützte [25]. In Zusammenschau mit den Er- gebnissen der KEEPS-Studie (sequenzi- ell MP 200mg/Tag für 4 Jahre) und der E3N-Studie kam ein systematisches Re- view zum Schluss, dass bei Kombinati- o nv o nÖ s t r o g e n e nm i ts e q u e n z i e l l e m oralem MP ein ausreichender Endome- triumschutz besteht für bis zu 5 Jahre [26]. Bei Langzeitanwendung von MP bzw. Dydrogesteron als Gestagenkom- ponente zeigten die E3N-Studiendaten allerdings ein erhöhtes Risiko für En- dometriumkarzinom (MP: HR 2,66 bei über 5-jähriger Anwendung; Dydroges- teron: 1,69 bei über 5-jähriger Anwen- dung; [13]). Insgesamt kann davon ausgegangen werden,dasseinesequenzielleGabevon 200mg MP oral während 12–14 Tagen pro Monat das Endometrium ausrei- chend schützt bei Anwendung unter 5 Jahren. Bei kontinuierlicher Gabe von MPreichtimFalleeinerniedrigenÖstro- gendosierung (2mg/50μg täglich) die Einnahme von 100mg MP oral täglich, ansonsten sollte die Dosis angepasst werden [21]. Eine vaginale Applikation von MP wurde vorgeschlagen, um die systemischen Effekte auf die Brust zu vermindern, beigleichzeitiggenügender Endometriumprotektion. Dies scheint sicher bei Anwendung von 3 bis 5 Jah- ren („off label use“). Einetransdermale MP-Gabe bringt keinen ausreichenden Endometriumschutz [26]. Alternativ kann eine intrauterine Gestagenspirale (20μg LNG/Tag) einge- setzt werden. Zusammenfassend und gemäss S3- Leitlinie 2020 ist die kontinuierlich- kombinierte MHTunter5 Jahren Dauer unter Verwendung eines synthetischen Gestagens hinsichtlich des Endometri- umkarzinomrisikos die sicherste Vari- ante [27]. GestageneundMetabolismus Östrogene werden mit günstigen Effek- ten auf die Glukosehomöostase und das Lipidprofil in Verbindung gebracht. Die meisten randomisierten, kontrollierten Studien zeigten bei zusätzlicher Gabe eines Gestagens einen abgeschwächten bisaufgehobenenEffektdieserpositiven Stoffwechselwirkungen von Östrogenen [28], weshalb die Wahl des Gestagens besondersbeimetabolischvorbelasteten Frauen wichtig ist. DiabetesInsbesondere Medroxyproges- teronacetat(MPA)scheintdenpositiven Effekt von Östrogenen auf die Glukose- homöostase zu verringern, wahrschein- lich durch seine glukokortikoide Akti- vität. Testosteronabkömmlinge wie Le- vonorgestrelkönnendieInsulinresistenz erhöhen. Für Norethisteronacetat sind die Daten weniger eindeutig. Es scheint entweder neutral zu sein oder bei höhe- renKonzentrationen denÖstrogeneffekt leicht abzuschwächen [28]. Progesteron zeigt bei alleiniger Anwendung keinen Einfluss auf die Nüchternglukosespiegel undwirktdempositivenEffektderÖstro- genenichtentgegen.Dydrogesteronzeig- te ebenso neutrale Effekte auf den Glu- kosestoffwechsel [29]. DieE3N-Kohortenstudie untersuchte unteranderemdasDiabetesrisikoinAb- hängigkeit vonderArtderMHTbezüg- lich der verschiedenen Gestagentypen. Frauen, die eine MHT anwendeten oder angewendet hatten, wiesen ein um 25% signifikant vermindertes Diabetesrisiko aufgegenüberNichtanwenderinnen,sig- nifikantwardieReduktionjedochnurbei Anwendung von transdermalem Östro- gen plus Progesteron (RR 0,67; 95%-KI 0,54–0,84).Eskonnteansonstenkeinsig- nifikanterUnterschiedzwischendenver- schiedenen Gestagenen gezeigt werden [30]. Blutfette Der positive Effekt von Estra- diol auf das Lipidprofil beruht auf einer Reduktion des totalen Cholesterins, der Low-density-Lipoprotein(LDL)-Kon- zentration und der Triglyzeride sowie einer Erhöhung der HDL-Konzentrati- on. Hinzugegebene Gestagene scheinen keinen Effekt auf die Cholesterin- und LDL-Konzentration im Serum zu ha- ben. Im Gegensatz dazu können sie den positiven Effekt der Östrogene auf die Triglyzerid- und HDL-Konzentration schmälern oder gar aufheben, wiede- rum abhängig vom Typ des Gestagens. DieserEffektistbeiAnwendungvonMP, Dydrogesteron