JOURNAL FÜR
FERTILITÄT UND REPRODUKTION
JOURNAL FÜR
FERTILITÄT UND REPRODUKTION
Krause & Pachernegg GmbH · VERLAG für MEDIZIN und WIRTSCHAFT · A-3003 Gablitz
ZEITSCHRIFT FÜR IN-VITRO-FERTILISIERUNG, ASSISTIERTE REPRODUKTION UND KONTRAZEPTION
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Excerpta Medica
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Autoren- und Stichwortsuche
SCHWEPPE KW
Differentialdiagnose und Behandlungsstrategien bei Endometriose:
Was tun - wann?
Journal für Fertilität und Reproduktion 2003; 13 (3) (Ausgabe
für Österreich), 8-12
Journal für Fertilität und Reproduktion 2003; 13 (3) (Ausgabe
für Schweiz), 7-11
J. FERTIL. REPROD. 3/20038
D
ie Häufigkeit der Endometriose in der weiblichen
Bevölkerung ist unbekannt; aufgrund von Prävalenz-
raten schätzt man, daß 4–12% der Frauen in der Reproduk-
tionsphase eine Endometriose entwickeln. Nur in der Hälfte
dieser Fälle treten behandlungsbedürftige Symptome (Dys-
menorrhoe, Unterleibsschmerzen, Blutungsstörungen)
auf, und bei etwa 20 % aller Sterilitätspatientinnen ist die
Endometriose funktionell oder mechanisch ein relevanter
kausaler Faktor. Dennoch sind Ätiologie und Pathogenese
dieser zweithäufigsten, gutartigen, gynäkologischen Erkran-
kung nicht geklärt, die Diagnose wird zu spät gestellt und
die Behandlungen sind durch eine hohe Rezidivrate ge-
kennzeichnet.
Diagnostik
Anamnese mit Schmerzsymptomatik, primäre oder sekun-
däre Sterilität und der gynäkologische Palpationsbefund
können den Verdacht auf das Vorliegen einer Endometrio-
se lenken. Da es keine pathognomischen Symptome gibt,
der Schweregrad der Erkrankung und Intensität der Be-
schwerden nicht miteinander korrelieren und da die Sym-
ptome im wesentlichen von der Lokalisation abhängen, ist
ein weites Spektrum entzündlicher und tumoröser Erkran-
kungen differentialdiagnostisch abzugrenzen. Dies erklärt,
warum oft zwischen den ersten Endometriosesymptomen
und der richtigen Diagnose 6–7 Jahre vergehen und Fehl-
diagnosen häufig sind. Zur diagnostischen Abklärung ist
eine Pelviskopie obligat – mit histologischer Sicherung der
visuellen Diagnose. Ferner können so wichtige Informatio-
nen über Schweregrad, Lokalisation, makroskopisches
Erscheinungsbild und Aktivitätsgrad gewonnen werden, die
für die Festlegung eines individuellen, stadiengerechten
Therapieplanes relevant sind.
Unterschiedliches makroskopisches Erscheinungsbild
Die Variabilität der Endometriose kommt primär an ihrem
Wachstumstyp zum Ausdruck. Wir unterscheiden die klein-
Differentialdiagnose und Behandlungsstrategien
bei Endometriose: Was tun – wann?
K.-W. Schweppe
Da die Schmerzsymptomatik der Endometriose vielfältig ist und keine pathognomonischen Symptome existieren, ist die Differentialdiagnose schwierig.
Intensität der Symptome und Schweregrad der Erkrankung korrelieren nicht miteinander, wodurch eine im klinischen Alltag verzögerte Diagnosestellung
erklärt wird. Dies ist nur zu verbessern, wenn bei zyklischen, chronischen oder rezidivierenden Unterbauchschmerzen immer diffe rentialdiagnostisch
auch an Endometriose gedacht wird! Der makroskopische und histologische Nachweis einer Endometriose allein ist noch keine Indikation zur operativen
oder medikamentösen Behandlung. Erst wenn relevante Schmerzsymptomatik, infiltrierendes Wachstum und proliferative Aktivität vo rliegen, ist die
Endometriose als therapiebedürftige Erkrankung anzusehen. Zur symptomatischen Behandlung eignen sich Analgetika und Prostagland insynthese-
Inhibitoren sowie Gestagene in niedriger Dosierung; eine Regression wird medikamentös durch potente Suppression der ovariellen Steroidsynthese
erreicht, wozu sich hochdosierte Gestagengabe und vor a llem GnRH-Agonisten klinisch be währt haben. Da niedrig differenzierte un d autonom
proliferierende Endometrioseformen nur durch permanenten Östrogenentzug zu beeinflussen sind, also allein durch Medikamente nic ht heilbar sind,
ist die organerhaltende operative Endometriosesanierung per Laparoskopie ein zentrales Behandlungsprinzip. Da mikroskopisch kleine Implantate und
in tieferen Gewebeschichten wachsende Herde chirurgisch nicht oder nur unvollständig sanierbar sind, muß unter Berücksichtigung der Symptomatik der
Patientin, der Aktivität der Endometriose sowie der Relevanz und des Schweregrades der Krankheit ein individueller Therapieplan konzipiert werden,
wobei sich oft medikamentöse und operative Maßnahmen ergänzen.
