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JOURNAL FÜR
FERTILITÄT UND REPRODUKTION
JOURNAL FÜR
FERTILITÄT UND REPRODUKTION
Krause & Pachernegg GmbH · VERLAG für MEDIZIN und WIRTSCHAFT · A-3003 Gablitz
ZEITSCHRIFT FÜR IN-VITRO-FERTILISIERUNG, ASSISTIERTE REPRODUKTION UND KONTRAZEPTION
Indexed in EMBASE/
Excerpta Medica
Homepage:
www.kup.at/fertilitaet
Online-Datenbank mit
Autoren- und Stichwortsuche
BITZER J, ALDER J, GREINER-MAI E, SKOTT F
Endometriose - wie fühlt sich meine Patientin?
Journal für Fertilität und Reproduktion 1999; 9 (5) (Ausgabe für
Österreich), 27-32
27J. FERTIL. REPROD. 5/1999
Summary
Endometriosis is the second most
common disease in gynecology.
The lack of clear course
parameters and strongly diver-
gent individual symptoms make
its diagnosis difficult. As a result,
it often remains undetected for a
long time. Since a causal therapy
is not possible to date, the only
option is to treat the symptoms.
Relapse and chronic progression
are very common. For many
patients, the disease causes
major physical and psychic
problems. Therefore, the relation-
ship between doctor and patient
is under considerable strain. Due
to this problems, we decided to
carry out an investigation that
dealt specifically with the
problems facing the doctor and
the patient in the treatment of
endometriosis. A study instrum-
ent consisting of 2 question-
naires for doctors and patients
was designed. 162 gynecologists
and 34 patients receiving
treatment with a GnRH agonist
(Decapeptyl) were included in
this study.
The results of the questionnaires
for doctors and patients show
that the communication needs
when dealing with patients
suffering from endometriosis
have increased. The overall
picture of the quality of life
during this treatment is positive
and is confirmed by high
ENDOMETRIOSE –
WIE FÜHLT
SICH MEINE
PATIENTIN?
J. Bitzer, E. Greiner-Mai, F. Skott, J. Adler
ENDOMETRIOSE –
WIE FÜHLT SICH MEINE PATIENTIN?
ZUSAMMENFASSUNG
Die Endometriose ist die zweit-
häufigste benigne Erkrankung in
der Gynäkologie. Das Fehlen ein-
deutiger Verlaufsparameter und
individuell stark divergierende
Symptome machen die Diagnose
schwierig. So wird sie meist lange
Zeit nicht erkannt. Da bisher kei-
ne ursächliche Therapie möglich
ist, bleibt nur die Behandlung der
Symptome. Rezidive und Chroni-
zität sind häufig. Vielen Patientin-
nen bereitet die Erkrankung so-
wohl grosse physische als auch
psychische Probleme. Die Bezie-
hung zwischen Arzt und Patientin
ist aus diesen Gründen vielen
Belastungen ausgesetzt. Diese
Problematik war für uns Anlass,
eine Untersuchung durchzuführen,
die sich speziell mit den Schwie-
rigkeiten für Arzt und Patientin
beim Umgang mit der Endometri-
ose beschäftigt. Es wurde ein
Untersuchungsinstrument aus 2
Fragebögen für Ärzte und für Pati-
entinnen entwickelt. An der Un-
tersuchung beteiligten sich 162
Gynäkologen und 34 Patientinnen
unter Behandlung mit einem
GnRH-Agonisten (Decapeptyl).
Die Ergebnisse der Ärzte- und der
Patientinnenbefragung zeigen,
dass die kommunikativen Anfor-
derungen im Umgang mit Endo-
metriosepatientinnen gewachsen
sind. Insgesamt ergibt sich ein
positives Gesamtbild der Lebens-
qualität unter der Behandlung,
was durch den hohen Prozentsatz
der mit der Behandlung zufriede-
nen Patientinnen bestätigt wird.
