J GYNÄKOL ENDOKRINOL 2007; 10 (1) 0
Offizielles Organ der Österreichischen
IVF-Gesellschaft
Offizielles Organ der Österreichischen
Menopause-Gesellschaft
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ENZIAN-Klassifikation zur Diskussion gestellt: Eine neue
differenzierte Klassifikation der tief infiltrierenden
Endometriose
Tuttlies F
Journal für Gynäkologische Endokrinologie 2008; 2 (2)
(Ausgabe für Österreich), 7-13
Journal für Gynäkologische Endokrinologie 2008; 2 (2)
(Ausgabe für Schweiz), 6-13
J GYNÄKOL ENDOKRINOL 2008; 18 (2) 7
Einleitung
Das Krankheitsbild der Endometriose kann sehr komplex, aber
auch sehr different in der klinischen Ausprägung sein. Insbe-
sondere die tief infiltrierende Endometriose ist eine schwere
Erkrankung, die unerkannt oft ein jahrelanges Leiden verur-
sacht. Für den Operateur stellt dieses Krankheitsbild eine
ähnlich große Herausforderung dar, wie z. B. die onkologische
Therapie eines Karzinoms des Ovars oder der Zervix. Das
Problembewusstsein für diese Erkrankung hat in den letzten
Jahren nicht zuletzt durch die zunehmende Verbreitung der
endoskopischen Operationstechnik wesentlich zugenommen.
Die diagnostische Laparoskopie stellt neben der zielgerichteten,
gründlichen gynäkologischen und sonographischen Untersu-
chung ein zentrales Element der Diagnostik dieser Erkrankung
dar. Aber erst die selektive Aufmerksamkeit des Gynäkologen,
der das retroperitoneale Kompartiment gezielt palpiert und
sonographisch exploriert, schafft die Möglichkeit, die Aus-
dehnung der Endometriose auf das Septum rectovaginale mit
organüberschreitender Infiltration des Rektums oder der Scheide
zu erfassen. Bei einer rein diagnostischen Laparoskopie, die
sich allein auf den intraperitonealen Raum beschränkt, könnte
eine tief infiltrierende Endometriose der Aufmerksamkeit des
Operateurs durchaus entgehen. Die daraus resultierende Ein-
schränkung in der primären Diagnostik könnte somit zu einer
eingeschränkten Radikalität der Behandlung führen. Durch
eine an die Operation anschließende GnRH-Therapie wird
das Operationsergebnis häufig maskiert, sodass das Wieder-
auftreten der Erkrankung z. B. nach einem Jahr fälschlicherweise
als Frührezidiv interpretiert wird, obwohl es sich eigentlich um
eine Persistenz der Erkrankung handelt. Eine uneinheitliche
oder ungeeignete Klassifikation der Erkrankung trägt das ihre
dazu bei, dass Operationsergebnisse oder Operationsstrategien
nur schwer miteinander verglichen werden können. Bisher wurde
eine Vielzahl an Klassifikationen und Scores zur Beurteilung
der Endometriose vorgeschlagen, die allesamt immer nur ei-
nen Teilbereich der vielfältigen Manifestationsformen dieser
Erkrankung abbilden (Tab. 1). Der hier vorgestellte ENZIAN-
Score versucht erstmals, insbesondere die tief infiltrierende
Endometriose in Anlehnung an eine onkologische Stadienein-
teilung in der gesamten Ausprägung zu erfassen. Der Schwer-
punkt des ENZIAN-Scores liegt dabei auf der retroperitonealen
Erkrankung. Der ENZIAN-Score wurde bei der theoretischen
Entwicklung im Sinne einer Ergänzung zum weit verbreiteten
AFS-Score angelegt. Die drei historischen Scoresysteme AFS,
rAFS (American Fertility Society Revised Classification)
oder ASRM (American Society for Reproductive Medicine’s
Classification) unterscheiden sich nur unwesentlich im Hin-
blick auf die Beurteilung der Endometriose [1]. Alle drei Sys-
teme bergen in sich methodische Probleme, die in vielen Stu-
dien bereits kritisiert wurden [2–5]. Da der zugrunde liegende
ENZIAN-Klassifikation zur Diskussion gestellt:
Eine neue differenzierte Klassifikation der
tief infiltrierenden Endometriose