Endometriosis has a wide range of symptoms and no pathognomonic signs. Therefore differential diagnosis is difficult and delay of the correct
diagnosis is common. In addition, there is no correlation between severity of symptoms and stage of the disease. In clinical ro utine, improvement can
be achieved only, when endometriosis is considered as differential diagnosis in all cases of lower abdominal pain – cyclical, r ecurrent, chronic pain. If
endometriosis is proven by laparoscopy and biopsy, surgery or medical treatment is not the consequence in all cases. Only when proliferative activity,
infiltration of pelvic organs and correlated pain symptoms of the involved organs are present, endometriosis can be considered as a disease, which
must be treated – otherwise it is inactive and an accidental finding. Relief of symptoms can be achieved by analgesics or progestins continuously, using
low dose treatment schedules. Regression of the implants and endometriotic cysts can be achieved by potent ovarian suppression using GnRH-analogous
especially. Because only permanent absence of estrogens can lead to recurrence free results, endometriosis can not be healed by medication alone.
Endoscopic surgery with removal of the disease and conservation of the pelvic organs is the central treatment principle. In case of difficulties to remove
subperitoneal foci by surgery alone, or in case of persistent microscopic disease of the peritoneum, individual treatment strategies have to be developed
using both surgical and medical therapy. The principles for infertile and pain patients are demonstrated. J Fertil Reprod 2003; 13 (3): 8–12.
Korrespondenzadresse: Prof. Dr. med. Karl-Werner Schweppe, Direktor der Frauenklinik Ammerland, Ammerland Klinik GmbH, Akad. Leh rkranken-
haus der Universität Göttingen, Lange Straße 38, D-26655 Westerstede; E-Mail:
[email protected]
Abbildung 1: Rezidivraten nach operativer und/oder medikamentöser
Endometriosetherapie in Abhängigkeit von der Aktivität der Erkrankung.
Abbildung 2: Schwangerschaftsraten nach operativer und/oder medika-
mentöser Endometriosetherapie in Abhängigkeit von der Aktivität.
vor Th. Th.Ende 369 1 2 2 4
Monate nach Therapie
0
20
40
60
80
100
% Pat. mit Endometriose und Beschwerden
pelviskop OP aktiv
pelviskop. OP inaktiv
Drei-Ph-.Th. aktiv
Drei-Ph.-Th. inaktiv
pelviskopische OP aktiv 100 0 17,6 36,3 40,2 50 52,9
pelviskopische OP inaktiv 100 0 9,8 18 21,3 32,8 34,4
Drei-Phasen-Therapie aktiv 100 0 7,8 7,8 11,8 22,5 24,5
Drei-Phasen-Therapie inaktiv 100 0 13,1 13,1 21,3 26,2 36,1
Th.-Ende 3 6 9 12 24
Monate nach Therapie
0
10
20
30
40
50
Schwangerschaftsrate % (N=220)
Pelviskop.OP aktiv
Pelviskop.OP inaktiv
Drei-Ph.-Th. aktiv
Drei-Ph.-Th. inaktiv
Pelviskopische OP aktiv 0 6,5 6,5 9,7 19,4 29
Pelviskopische OP inaktiv 0 4,2 4,2 18,7 20,8 25
Drei-Phasen-Therapie aktiv
0 19,4 25,8 38,7 38,7 45,2
Drei-Phasen-Therapie inaktiv 0 0 8,3 16,7 29,1 29,1
p<0,05
p<0,05
p<0,05
p<0,01
p<0,01
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J. FERTIL. REPROD. 3/2003 9
herdige diffuse Peritonealendometriose von der zystischen
Ovarialendometriose und den tief infiltrierenden, retrope-
ritonealen Formen. Ferner variiert der makroskopische
Aspekt der Herde. Bei subtiler Betrachtung per pelviscopi-
am lassen sich noduläre, vesikuläre, polypöse und plaque-
artige Formen unterscheiden, die auf unterschiedliche pro-
liferative Aktivität und endokrine Modulation hinweisen
sollen [1]. Ferner ist die unterschiedliche Färbung der Her-
de von gelblich-weiß über rosa, rot, dunkelrot bis blau-
schwarz und braun ein Hinweis auf Alter, Wachstumsakti-
vität, Regression oder Inaktivität. Diese Kriterien sind
erstmals in der neuen ASRM-Klassifikation [2] berücksich-
tigt worden, da sie wichtige Faktoren für Therapieentschei-
dung und Prognose darstellen.