Von besonderer Bedeutung ist das
Resultat, dass dem Medikament
und der ärztlichen Betreuung zu
etwa gleichen Teilen eine heilen-
de, bessernde Kraft zugeschrieben
wird. Die Patientinnen wünschen
sich eine enge, persönliche Be-
ziehung zu ihrem Arzt, die ihnen
bei der Bewältigung der Erkran-
kung hilft. Dies führt den hohen
Stellenwert der Persönlichkeit des
Arztes und der Wichtigkeit einer
guten Arzt-Patientin-Beziehung
deutlich vor Augen. Die Unter-
stützung durch Dritte (Psycholo-
gen, Selbsthilfegruppen, Patienten-
seminare, Beratungsstellen) wird
eher zurückhaltend beurteilt.
EINLEITUNG
Die Endometriose ist die zweit-
häufigste benigne Erkrankung in
der Gynäkologie. Schätzungsweise
7–15 % aller Frauen im reproduk-
tionsfähigen Alter sind davon
betroffen [1]. Die Erkrankung ist
zwar nie lebensbedrohend, be-
einträchtigt aber die betroffenen
Frauen massiv aufgrund ihrer
Symptome mit starken, sehr unter-
percentage of patients who are
satisfied with the treatment. The
fact that the drug and the
doctor’s care are both though to
have an equal healing, beneficial
effect is particularly important.
The patients wish for a close
personal relationship with their
doctor, who supports them in
overcoming the disease. This
clearly shows the high value of
the doctor’s personality, and how
important a good relationship
between doctor and patient is.
Support from third parties
(psychologists, self-help groups,
patient seminars, counselors) is
assessed as less important.
J. FERTIL. REPROD. 5/199928
ENDOMETRIOSE –
WIE FÜHL T
SICH MEINE
PATIENTIN?
schiedlichen Schmerzen und Un-
fruchtbarkeit.
Der Endometriose können häufig
keine eindeutigen Verlaufspara-
meter zugeordnet werden. Da sie
ausserdem individuell stark diver-
gierende Symptome aufweist und
in oft unberechenbaren Phasen
verlaufen kann, ist sie nur schwer
zu diagnostizieren. So wird sie
meist lange Zeit nicht erkannt
und kann letztlich nur durch ein
invasives Verfahren gesichert wer-
den. Der objektive Befund und
das subjektive Leiden klaffen zum
Teil weit auseinander [2].
Ätiologie und Pathogenese der
Endometriose sind bislang nicht
geklärt. Eine ursächliche Therapie
ist deshalb nicht möglich, und
dem Arzt bleibt nur die Behand-
lung der primären und sekundären
Begleitsymptome. Rezidivierung
und chronische Verläufe sind lei-
der nicht auszuschliessen [2, 3].
Die Krankheit bereitet vielen
Patientinnen enorme Probleme:
Neben den zum Teil massiven
Schmerzen sind sie verunsichert.
Sie wissen über die Erkrankung
nicht Bescheid und erhalten oft
widersprüchliche Informationen.
Verärgerung und Trauer sind die
Folgen. Aufgrund der Chronizität
der Beschwerden kann es zu an-
dauernden Veränderungen des
psychischen Befindens kommen,
wie depressiven Verstimmungen,
Angstzuständen, Veränderungen
der Persönlichkeit. Die Krankheit
hat deshalb häufig tiefgreifende
Auswirkungen auf Partnerschaft,
Sexualität, Beruf und soziales
Umfeld [1, 4].
Die Beziehung zwischen Arzt und
Patientin ist aus diesen Gründen
vielen Belastungen ausgesetzt:
Die Patientin fühlt sich auch vom
Arzt nicht ernst genommen, un-
terversorgt oder überbehandelt.
Sie wird mit der Zeit misstrauisch
und stellt dann alle Bemühungen
des Arztes in Frage. Der Arzt er-
lebt sich in solchen Fällen nicht
selten als hilflos, manchmal auch
verärgert, läuft Gefahr, seinen
Frust auf die Patientin zu projizie-
ren. Die Wahl sehr aggressiver
Therapieverfahren oder das Ab-
schieben der Patientin können die
für beide Seiten unerwünschten
Folgen sein [4].
Diese Problematik war für uns
Anlass, eine Untersuchung durch-
zuführen, die sich speziell mit
den Schwierigkeiten für Arzt und
Patientin beim Umgang mit der
Endometriose beschäftigt.