und Nomegestrolacetat neutral. Norethisteronacetat kann eben- fallsdieHDL-Konzentration reduzieren, auf der anderen Seite aber einen positi- venEffekt aufdieTriglyzerid- und LDL- Konzentration ausüben. Der Effekt von Medroxyprogesteronacetatistunklar.In- trauterines Levonorgestrel (Mirena) hat keineAuswirkungen aufdieTriglyzerid- und LDL-Konzentration [31]. Somit lässt sich schlussfolgern, dass beiFrauenmitInsulinresistenzoderDia- betes sowie Frauen mit ungünstigen Li- pidprofilenGestagenemitneutralemEf- fekt auf den Glukosemetabolismus und denLipidstoffwechselzumEinsatz kom- mensollten.DazueignetsichsowohlMP als auch Dydrogesteron. KardiovaskuläreErkrankungen Koronare Herzerkrankungen In der WHI-Studie lag das durchschnittliche kardiovaskuläreRisikountereinerÖstro- gentherapie in allen Altersklassen güns- tiger als unter kombinierter Östrogen/ Gestagen-Therapie. Das angewandte Medroxyprogesteronacetat könnte sich aufgrunddervasokonstriktivenWirkung kardiovaskulär ungünstiger auswirken alsandereGestagene,jedochwurdenbis- her die heute gebräuchlichen Gestagene in ihrer Wirkung durch randomisierte Interventionsstudien nur ungenügend geprüft.DieNurses’HealthStudy,inder die MHT innerhalb von 4 Jahren nach Eintritt der Menopause begonnen wur- de,konnte hingegen keinenUnterschied zwischenalleinigerÖstrogenanwendung und kombinierter Östrogen/Gestagen- Therapie finden, es bestand in beiden 64 JournalfürGynäkologischeEndokrinologie/Schweiz2·2021 Hier stehteineAnzeige. K Menopause Gruppen eine statistisch signifikante Risikoreduktion für KHK [32]. Schlaganfall oder InsultBezüglich des Schlaganfallrisikos weisen neuere Daten daraufhin,dassdieArtdesverwendeten GestagensbeieinerKombinationsthera- pie einen Einfluss hat. Eine französische „nested“Fall-Kontroll-Studie fand keine AssoziationmitischämischemSchlagan- fall bei Einnahme von Progesteron (OR 0,78; 95%-KI 0,49–1,26), Pregnanderi- vaten (OR 1,00; 95%-KI 0,60–1,67) und Nortestosteronderivaten(OR1,26;95%- KI0,62–2,58).Norpregnanderivatezeig- tendagegeneinenAnstiegdesSchlagan- fallrisikos (OR 2,25; 95%-KI 1,05–4,81; [33]). Løkkegaard und Mitarbeiter unter- suchten im Rahmen einer Kohortenstu- die das Schlaganfallrisiko bei verschie- denen Anwendungsformen der MHT und beobachteten ein erhöhtes Risiko für ischämischen Schlaganfall nur bei Verwendung von Norethisteron, nicht beiMPAoderLevonorgestrel.Die Tibo- lonanwendung war ebenfalls mit einem Risikoanstieg assoziiert [34]. Diese teils widersprüchlichen Resul- tatebezüglichdesRisikosderverschiede- nen Gestagene und die wiederkehrende Bestätigung, dass MP keine Risikoerhö- hung verursacht, sprecheninsgesamt für dieAnwendungvonMPoderDydroges- teronbesondersbeiFrauenmiterhöhtem Risiko für kardiovaskuläre Erkrankun- gen wie arterielle Hypertonie, Adiposi- tas, Nikotinabusus, Migräne oder fami- liäre Vorbelastung. Den Leitlinien ent- sprechend lässt sich festhalten, dass ins- gesamt eine Östrogen/Gestagen-Thera- piedaskardiovaskuläreRisikonichtoder nur geringfügig erhöht bzw. eine Östro- gentherapie das kardiovaskuläre Risiko nicht erhöht oder verringert. Wichtig ist der Beginn der MHT vor dem 60. Le- bensjahr [21, 27]. Gestagene und Thrombo- embolien Dassbeitransdermaler Anwendung von Östrogenen ein geringeres Risiko für thromboembolische Ereignisse (VTE) entsteht als bei oraler Anwendung, ist mittlerweile belegt. Das verwendete Gestagen kann aber ebenso das VTE- Risiko beeinflussen. Die britische Million Women Study fand ein signifikant höheres Risiko für thromboembolische Ereignisse bei An- wendung einer kombinierten Östro- gen/Gestagen-Therapie als bei alleiniger oraler Östrogeneinnahme.Die Risikoer- höhungwaramdeutlichstenbeiAnwen- dung von MPA und etwas geringer bei Norethisteron/Norgestrel-Anwendung [35]. Die ESTHER-Studie zeigte keine signifikante Assoziation von Thrombo- embolienundAnwendungvonMPoder Pregnanderivaten. Im Gegensatz dazu erhöhte sich das Risiko für VTE 4-fach beiAnwendung von Norpregnanderiva- ten. In der E3N-Studie ergab sich keine signifikante Assoziation von MP, Pre- gnanen und Nortestosteron, während wiederum bei Anwendung von Nor- pregnanderivaten eine Risikosteigerung auffiel. Eine rezente Studie konnte be- züglich Dydrogesteron kein signifikant erhöhtes Risiko für VTE feststellen[36]. Unter Einnahme von MP und Dy- drogesteron scheint also das Risiko für VTE vernachlässigbar zu sein im Ver- gleichzuverschiedenenanderensynthe- tischenGestagenen,sodassbeiPatientin- nenmitVorgeschichteeinertiefenBein- venenthrombose, nach Varizenstripping oderbeierhöhtemThromboembolierisi- ko die Verwendung von transdermalem Estradiol in Kombination mit mikroni- siertemProgesteronoderDydrogesteron empfohlen ist [4]. GestageneundOsteoporose Osteopenie und Osteoporose resultie- ren aus dem lang anhaltenden Un- gleichgewicht von Knochenabbau und Knochenaufbau. Die meisten progeste- ronabgeleiteten synthetischen Gestage- ne, wie MPA, bewirken über die nu- klearen Progesteronrezeptoren und das Wnt/β-Catenin-System eine Erhöhung der Osteoblastenanzahl sowie der Kno- chenmatrixformation. Eine kombinierte MHTkönntemittelsDoppelwirkungauf den Knochen, also antiresorptiv durch Östrogenwirkung und gleichzeitig kno- chenaufbauenddurchGestagenwirkung, von Vorteil sein gegenüber einer reinen Östrogengabe. Eine Metaanalyse von mehr als 1000 Frauen, welche randomisiert wurden in alleinigeÖstrogentherapieversuskombi- nierte Östrogen/Gestagen-Therapie, do- kumentierte eine signifikant höhere spi- nale Knochendichtezunahme bei letzte- rer Gruppe [37]. Ein Langzeit-Follow-up der WHI- Studie zeigte, dass die Verhütung von Hüftfrakturen nach Absetzen der Hor- montherapie signifikant länger andau- erte in der Gruppe der Frauen, wel- che zuvor eine kombinierte Östrogen/ Gestagen-MHT eingenommen hatten, im Vergleich zur Gruppe mit alleiniger Östrogentherapie [38]. Somit lässt sich bei kombinierter Östrogen/Gestagen-Therapie ein syn- ergistischer Effekt auf den Knochen erkennen,wahrscheinlichabhängig vom Gestagentyp und am besten belegt für MPA. GestageneundKognition BeiFraueninnertderersten6Jahrenach MenopausesinddieendogenenProgeste- ronspiegelpositivassoziiertmitverbalem Gedächtnis und globaler Kognition. Bei älterenFrauenscheintdieAssoziationzu verschwinden. Beobachtungsstudien bei postmenopausalen Frauen unter MHT- Anwendunghabenübereinenmöglichen schädlichen Effekt von Gestagenen auf die Kognition berichtet (am häufigsten w u r d ee i n eM P A - E i n n a h m eg e n a n n t ) , aberdiese Assoziation könnte durchan- dere Störfaktoren bedingt sein. Kleine, kurzzeitige klinische Studien zu Gesta- g e n e nz e i g e nk e i n eb e d e u t s a m e nN e g a - tiveffekteaufdieKognition. DieQualität der Evidenz ist zwar gering, aber insge- samt scheinen Gestagene keine klinisch wichtigenEffekteaufdiekognitiveFunk- tion von Frauen zu haben [39]. AuswahldesGestagens Gehtesnun umdieVerschreibungeiner MHT mit einer Gestagenkomponente, gibtesalsoeinigeszubeachten.Diesbe- dingt die Erhebung einer genauen Ana- mnese der Patientin inklusive ihrer Fa- milienanamnese sowie die Abschätzung ihrer Risiken bezüglich eines Mamma- undEndometriumkarzinomssowieihres 66 JournalfürGynäkologischeEndokrinologie/Schweiz2·2021 thromboembolischen,kardiovaskulären, metabolischen und Osteoporoserisiko. DanachkönnenauchgewünschtePar- tialwirkungen in die Entscheidung für das geeignete Gestagen miteinbezogen werden: Bei Frauen mit Androgenisie- rungserscheinungenwieAkne,Haaraus- fall oder Hirsutismus bieten sich Ges- tagene vom antiandrogen