Unterschiedliche mikroskopische Erscheinungsformen
Licht- und elektronenmikroskopische Untersuchungen ha-
ben gezeigt, daß das morphologische Spektrum der Endo-
metrioseherde groß ist und von niedriger Differenzierung
bis zu hoch differenzierten, dem uterinen Endometrium
ähnlichen Implantaten reicht; darüber hinaus werden
wei-
tere Enddifferenzierungsstufen des Müller’schen Epithels er-
reicht [3]. Drüsen in Endometrioseherden ähneln in die-
sen Fällen der Isthmusschleimhaut, der Zervixschleimhaut
(Zervikose) oder der Tubenschleimhaut (Endosalpingeose).
Aktive Endometrioseherde zeichnen sich durch Hypervas-
kularisation, Ödem und entzündliche Zellinfiltrate aus. Sie
zeigen in den Drüsen und im Stroma proliferative Aktivität,
was sich beispielsweise anhand der Mitoserate sowohl in
peritonealen Herden als auch in den Endometrioseinseln
der Zystenwände oder der tief infiltrierenden Wachstums-
formen zeigen läßt. Sie sind parakrin aktiv, sezernieren
Adhäsionsmoleküle, Wachstumsfaktoren sowie Proteasen
zur Auflösung der Matrix des umgebenden Bindegewebes
und induzieren eine Neoangiogenese. Die Beeinflußbarkeit
der Endometrioseimplantate, der Zysten und der nodulären
Herde durch ovarielle Steroidhormone variiert ebenso, was
sowohl morphologisch als auch biochemisch nachgewie-
sen wurde [4].
Klinische Relevanz der Aktivität
Bereits 1987 hatte Redwine [5] auf die unterschiedlichen
Farbaspekte der Endometrioseherde in Abhängigkeit vom
Alter der Implantate (von „jung, aktiv, rot“ bis zu „alt, inaktiv,
braun“) hingewiesen. Konsequent wurde in den folgenden
Jahren das makroskopisch unterschiedliche Erscheinungs-
bild berücksichtigt, um sowohl die Ovarendometriose als
auch den peritonealen Befall genauer zu klassifizieren [6],
verschiedene Kriterien zur Beurteilung des Aktivitätsgra-
des wurden vorgeschlagen [7]. In einer prospektiv-rando-
misierten klinischen Studie prüften wir die Bedeutung die-
ser unterschiedlich aktiven Endometrioseformen für die
praktische medikamentöse und operative Behandlung der
Schmerz- und der Sterilitätspatientinnen [8]. In der Grup-
pe der Schmerzpatientinnen mit aktiver Endometriose war
die Rezidivrate signifikant niedriger und das rezidivfreie
Intervall signifikant länger nach der kombinierten medika-
mentös-operativen Therapie im Vergleich zur alleinigen
pelviskopischen Sanierung. Bei inaktiver Erscheinungsform
der Endometriose ließen sich keine Unterschiede sichern,
so daß diese Gruppe von Patientinnen keinen Vorteil
durch die 6monatige medikamentöse Behandlung und die
Re-Pelviskopie hatten (Abb. 1). Bei den Frauen mit aktiver
Endometriose und Sterilität führte die medikamentöse
Suppressionstherapie mit dem GnRH-Agonisten sowie die
Beseitigung der Residualendometriose und der endome-
triosebedingten Sekundärschäden durch Second-look-Pel-
viskopie zu signifikant höheren Schwangerschaftsraten
und zum schnelleren Eintritt dieser Schwangerschaften im
Vergleich zur primären alleinigen Pelviskopie (Abb. 2).
Keine statistischen Unterschiede zeigten sich bei inaktiver
Endometriose hinsichtlich der geprüften Behandlungsmo-
dalitäten.
Diese Daten deuten darauf hin, daß die Relevanz einer
Endometriose als Schmerzfaktor in den frühen Krankheits-
stadien von der proliferativen Aktivität abhängt, während
offensichtlich bei fortgeschritteneren Stadien die Organ-
schäden, die Fibrosen und Adhäsionen für die Beschwer-
den überwiegend verantwortlich sind. Ob eine Endome-
triose im Stadium I und II ein funktioneller Sterilitätsfaktor
ist, hängt offensichtlich ebenfalls von ihrer Aktivität ab.