Folgende Fragen interessierten
uns hierbei:
1. Wie sehen Ärzte die Schwierig-
keiten bei der Betreuung von
Endometriosepatientinnen und
welche Hilfe wünschen sie sich?
2. Wie erleben Patientinnen die
verschiedenen Phasen der Dia-
gnostik und Therapie im Hinblick
auf ihr Allgemeinbefinden und
ihre Lebensqualität?
3. Welche Erwartungen haben
Patientinnen im Hinblick auf die
ärztliche Betreuung?
METHODIK
Es wurde ein Untersuchungs-
instrument aus 2 Teilen entwickelt:
1. Ein an Ärzte gerichteter Frage-
bogen (Abb. 1): dieser Fragebo-
gen wurde von 162 Gynäkologen
zu Beginn der Studie ausgefüllt.
2. Ein an die Patientinnen gerich-
teter Fragebogen (Tab. 1): Dieser
Fragebogen wurde von den Ärz-
ten an 34 Patientinnen unter Be-
handlung mit einem LHRH-Ago-
nisten (Decapeptyl Retard, Ferring
Pharmaceuticals) gegeben. Vom
Arzt erfasst wurde der Schwere-
grad der Endometriose, das Alter,
der Konsultationsgrund.
Für die Patientin wurden drei
Befragungszeitpunkte gewählt:
G nach Diagnosenstellung
G 2–3 Monate nach Beginn der
Therapie
G ca. 2 Monate nach Ende der
Therapie.
Die Fragen wurden auf einer Ska-
la von 1 (trifft überhaupt nicht zu)
bis 6 (trifft voll zu) beantwortet
und folgendermassen gewertet:
1 + 2: nein, 3 + 4: weiss nicht,
5 + 6: ja.
Zusätzlich wurde zum Zeitpunkt
der Diagnosestellung nach den
Wünschen bezüglich Häufigkeit
des Arztkontaktes, Informations-
massnahmen (Broschüren, Videos,
Vorträge) und psychologischem
Support (Selbsthilfegruppen, Bera-
tungsstellen, behandelnder Arzt,
Psychologe) gefragt.
Nach Therapieende wurde die
Patientin nach ihrem subjektiven
Befinden befragt. Bei erfolgrei-
cher Behandlung sollte sie Grün-
de benennen, die nach ihrer
Meinung zum Erfolg beigetragen
haben (Medikament, psychologi-
sche Betreuung, Aufklärung,
Unterstützung durch Arzt, Partner,
Freunde).
Die Analyse der Fragebögen –
Vergleich der Veränderungen der
Zeitpunkte 1 zu 2 und 1 zu 3 –
wurde statistisch mittels des
nicht-parametrischen Friedman
Tests vorgenommen. p
< 0,05
wurde als signifikant, p < 0,01 als
hoch signifikant gewertet.
29J. FERTIL. REPROD. 5/1999
Abbildung 1: Ärztebefragung „Sie im Dialog mit Ihrer Endometriosepatientin“
Sind Sie einverstanden mit den folgenden Aussagen?
Das Informationsbedürfnis Ihrer Endometriose-Patientinnen steigt zunehmend.
ja nein vielleicht _____________________________
Endometriosepatientinnen erwarten von Ihnen – neben der medizinischen
Beratung – vermehrt psychologische Unterstützung zur Bewältigung Ihrer
Krankheit.
ja nein vielleicht _____________________________
Durch den ausgeprägten Erklärungsbedarf Ihrer Patientinnen steigt Ihr zeitli-
cher Aufwand.
ja nein vielleicht _____________________________
Die Diagnose und die Therapie der Endometriose kann bei Ihrer Patientin
psychische Probleme ausl ösen. Wie begegnen Sie dieser Situation?
1 = trifft überhaupt nicht zu, 6 = trifft voll zu
Ich kann auf die Probleme der Patientin im
persönlichen Gespräch ausreichend eingehen. 1 2 3 4 5 6
Ich brauche für die mentale Unterstützung mehr
Zeit, die ich nicht habe. 1 2 3 4 5 6
Ich gebe der Patientin Literatur mit. 1 2 3 4 5 6
Ich interessiere mich für eine Weiterbildung bzgl.
psychosomatischer Fragestellungen. 1 2 3 4 5 6
Die Patientin soll bei Experten wie Psychologen
Hilfe suchen. 1 2 3 4 5 6
Welche Unterstützung im täglichen Umgang mit Ihren Patientinnen wünschen
Sie sich?