Typ an, zum BeispielDrospirenon. BeieinemAndro- genmangelsyndrom,dassichetwaalsLi- bidostörungäussernkann,wird eherein GestagenmitandrogenerPartialwirkung wie Norethisteronacetat oder Levonor- gestrel eingesetzt, eine gute Wahl kann in dieser Situation auch Tibolon sein. Gemäss der aktuell bestehenden Da- tenlage, der Aussage zahlreicher Mei- nungsführer, aktuellen Richtlinien und Menopausegesellschaften empfiehlt sich vorzugsweisemikronisiertesProgesteron oderDydrogesteron alsGestagenfürdie kombinierte MHT, da die assoziierten kardiovaskulären, thromboembolischen und Mammakarzinomrisiken beidiesen beiden Wirkstoffen geringer sind als bei anderen Gestagenen [20, 21, 27]. FazitfürdiePraxis 4 Mammakarzinom:Einekombinierte Östrogen/Gestagen-Therapieerhöht das Risiko. Östrogene mit mikro- nisiertem Progesteron (MP) und Dydrogesteron gehenwahrschein- lichmiteinemniedrigerenRisikofür BrustkrebsalsÖstrogene in Kombi- nationmitsynthetischenGestagenen einher. 4 Hinsichtlich desEndometriumkar- zinomrisikos ist die kontinuierlich- kombinierteMHTmiteinerAnwen- dungsdauerunter5Jahrenundunter Verwendung eines synthetischen GestagensdiesichersteVariante. 4 BeiFrauenmiterhöhtemRisiko für kardiovaskuläre Erkrankungenund Störungenvon Glukose- und/oder Lipidstoffwechselsindaufgrundihrer neutralenEffekteMPundDydroges- terondiesicherstenOptionen. 4 Thromboembolien:Einekombinierte Östrogen/Gestagen-Therapieerhöht dasRisiko(nurbeioraler,nichtaber beitransdermalerGabe).UnterEin- nahmevonMPundDydrogesteron scheintdasRisiko vernachlässigbar zusein. 4 Osteoporose:BeikombinierterÖstro- gen/Gestagen-Therapie lässt sich ein synergistischer Effekt auf den Knochenerkennen,wahrscheinlich abhängigvomGestagentypundam bestenbelegtfürMPA. 4 DieMHT,einschliesslichderWahldes Gestagens,sollteentsprechenddem Risikoprofil und denBehandlungs- zielenderPatientinindividualisiert werden. Korrespondenzadresse Dr .med.UrsulaGobrecht- Keller GynäkologischeEndokri- nologieundReprodukti- onsmedizin,Frauenklinik, UniversitätsspitalBasel Basel,Schweiz [email protected] Funding. OpenaccessfundingprovidedbyUniver- sityofBasel EinhaltungethischerRichtlinien Interessenkonflikt. U.Gobrecht-Kellergibtan,dass keinInteressenkonfliktbesteht. FürdiesenBeitragwurdenvonderAutorinkeine StudienanMenschenoderTierendurchgeführt. FürdieaufgeführtenStudiengeltendiejeweilsdort angegebenenethischenRichtlinien. OpenAccess. DieserArtikelwirdunterderCreative CommonsNamensnennung4.0InternationalLizenz veröffentlicht,welchedieNutzung,Vervielfältigung, Bearbeitung,VerbreitungundWiedergabeinjegli- chemMediumundFormaterlaubt,sofernSieden/die ursprünglichenAutor(en)unddieQuelleordnungsge- mäßnennen,einenLinkzurCreativeCommonsLizenz beifügenundangeben,obÄnderungenvorgenom- menwurden. DieindiesemArtikelenthaltenenBilderundsonstiges Drittmaterialunterliegenebenfallsdergenannten CreativeCommonsLizenz,sofernsichausderAbbil- dungslegendenichtsanderesergibt.Soferndasbe- treffendeMaterialnichtunterdergenanntenCreative CommonsLizenzstehtunddiebetreffendeHandlung nichtnachgesetzlichenVorschriftenerlaubtist,istfür dieobenaufgeführtenWeiterverwendungendesMa- terialsdieEinwilligungdesjeweiligenRechteinhabers einzuholen. WeitereDetailszurLizenzentnehmenSiebitteder Lizenzinformationauf http://creativecommons.org/ licenses/by/4.0/deed.de. Literatur 1. de Villiers TJ, Hall JE, Pinkerton JV, Cerdas PS, ReesM,YangC,PierrozDD(2016)Revisedglobal consensus statement on menopausal hormone therapy. Climacteric 19(4):313–315.https://doi. org/10.1080/13697137.2016.1196047 2. Palacios S, Mejía A (2016) Progestogen safety andtoleranceinhormonalreplacementtherapy. ExpertOpinDrugSaf15(11):1515–1525. https:// doi.org/10.1080/14740338.2016.1223041 3. 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