Wie die Aktivität einer Endometriose durch geeignete ma-
kroskopische, mikroskopische und biochemische Kriterien
ausreichend sicher charakterisiert werden kann, müssen
zukünftige Studien zeigen. Die Anwendung makroskopi-
scher und mikroskopischer rein deskriptiver Kriterien ist
untersucherabhängig und damit zu unterschiedlich. Unter-
suchungen an der einheitlich hoch differenzierten Funk-
tionalis des uterinen Endometriums haben gezeigt, daß
bereits hier die Variabilität sehr hoch ist [9]. Histochemi-
sche Methoden ermöglichen semiquantitative Beurteilun-
gen, noch objektiver sind biochemische Charakteristika
der Endometrioseherde selbst oder ihrer Umgebung. Zur
Zeit werden Parameter und Methoden erforscht, die repro-
duzierbarere Daten liefern und die mit einfachen Labor-
methoden erhoben werden können (Ki67 im Endometrio-
seherd [10] oder TNF- α im Douglas-Sekret [11]), so daß
sie auch für die klinische Routine geeignet sind.
Behandlungsstrategien
Therapieempfehlungen können nicht standardisiert wer-
den, da die individuelle Situation der Patientin, ihr Alter,
ihre reproduktiven Erwartungen, ihre Schmerzsymptoma-
tik und eventuell assoziierte gynäkologische Erkrankun-
gen mit berücksichtigt werden müssen (Tab. 1). Aber auch
die Endometriose selbst erfordert durch die oben darge-
stellte topographische und morphologische Vielfalt ein dif-
ferenziertes Vorgehen. Aus diesen Daten ergibt sich für das
praktische Behandlungskonzept die Konsequenz, die Akti-
vität als relevanten Faktor der Erkrankung für den individu-
ellen Therapieplan zu berücksichtigen. Hervorzuheben ist,
daß das Vorliegen einer Endometriose nicht automatisch
die Indikation zur Behandlung liefert. In speziellen Situa-
tionen sind die Implantate ein bedeutungsloser Nebenbe-
fund, wie z. B. bei pelviskopischen Sterilisationen von be-
schwerdefreien, fertilen Frauen, wo in ca. 5% oft inaktive
Endometrioseimplantate gefunden werden.
Tabelle 1: Kriterien für einen individuell angepaßten Therapieplan bei
Endometriose
Berücksichtigung des Stadiums
● Je fortgeschrittener, desto intensiver (eher operativ)
● Je fortgeschrittener, desto früher und häufiger Rezidive
Berücksichtigung des Alters
● Zeit bis zu Menopause: je jünger, desto früher Rezidive
● Reproduktive Erwartung: Fruchtbarkeit um 50 % reduziert
Berücksichtigung des Wachstumstyps
● Ovarialzysten
● Diffuse peritoneale Implantate
● Tief infiltrierende tumoröse Herde
Berücksichtigung der Aktivität
● Mikroskopie (Histologie, Immunhistochemie)
● Biochemie (im Douglassekret, im Endometrioseherd)
J. FERTIL. REPROD. 3/200310
Chirurgische Behandlung
Das Prinzip der konservativen, organerhaltenden Operati-
on bei Endometriose beruht auf einer vollständigen Entfer-
nung der Implantate und Korrektur der Sekundärschäden
am inneren Genitale, um die Erkrankung zu sanieren und
die Fertilität zu erhalten. In den leichteren Stadien I und II
ist dies anläßlich der diagnostischen Pelviskopie das
Vorgehen der Wahl. Liegen große Ovarialendometriome,
ausgedehnte Verwachsungen und Fibrosierungen mit un-
übersichtlicher Topographie vor, wird bei entsprechender
Ausstattung von erfahrenen Operateuren endoskopisch
organerhaltend operiert oder bei „frozen pelvis“ auch
klassisch per laparotomiam , wobei am Ende des Eingriffs
wenigstens Uterus und ein Ovar mit korrespondierender,
funktionsfähiger Tube vorhanden sein müssen. Bei jungen
Frauen und Sterilitätspatientinnen sind mikrochirurgische
Operationstechniken anzuwenden. Die präoperative me-
dikamentöse Vorbehandlung mit GnRH-Agonisten wird
von manchen Arbeitsgruppen empfohlen, um die Aus-
dehnung des Befundes, die operative Traumatisierung und
das Risiko von Adhäsionen zu reduzieren. Durch prospek-
tiv-randomisierte Studien ist dies bisher nur für großzysti-
sche Ovarialendometriose belegt. In der Literatur schwankt
das Rezidivrisiko nach konservativen Operationen je
nach Nachuntersuchungszeitraum zwischen 7 % und 31%
[12].