Patientinnenbroschüren zum Thema ______________________________ __
Videos zum Thema ____________________________ ___________________
Schaubilder für die Praxis zum Thema _________________ ________________
Faltblätter zum Erklären des Krankheitsbildes während der Konsultation
Informationsveranstaltungen für Ihre Patientinnen zum Thema ______________
Literaturservice
Seminare für Ärzte, bzw. Therapeuten
_________________________________________________________________
ENDOMETRIOSE –
WIE FÜHLT
SICH MEINE
PATIENTIN?
ERGEBNISSE
1. Befragung der Gynäkologen
75 % der Ärzte gaben an, dass
nach ihrer Einschätzung das Infor-
mationsbedürfnis der Endometriose-
patientinnen zunehmend ansteigt.
Nur 4 % verneinten diese Aus-
sage. 88 % waren der Meinung,
dass dadurch ihr zeitlicher Auf-
wand pro Konsultation zunimmt.
76 % waren der Meinung, dass
die Endometriosepatientin neben
der medizinischen Betreuung
auch eine psychologische Unter-
stützung zur Bewältigung ihrer
Erkrankung benötigt. 6 % waren
nicht dieser Ansicht. Die psycho-
logische Betreuung gehört für
92% der Ärzte in ihre Zuständig-
keit. Nur 8 % der Ärzte meinten,
dass die Patientinnen die Hilfe
eines externen Psychologen auf-
suchen sollten. 64 % interessieren
sich für eine Weiterbildung be-
züglich psychosomatischer Frage-
stellungen im Zusammenhang mit
der Endometriose. Gleichzeitig
gaben aber 45 % an, für psycho-
logische Gespräche eigentlich
nicht die nötige Zeit zu haben.
69 % versuchen ihre Patientinnen
bei der Krankheitsbewältigung zu
unterstützen, indem sie ihnen
Literatur oder andere Informations-
unterlagen mitgeben. Als Hilfs-
mittel wünschten sich 89%
Patientinnenbroschüren, 55%
Videos, 50% Literatur, Bücher etc.,
45% Schaubilder, 40% Faltblätter,
41% Seminare für Ärzte und 9%
Informationsveranstaltungen für
Patientinnen.
2. Befragung der Patientinnen
Die Patientinnen gehörten drei
Altersgruppen an: 40 % waren
zwischen 20 und 30 Jahre, die
Hälfte bis 40 Jahre und knapp
10% über 40. Der Schweregrad
der Endometriose – nach Laparo-
skopiebefunden eingeteilt – ergab
folgende Verteilung: 41% hatten
eine schwere Endometriose. rund
40% wurden als mittlere Endo-
metriose und 20% als leichte
Endometriose eingestuft. 70% der
Patientinnen litten an Schmerzen,
31% an Infertilität und 5% an
Zyklusstörungen (Mehrfach-
nennungen möglich).
An begleitenden Massnahmen
entschieden sich über 90% der
Frauen für Informationsbroschü-
ren, 55% für Videos, aber nur
10% Selbsthilfegruppen und 4%
für Beratungsstellen oder Bera-
tungstelefone. Rund 20% der
Frauen begrüssten Informations-
veranstaltungen, 40 % zogen dies
eventuell in Betracht; 46%
wünschten sich eine psychologi-
sche Unterstützung durch den
Arzt und 30% beurteilten diese
Hilfe als vielleicht wünschenswert.
Nur 2% zögen eine Beratung
durch einen Fachpsychologen
vor.
Die Fragen nach der Lebensquali-
tät waren in drei Gruppen unter-
teilt: globales Empfinden, kogniti-
ves Empfinden und emotionale
Zustände (Abb. 2):
J. FERTIL. REPROD. 5/199930
ENDOMETRIOSE –
WIE FÜHL T
SICH MEINE
PATIENTIN?