Sichere Rezidivfreiheit ist nur durch Resektion der Endo-
metriose und bilaterale Adnexektomie zu erzielen. Heute
ist die radikale operative Sanierung eine ultima ratio und
nur zu empfehlen, wenn
1) beide Ovarien bis zur Hilusregion von tiefen Endome-
triomen befallen sind,
2) ausgedehnte Rezidive nach medikamentösen und ope-
rativen Therapieversuchen vorliegen – besonders im
Stadium IV und Befall von Darm, Blase und Ureter, oder
3) zusätzliche pathologische Befunde einen solchen Ein-
griff rechtfertigen.
Wissenschaftlich ungeklärt ist das dann auftretende
Problem der geeigneten Substitutionstherapie. In der Pra-
xis ist bei prämenopausalen Patientinnen eine Hormonbe-
handlung mit Gestagenen oder einer niedrig dosierten
Östrogen/Gestagen-Kombination angezeigt, da, von Einzel-
fällen abgesehen, bisher keine Rezidive beobachtet wur-
den [13]. Ähnlich sollte man sich verhalten, wenn eine
Patientin nach konservativer Endometriosetherapie ins Kli-
makterium kommt und über relevante Ausfallerscheinun-
gen klagt. Ob neue Substanzen wie Tibolon Vorteile bringen,
müssen zukünftige Studien zeigen.
Medikamentöse Behandlung
Obwohl verschiedene immunologische, entzündliche und
endokrine Faktoren für die Progression einer Endometriose
von Bedeutung sind, beruhen alle bisher etablierten medi-
kamentösen Behandlungen auf dem Entzug der ovariellen
Östrogene, also auf Suppression der Ovarien. Geeignet
sind Steroidhormone, die in das negative Feedback des
Regelkreises Hypothalamus-Hypophyse-Ovar eingreifen,
ohne daß sie selbst oder ihre Metaboliten östrogene Eigen-
schaften entwickeln, oder aber die Behandlung direkt auf
der hypophysären Ebene die Gonadotropinfreisetzung blok-
kierender Stoffe, wie die GnRH-Analoga. Endometriose-
bedingte Schmerzen, die durch Veränderungen des Prosta-
glandinstoffwechsels am Ort der Erkrankung bedingt sind,
lassen sich durch PG-Syntheseinhibitoren beeinflussen,
ohne daß die zugrunde liegende Endometriose regressiv
verändert wird.
Gestagenbehandlung
Die pathophysiologischen Mechanismen der Gestagen-
wirkung auf Endometrioseherde sind unklar. Einerseits
können in den Implantaten keine oder im Vergleich zum
Endometrium nur geringe Konzentrationen von Gestagen-
rezeptoren nachgewiesen werden [4], so daß nur limitierte
direkte Wirkungen auftreten dürften. Während Gestagene
im eutopen Endometrium die Aktivität der 17 β-Hydroxy-
steroiddehydrogenase Typ 2 aktivieren und so zur ver-
mehrten Umwandlung von Östradiol in Östron beitragen,
geschieht dies in Endometrioseherden nicht. Im ektopen
Endometrium ist ein Defekt dieses Enzyms dafür verant-
wortlich, sodaß auch während der Lutealphase Östradiol
im Überfluß zur Proliferation der Endometriose führt und
der opponierende Effekt der Gestagene nicht zum Tragen
kommt; andererseits sind Gestagene offensichtlich in der
Lage, nach Ovarektomie eine Endometriose stimulierend
zu beeinflussen [14].
Orale Gestagenbehandlung in niedriger Dosierung (5–
20 mg täglich) wurde als wirksames Behandlungsprinzip
bei endometriosebedingten Symptomen beschrieben. Der
hypoöstrogene, hypergestagene Zustand verursacht am
uterinen Endometrium eine Dezidualisierung, die aller-
dings in Endometrioseherden nicht oder nur unvollständig
erreicht wird. Um aber eine Dezidualisierung mit nachfol-
gender Nekrose und Resorption überhaupt zu erzielen,
muß eine gleichzeitige Östrogenwirkung vorhanden sein.
Da eine kontinuierliche Gestagengabe aber zu niedrigen
Östrogenspiegeln führt, resultieren häufig Schmier- und
Zwischenblutungen, die zur Dosiserhöhung oder Östro-
genzugabe zwingen. Sicher ist, daß die endometrioseab-
hängigen Symptome in bis zu 80 % der Fälle unterdrückt
werden können, wobei aber die Rezidivrate hoch ist. Erst
durch hochdosierte Gestagenapplikation (z. B. 100 mg
MPA/d) werden Behandlungsergebnisse erzielt, die mit
der bisherigen Standardmedikation Danazol oder GnRH-
Analogon vergleichbar sind [15].
GnRH-Analoga-Behandlung
GnRH-Analoga sind Substanzen, die sich vom natürlichen
Dekapeptid durch Änderungen der Aminosäuren in Position
6 und 10 unterscheiden. Die Agonisten wirken wie das
GnRH, sind allerdings in ihrer Wirkungsstärke und -dauer
bis zu 200mal potenter, da ihr enzymatischer Abbau ver-
zögert ist. Die Antagonisten werden zur Zeit in klinischen
Studien erprobt, nachdem sie in der Reproduktionsmedi-
zin bereits angewendet werden. Durch Rezeptorblockade
wird die Hypophyse desensitiviert, wodurch die pulsatile
LH- und FSH-Sekretion erlischt. Follikelreifung und Ovar-
funktion werden unterdrückt, so daß eine reversible, me-
dikamentöse Kastration – eine pseudomenopausale Situa-
tion – eintritt. Da Östrogene die Endometriose fördern,
stellt dieses Therapieprinzip des isolierten medikamentösen
Hypoöstrogenismus eine wirksame Erweiterung des Thera-
piespektrums dar. Klinische und pelviskopisch kontrollier-
te Untersuchungen haben gezeigt, daß mit diesen Sub-
stanzen die gleichen Erfolge zu erzielen sind wie mit dem
bisherigen Standardpräparat [16]. So besserten sich die
subjektiven Symptome in 70–90%; pelviskopisch war eine
Regression objektivierbar in 43–87 %, die unkorrigierten
Schwangerschaftsraten bei Sterilitätspatientinnen lagen
zwischen 23 % und 46 %. Allerdings beträgt die Rezidivrate
ähnlich wie bei Danazol bereits im ersten Jahr nach Therapie-
ende 12–18 % (Tab. 2).
Nebenwirkungen beruhen auf dem induzierten Hypo-
östrogenismus. Hitzewallungen, Schweißausbrüche, trok-
J. FERTIL. REPROD. 3/2003 11
kene Vagina mit Dyspareunie und Libidoverlust in unter-
schiedlicher Häufigkeit und Intensität sind häufig geklagte
Symptome. Therapieabbrüche wegen dieser Nebenwirkun-
gen sind allerdings bei entsprechender Information der
Patientin über das Behandlungsprinzip eine Seltenheit. Die
Unterdrückung der Ovarien bis hin zur postmenopausalen
Funktionsruhe birgt allerdings das Risiko einer Deminera-
lisierung des Knochens in sich. Die jährliche Verlustrate
kann bei suffizienter Suppression mit Depotapplikationen
bis 12 % betragen [22], wodurch die Therapiedauer der
GnRH-Agonisten begrenzt wurde. Sowohl die hypoöstro-
genen Nebenwirkungen wie auch die Demineralisierung
können durch geeignete Add-Back-Medikation – kontinu-
ierliche Gabe niedrig dosierter Östrogene und Gestagene
– nahezu vollständig beseitigt werden und ermöglichen
neue Perspektiven für den wiederholten Einsatz dieses
Therapieprinzips oder sogar Dauerbehandlungen [23].
Gezielter Einsatz in der Praxis: was tun – wann?
Um gewisse praktisch-relevante Entscheidungskriterien
für den Einsatz der operativen und medikamentösen Be-
handlung festzulegen, gruppieren wir die Endometriose-
Patientinnen hinsichtlich ihrer Familienplanung und
Schmerzsymptomatik:
Patientin mit Kinderwunsch, mit oder ohne Symptomatik
Üblicherweise wird erst im Rahmen der Sterilitätsdiagno-
stik zum Ausschluß mechanischer Sterilitätsursachen eine
Pelviskopie durchgeführt, wobei sich die Endometriose als
Überraschungsdiagnose herausstellt. In dieser Situation
muß vor chirurgischer Überbehandlung gewarnt werden.
Oft ist die Endometriose nur mit anderen Sterilitätsfaktoren
assoziiert und ihre Behandlung verbessert die Chancen
auf eine Schwangerschaft nicht [24], vielmehr birgt ein
operatives Trauma das Risiko von Narben und Adhäsionen
und somit das Risiko zusätzlicher, iatrogener Sterilitätsfak-
toren. Sind durch eine umfassende Sterilitätsdiagnostik
andere Faktoren ausgeschlossen und handelt es sich nach
makroskopischem Aspekt um aktive Implantate, so daß die
Endometriose als der einzige Sterilitätsfaktor anzusehen ist,
sollte in den leichten Stadien I und II eine pelviskopische
Sanierung angestrebt werden. Sprechen die morphologi-
schen Kriterien auch für eine aktive Endometriose, sollte
sich besonders bei Frauen < 35 Jahren eine medikamentöse
Endometriosetherapie anschließen. Prospektiv-randomi-
sierte Untersuchungen zeigen signifikante Vorteile der
Kombinationsbehandlung in dieser Gruppe. Danach sind
6–12 Zyklen abzuwarten, möglichst mit Zyklusmonitoring
und, sofern indiziert, Zyklusoptimierung.