Abbildung 2: Patientenfragenbogen Lebensqualität (Angaben in %)
a) Globales Empfinden
Ja Nein weiss nicht Stat. Signifikanz 1)
„Ich fühle mich vor 38 15 47
„optimistisch.“ während 50 12 38 ns
nach 61 063 3 n s
„Ich bin erleichtert, weil vor 64 12 24
„ich weiss, woher die während 64 063 0 n s
„Beschwerden kommen.“ nach 76 061 8 n s
vor 38 21 41
„Ich fühle mich gut.“ während 38 21 41 ns
nach 56 12 32 ns
„Ich bin emotional vor 21 38 41
„nicht sehr betroffen.“ während 32 26 41 ns
nach 24 36 39 ns
„Ich leide unter Libido- vor 067 3 2 1
„verlust bzw. sexuellen während 18 44 38 sig
„Schwierigkeiten.“ nach 12 71 18 ns
b) Kognition
Ja Nein weiss nicht Stat. Signifikanz
„Ich benötige mentalen vor 30 36 33
„Support.“ während 15 41 44 ns
nach 094 4 4 7 n s
„Ich suche nach vor 44 32 24
„Aufklärung.“ während 12 53 53 sig
nach 03 62 53 sig
„Ich habe Angst, vor 18 76 06
„an einer bösartigen während 00 82 18 sig
„Krankheit zu leiden.“ nach 009 4 06 sig
c) Emotionale Zustände
Ja Nein weiss nicht Stat. Signifikanz
vor 32 32 35
„Ich habe Angstgefühle.“ während 03 56 41 sig
nach 09 76 15 sig
„Ich fühle mich vor 26 35 38
„verunsichert.“ während 06 68 26 sig
nach 00 79 21 sig
„Ich fühle mich nervös vor 26 27 26
„und unausgeglichen.“ während 26 26 47 ns
nach 09 47 44 sig
„Ich fühle mich vor 18 56 26
„deprimiert, während 095 3 3 8 n s
„hoffnungslos.” nach 09 71 21 sig
1) Statistische Signifikanz, Friedmann-Test, sig = signifikant, ns = nicht signifikant
a. Globales Empfinden
„Ich fühle mich optimistisch“,
„Ich fühle mich gut.“
Der grösste Teil der Frauen kann
diesen Aussagen zu Beginn der
Behandlung weder eindeutig zu-
stimmen noch sie ablehnen. Etwa
1/3 gibt aber ein optimistisches
Grundgefühl an, das im Lauf der
Behandlung stetig zunimmt. Die
Veränderungen sind allerdings
statistisch nicht signifikant (p =
0,2, p = 0,07). Die Antworten auf
die Frage “Ich bin emotional
nicht sehr betroffen” bestätigen
dieses Bild (p = 0,78, statistisch
nicht signifikant).
„Ich fühle mich erleichtert, weil
ich nun weiss, woher meine Be-
schwerden kommen.“
Der positive Haupteffekt der Auf-
klärung über die Krankheit findet
sich, wie erwartet, zu Beginn der
Behandlung. Immerhin 20%
empfinden jedoch keine Erleich-
terung. Der statistische Vergleich
ergibt keine signifikanten Unter-
schiede im Verlauf der Behand-
lung (p = 0,32).
b. Kognition
„Ich suche nach Aufklärung.“
Der grösste Teil der Frauen hat
vor der Behandlung ein sehr star-
kes Bedürfnis nach Aufklärung.
Dies nimmt statistisch hoch signi-
fikant während und nach der Be-
handlung ab (p = 0,001). Hier
fällt es allerdings einem grösseren
Teil der Frauen schwer, klar Stel-
lung zu nehmen.
„Ich habe Angst, an einer bösarti-
gen Krankheit zu leiden.“
Nur sehr wenige Frauen bejahen
diese Angst am Beginn der Be-
handlung. Das Angstgefühl nimmt
während und nach der Behand-
lung weiter statistisch signifikant
ab. Eine leichte Verunsicherung
besteht während der Therapie (p
< 0,05).