Fortgeschrittenere Stadien, wo Endometriosezysten der
Ovarien sowie ausgedehnte Verwachsungen und fibroti-
sche Veränderungen am Genitale häufig sind und eindeutig
mechanische Sterilitätsursachen darstellen, sollten primär
operativ saniert werden. Hier ist eine medikamentöse
Vorbehandlung oft sinnvoll. Eine Nachbehandlung nach
Mikrochirurgie lehnen wir ab, da auch bei unvollständig
sanierter Endometriose innerhalb der ersten 12 bis 18
Monate postoperativ Schwangerschaftsraten von 25 % bis
40 % erzielt wurden. Ist eine mikrochirurgische Rekon-
struktion von Ovar und funktionsfähiger Tube nicht mög-
lich, oder kommt es nach mikrochirurgischem Eingriff zum
Rezidiv, ist die Indikation zur In-vitro-Fertilisation gege-
ben, da ein erneuter operativer Eingriff die Schwanger-
schaftschance kaum verbessert. Eine medikamentöse
Vorbehandlung mit GnRH-Agonisten und Stimulation aus
der ovariellen Suppression heraus (Ultra-Long-Protokoll)
verbessert die Erfolgsraten der assistierten Reproduktion
signifikant [25].
Familienplanung abgeschlossen, relevante Symptome
Vieles spricht für die primär operative Therapie: Die Pati-
entinnen dieser Gruppe sind oft älter als 35 Jahre. Im Sta-
dium I bis III kann die erforderliche diagnostische Pel-
viskopie therapeutisch erweitert werden, indem durch
Koagulation, Vaporisation, Exzision von Implantaten, Ad-
häsiolyse und Entfernung von fibrotischen Veränderungen
die Endometriose und ihre Sekundärschäden beseitigt
werden. Regelmäßige gynäkologische Nachsorge ist indi-
ziert, da ein hohes Risiko für Rezidive oder Progredienz
von übersehenen, mikroskopisch kleinen Herden besteht,
insbesondere dann, wenn die histologische und bioche-
mische Aufarbeitung der Präparate eine aktive, endokrin-
modulierte Endometriose ergibt [8]. In solchen Fällen ist
eine hormonelle Behandlung indiziert. Primär sollten
GnRH-Analoga eingesetzt werden.
Im Stadium IV oder auch schon im Stadium III mit un-
übersichtlicher Topographie sollte nach unvollständiger
pelviskopischer Sanierung für 3 bis 6 Monate medikamen-
tös nachbehandelt werden. Im Stadium IV behandeln wir
Frauen unter 45 Jahren konservativ chirurgisch mit medi-
kamentöser Nachbehandlung bei unvollständiger Sanie-
rung oder mit medikamentöser Vorbehandlung bei exzes-
sivem Befall des kleinen Beckens (Blase, Darm, Ureter).
Bisher nicht eindeutig geklärt ist die Frage, ob eine medi-
kamentöse Vorbehandlung sinnvoll ist. Bei Frauen nach
dem 45. Lebensjahr im Stadium III oder IV, vor allem wenn
Rezidiverkrankungen vorliegen, ist eine definitive chirur-
gische Sanierung unter Mitnahme beider Adnexe die Me-
thode der Wahl.
Junge Frau mit Beschwerden, z. Zt. kein Kinderwunsch
Wenn klinische Beschwerden relevant sind und zur diffe-
rentialdiagnostischen Abklärung eine Pelviskopie durch-
geführt werden muß, sollte in gleicher Narkose eine
Minimalendometriose durch Vaporisation oder Thermoko-
agulation saniert werden. Hierbei muß das Peritoneum lu-
penoptisch abgesucht werden, wobei besonders auf atypi-
sche Erscheinungsformen und aktive Implantate geachtet
werden muß. In den fortgeschritteneren Stadien III und IV
ist primär eine 3–6monatige medikamentöse Therapie in-
diziert, um Trauma, Risiken und Sekundärschäden ausge-
dehnter chirurgischer Sanierungen zu vermeiden. Wegen
der unterschiedlichen Ansprechbarkeit der Herde sollte
sich aber in fortgeschrittenen Fällen eine Second-look-
Tabelle 2: Therapieergebnisse bei Endometriose mit GnRH-Agonisten in unterschiedlicher Applikationsform (nb = nicht berichtet)
Autor Jahr Substanz Subj. Erfolg (%) Objekt. Erfolg (%) Gradivität (%) Rezidivrate (%)
Henzl u. Mitarb. [17] 1988 Narfarelin 79 79 39 23
Shaw [18] 1990 Goserelin 80 93 nb nb
Raitz v. Frentz u. Schweppe [19] 1990 Buserelin 85 69 35 12
Zorn u. Mitarb. [20] 1990 Triptorelin 87 68 nb 18
BRD-Studie [21] 1991 Leuprorelin 90 84 nb nb
J. FERTIL. REPROD. 3/200312
Pelviskopie anschließen, um Residualbefunde zu sanieren
(Drei-Phasen-Therapie). Im Stadium IV mit ausgedehnten
Sekundärschäden sollte der mikrochirurgischen Sanierung
primär der Vorzug gegeben werden – möglicherweise
nach medikamentöser Vorbehandlung. Die junge Frau ist
über Rezidivproblematik und reduzierte Fertilität aufzu-
klären. Regelmäßige Nachsorge mit Palpation und Sono-
graphie des inneren Genitales ist erforderlich. Ob zur
Rezidivprophylaxe orale Kontrazeptiva vom Kombinations-
typ, deren Gestagen eine niedrige Transformationsdosis
hat, geeignet sind, wird kontrovers diskutiert, scheint aber
theoretisch sinnvoll.
Diese auf die individuelle Situation der Patientin einge-
henden Behandlungsprinzipien vermeiden einerseits ope-
rative und/oder medikamentöse Überbehandlungen und
verlangen andererseits vom Therapeuten umfangreichen
diagnostischen Aufwand und exakte Kenntnisse über die
unterschiedlichen Wirkungsmechanismen der zur Verfügung
stehenden Medikamente. Nur so ist es nach dem bisheri-
gen Kenntnisstand möglich, Symptome und Folgeschäden
dieser chronisch rezidivierenden Erkrankung zu beseiti-
gen oder zu lindern.
Literatur:
1. Brosens IA, Cornillie FJ. Peritoneal endometriosis. Morphological
basis of the laparoscopic diagnosis. Contr Gynecol Obstet 1987; 16:
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Prof. Dr. med. Karl-Werner Schweppe
Geboren 1947 in Bielefeld, Nordrhein-Westfalen; 1966 Abitur am altsprachlichen Friedrichs-Gym-
nasium in Herford; 1966–1971 Medizinstudium in Münster und Wien. Stipendium der Studienstif-
tung des Deutschen Volkes. 1974–1978 Ausbildung zum Arzt für Gynäkologie und Geburtshilfe an
verschiedenen Lehrkrankenhäusern. 1979–1980 Research-Assistent-Professor im Department of
Obstetrics and Gynecology und Department of Pathology an der Universität in Little Rock, USA.
Ab 1980 Oberarzt an der Universitätsfrauenklinik Münster; 1983 Venia legendi. 1983 Auszeich-
nung der wissenschaftlichen und klinis chen Arbeit mit dem „Pfannenstiel-Staude Preis“ der Nord-
westdeutschen Gesellschaft für Gynäkologie. Seit 1984 Chefarzt der Frauenklinik Ammerland,
Akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Göttingen.
Vorsitzender der Stiftung „Endometriose-Forschung“, Mitglied der ständigen Kommission der Peri-
natologischen Arbeitsgemeinschaft Niedersachsen zur Qualitätskontrolle in der Geburtshilfe und
des „Europäischen Endometriose Informations Centers“, Medizinischer Beirat der „Endometriose Vereinigung Deutsch-
land e. V .“ und im Council of the World Endometriosis Society. Mitglied in zahlreichen wissenschaftlichen Gesellschaften.
Über 130 wissenschaftliche Publikationen in deutschen und internationalen Zeitschriften zu den Themen Sonographie,
Mammakarzinom, Ovarialkarzinom, Kontrazeption, gynäkologische Endokrinologie, Endometriose. Autor und Mitautor
von über 40 Buchbeiträgen sowie Herausgeber und Mitherausgeber von 12 Fachbüchern. Autor von zwei wissenschaft-
lichen Filmen zum Thema Endometriose. Über 170 wissenschaftliche Vorträge auf nationalen und internationalen Kon-
gressen und über 230 Vorträge auf gynäkologischen/geburtshilflichen Fortbildungsveranstaltungen im In- und Ausland.
Mitteilungen aus der Redaktion
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