„Ich brauche seelische Unterstüt-
zung (mentalen Support).“
Wiederum ist der Anteil der Frau-
en, die keine eindeutige Aussage
machen können, sehr hoch. Am
Anfang finden rund 20% der
Frauen, dass sie eine solche
Unterstützung brauchen. Dieser
Anteil nimmt im Lauf der Behand-
lung ab und wird am Ende stati-
stisch signifikant (p
< 0,05).
c. Emotionale Zustände
„Ich habe Angstgefühle“,
„Ich fühle mich verunsichert.“
Eindeutig zu beobachten ist, dass
Angstgefühle und Verunsicherung
während der Behandlung abneh-
men. Die Veränderungen zwi-
schen „vor“ und „während“ (p
<
0,01), sowie zwischen „während“
31J. FERTIL. REPROD. 5/1999
ENDOMETRIOSE –
WIE FÜHLT
SICH MEINE
PATIENTIN?
und „nach“ der Behandlung sind
statistisch hoch signifikant (p <
0,01). Auch hier fällt der grosse
Anteil der Frauen auf, die ihre
Angstgefühle schwer einschätzen
können.
Bezüglich „Nervosität und Unaus-
geglichenheit“ können ¼ bis die
Hälfte der Frauen keine eindeuti-
gen Aussagen machen. Nach der
Behandlung findet man trotzdem
eine statistisch signifikante Ab-
nahme der Nervosität unter das
Niveau vor der Behandlung (p =
0,046).
„Ich fühle mich deprimiert, hoff-
nungslos.“
Interessant ist auch hierbei der
relativ grosse Anteil von Frauen,
die keine eindeutige Aussage
machen können, insbesondere
während der Behandlung. Nach
der Behandlung ist eine statistisch
signifikante Abnahme der Depres-
sion unter das Niveau vor der
Behandlung zu sehen (p
< 0,05).
Bezüglich der Sexualität und
sexueller Schwierigkeiten werden
eher niedrige Ausgangswerte
angegeben. Man findet eine stati-
stisch hoch signifikante Vermin-
derung der Libido während der
Behandlung (p = 0,0001). Nach
der Behandlung bleibt eine
tendentielle, statistisch nicht si-
gnifikante Verminderung beste-
hen (p = 0,07).
Im Gesamtbefinden gaben 69%
der Frauen eine Besserung am
Ende der Behandlung an. Knapp
60% führten diese Besserung auf
das Medikament zurück. Eben-
falls 60% sahen in der Aufklärung
durch den Arzt einen wichtigen
Faktor für die Besserung. Rund
40% fühlten sich durch den Arzt
emotional unterstützt, 20% sahen
in der Unterstützung durch den
Partner, 10% in der Unterstützung
durch Freunde einen wichtigen
Faktor der Besserung.
Interessant war, dass fast die Hälfte
der befragten Frauen gerne einen
häufigeren Kontakt – möglichst
monatlich – mit dem Arzt hätte,
als dies in der Regel geschieht.
DISKUSSION
Die Ergebnisse der Ärzte- und der
Patientinnenbefragung zeigen,
dass die kommunikativen Anfor-
derungen im Umgang mit Endo-
metriosepatientinnen gewachsen
sind. Dies entspricht den Erfah-
rungen in der Literatur [4] und
der allgemeinen Entwicklung der
höheren Kompetenz und Eigen-
verantwortung von Patientinnen.
Diese verlangen mehr Informatio-
nen und Erklärungen und erwar-
ten Beratung und psychologische
Kompetenz durch den Arzt. Die
meisten Ärzte fühlen sich zwar
ausreichend ausgebildet, es er-
scheint ihnen aber schwierig, die-
sen veränderten Anforderungen
im zeitlichen Rahmen einer
Sprechstunde gerecht zu werden.
Viele Ärzte wünschen sich des-
halb zusätzliche Hilfen durch
Informationsmaterial und
Fortbildungsmöglichkeiten.
Wenig hilfreich finden Ärzte und
Patientinnen die Überweisung zu
einer psychologischen Fachperson.
Allerdings ist keine grundsätzliche
Ablehnung der Zusammenarbeit
mit anderen Fachpersonen, wie
Psychologen zu erkennen. Dies
scheint jedoch speziellen Frage-
stellungen vorbehalten zu sein.
Bei den zusätzlichen Hilfsmass-
nahmen sind die Patientinnen
jedoch unschlüssig bezüglich
Informationsveranstaltungen. Eher
erstaunlich im internationalen
Vergleich ist der geringe Anteil
von Frauen, die Beratungsstellen,
Beratungstelefone oder Selbsthil-
fegruppen als hilfreich betrach-
ten. Dies bleibt eine interessante
interkulturelle Fragestellung. Hier
könnten neue Entwicklungen ein-
setzen.
Bei der Erfassung der Lebensqua-
lität vor, während und nach der
Behandlung mit einem LHRH-
Agonisten finden wir mehrere
interessante Befunde:
1. Die Grundeinstellung der von
uns befragten Frauen ist insge-
samt optimistisch und dies bleibt
über die Behandlung hinweg un-
verändert. Die Frauen fühlen sich
durch die Diagnose und Erklärung
ihrer Beschwerden erleichtert und
haben positive Erwartungen im
Hinblick auf die Behandlung.
2. Zu Beginn der Behandlung
besteht ein sehr hohes Informa-
tions- und Aufklärungsbedürfnis,
dem bisher für die Patientinnen
nur teilweise befriedigend ent-
sprochen wird. Die kognitiven
Verarbeitungsprozesse scheinen
mit der Zeit leichter zu fallen.
Dies hat wahrscheinlich damit zu
tun, dass durch mehrfache Kon-
takte und Gespräche mit dem
Arzt/der Ärztin Einsichten und
mehr Sicherheit gewonnen wer-
den. Die Frage stellt sich, ob die
Ärzte am Beginn der Behandlung
mehrere Konsultationen durch-
führen sollten, um auf Fragen und
Unsicherheiten intensiver einge-
hen zu können.
3. Viele Patientinnen scheinen
bezüglich ihres emotionalen Be-
findens Hemmungen und Schwie-
rigkeiten zu haben, Selbstein-
schätzungen vorzunehmen. Es ist
in unserem Kulturkreis wohl im-
mer noch so, dass emotionale
Beschwerden eher verschwiegen
J. FERTIL. REPROD. 5/199932
Prof. Dr. med. Johannes Bitzer
Geboren 1950 in Taiflingen, Deutschland.
1985 Abschluß der Ausbildung und Anerken-
nung als Facharzt für Gynäkologie und Ge-
burtshilfe an der Universitäts-Frauenklinik
Basel (Vorsteher: Prof. H. Ludwig). 1993 Ha-
bilitation für gynäkologische und
geburtshilfliche Psychosomatik. Seit 1994 Abteilungsleiter “Gynä-
kologische Sozialmedizin und Psychosomatik” der Universitäts-
Frauenklinik Basel (Vorsteher a.i. Prof. A. C. Almendral, seit 1995
Prof. W. Holzgreve). Die Abteilung der Sozialmedizin/Psychosoma-
tik umfaßt Familienplanung, Infertilitätsbehandlung, Sexualmedizin
und Psychosomatik. Seit 1997 Titularprofessur in psychosomati-
scher Gynäkologie und Geburtshilfe. Seit 1998 Präsident der Inter-
nationalen Gesellschaft für Psychosomatische Gynäkologie und
Geburtshilfe ISPOG.
Korrespondenzadresse:
Prof. Dr. med. Johannes Bitzer
Universitäts-Frauenklinik Basel, Abt. Sozialmedizin/Psychosomatik
CH-4031 Basel, Schanzenstrasse 46
ENDOMETRIOSE –
WIE FÜHL T
SICH MEINE
PATIENTIN?
werden bzw. beim Verbalisieren
Mühe machen [1, 5]. Vielleicht
besteht auch die Angst der Frauen,
als psychisch gestört und nicht
„lebenstüchtig“ betrachtet zu
werden. Dies erschwert Aussagen
über Veränderungen erheblich.
Bei der Beurteilung muss berück-
sichtigt werden, dass eine Verzer-
rung zum „besseren“ Befinden
hin erfolgt sein kann. Trotzdem
zeigt das statistisch hoch signifi-
kante Ergebnis der Antworten,
dass Gefühle von Angst und Unsi-
cherheit bereits während der Be-
handlung abnehmen.
Für die ärztliche Betreuung ergibt
sich hieraus ein wichtiger Ansatz-
punkt: Den Frauen kann das Si-
gnalisieren, dass ihre Emotionen
von Bedeutung sind, helfen, über
Veränderungen zu sprechen.
Direktes Nachfragen nach ihrem
Befinden können sie ermutigen,
selbstverantwortlich ihre Behand-
lung mitzugestalten [1]. In diesem
Sinne wäre es hilfreich, für die
Frauen eine Möglichkeit der
Selbstevaluierung zu schaffen. Ein
kurzer Fragebogen zur Lebens-
qualität, zugeschnitten auf die
Probleme der Endometriose-
patientin kann hier sehr nützlich
sein. Wir sind gerade dabei,
einen solchen Fragebogen zu
entwickeln. Wichtig scheint uns,
dass neben dem Rating (Beurtei-
len) auch genügend Fragen zum
Reporting (Berichte über das Ver-
halten) eingeschlossen sind.
4. Nervosität und Unausgeglichen-
heit sowie depressive Verstim-
mungen steigen, wie zu erwarten,
zunächst während der Behand-
lung an, sinken aber am Ende
statistisch signifikant unter das
Ausgangsniveau. Sexuelle
Schwierigkeiten nehmen während
der Behandlung statistisch signifi-
kant zu und dauern nach der
Behandlung tendenziell noch an.
Alle Symptome erklären sich aus
den hormonellen Veränderungen
infolge der Therapie. Hier können
häufigere Arztkontakte und eine
Hormonsubstitution (
Add back-
Therapie) [6] sicher noch eine
Verbesserung bringen. Wir glauben,
dass ausserdem ein Involvieren
des Partners in die Behandlung
sinnvoll wäre. Den Paar-dynami-
schen und Familien-dynamischen
Aspekten der Endometriose sollte
sicher stärkere Aufmerksamkeit
geschenkt werden.
Insgesamt ergibt sich ein positives
Gesamtbild der Lebensqualität
unter der Behandlung, was durch
den hohen Prozentsatz der mit
der Behandlung zufriedener Pati-
entinnen bestätigt wird. Von be-
sonderer Bedeutung ist das Resul-
tat, dass dem Medikament und
der ärztlichen Betreuung zu etwa
gleichen Teilen eine heilende,
bessernde Kraft zugeschrieben
wird. Die Patientinnen wünschen
sich eine enge, persönliche Be-
ziehung zu ihrem Arzt, die ihnen
bei der Bewältigung der Erkran-
kung hilft. Dies führt den hohen
Stellenwert der Persönlichkeit des
Arztes und der Wichtigkeit einer
guten Arzt-Patientin Beziehung
deutlich vor Augen.
Literatur:
1. Keckstein J. Endometriose – Die
verkannte Frauenkrankheit!? Diagnostik
und Therapie aus ganzheitsmedizinischer
Sicht. DIAMETRIC Verlag, Würzburg,
1998.
2. Litschgi M. Endometriose: Rätsel und
Lösungen. Gynäkologie 1997; 4: 4–9.
3. Sillem M. Wirksame Hilfe bei Endo-
metriose: Ein Ratgeber für Frauen: wie
Ihr Arzt Sie behandelt. TRIAS, Stuttgart,
1998.
4. Bollweg ML. Endometriosis Source-
book. Endometriosis Association Inc.,
Milwaukee, 1999.
5. Colwell HH, Mathias SD, Pasta DJ,
Henning JM, Steege JF. A health-related
quality-of-life instrument for sympto-
matic patients with endometriosis: A
validation study. Am J Obstet Gynecol
1998; 179: 47–55.
6. Lindsay PC, Shaw RW, Coelingh
Bennink HJ, Kicovic P . The effect of add-
back treatment with tibolone (Livial) on
patients treated with the gonadotropin-
releasing hormone agonist triptorelin
(Decapeptyl). Fertil Steril 1996; 65: 324–
8.
Mitteilungen aus der Redaktion
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