F. Tuttlies1, J. Keckstein1, 2, U. Ulrich2, M. Possover2, K. W. Schweppe1, M. Wustlich1, O. Buchweitz2, R. Greb2, O. Kandolf1,
R. Mangold2, W. Masetti1, K. Neis2, G. Rauter1, N. Reeka2, O. Richter2, A. E. Schindler2, M. Sillem2, V. Terruhn2, H. R. Tinneberg2
Aus der 1 Villacher Endometriose-Arbeitsgruppe, LKH Villach und der 2 Stiftung für
Endometriose-Forschung (SEF), Deutschland
Korrespondenzadresse: OA Dr. med. Frank Tuttlies, Abt. für Gynäkologie und Geburts-
hilfe, LKH Villach, A-9500 Villach, Nikolaigasse 43, E-Mail:
[email protected]
Kurzfassung: Mit Einführung des ENZIAN-Scores
wurde eine neue Klassifikation für die Erkrankung
der Endometriose vorgestellt, die insbesondere die
tief infiltrierende Endometriose mit der typischen
retroperitonealen Manifestation berücksichtigt. In
Anlehnung an onkologische Stadieneinteilungen
wurde eine Einteilung in vier Schweregrade gewählt,
die mit drei Raumachsen zur Lokalisation der Erkran-
kung erweitert wurden. Der ENZIAN-Score versteht
sich als eine Ergänzung zu dem bekannten rAFS-Sys-
tem (revised American Fertility and Sterility Score),
das sich lediglich auf die intraperitoneale Manifes-
tation der Endometriose anwenden lässt. In vielen
Fällen ist die rAFS-Klassifikation nur bedingt oder
gar nicht geeignet, die Ausdehnung und den Schwe-
regrad der Erkrankung darzustellen. Am Kollektiv von
Patientinnen mit Darmendometriose wurde der EN-
ZIAN-Score retrospektiv auf die klinische Wertigkeit
hin untersucht und bewährte sich in der klinischen
Anwendung.
Abstract: ENZIAN Score under Consideration:
A New Differenciated Classification of Deep
Infiltrating Endometriosis. The introduction of the
ENZIAN Score was indicated to classify especially
the retroperitoneal endometriosis. Analog to onco-
logical classifications four levels and three axis for
localisation of the endometriosis were used. The
ENZIAN Score was planned as a standalone exten-
sion of the well known rAFS Score (revised American
Fertility and Sterility Score). With respect to the rAFS
Score only intraperitoneal endometriosis is classi-
fied and therefore this system has no proper clinical
evidence. The ENZIAN Score was investigated in a
retrospective analysis of our population with bowel
endometriosis, who underwent laparoscopic bowel
resection. As we pointed out, there was good clinical
evidence of the ENZIAN Score. J Gynäkol Endo-
krinol 2008; 18 (2): 7–13 .
T abelle 1: Historische Endometriose-Scores: Übersicht
Autor Jahr
Sampson 1921
Wicks, Larson 1945
Huffmann 1951
Norwood 1960
Beecham 1966
Acosta 1973
Mitchell, Faber 197 4
Dmowski 1975
Ingersoll 1977
Kistner 1977
Buttram 1978
Cohen 1978
AFS 1979
Hasson mod. AFS 1981
rAFS 1985
Leuven AFS 1994
Chapron 2003
For personal use only. Not to be reproduced without permission of Krause & Pachernegg GmbH.
8 J GYNÄKOL ENDOKRINOL 2008; 18 (2)
AFS-Score sich nur auf die oberflächliche Endometriose be-
zieht, werden von vornherein schwere Formen der Erkran-
kung im retroperitonealen Raum nicht miterfasst. Hier soll
der ENZIAN-Score in Form einer differenzierten Ergänzung
das Ausmaß der Erkrankung besser wiedergeben. Die metho-
dischen Probleme des AFS-Systems wurden versucht zu um-
gehen. Erste Ergebnisse in der klinischen Evaluation aus dem
eigenen Patientinnenkollektiv bestätigen die klinische Wer-
tigkeit des ENZIAN-Scores, der in den Jahren 2002 und 2003
unter der Mitarbeit namhafter Experten aus dem gesamten
deutschsprachigen Raum am Weissensee in Kärnten unter der
Leitung der Villacher Endometriose-Arbeitsgruppe mit der
Stiftung Endometriose-Forschung (SEF), Deutschland, ent-
wickelt wurde [6].
Die differenzierte Beurteilung einer Erkrankung, wie sie für die
tief infiltrierende Endometriose im ENZIAN-Score erstmals
vorgestellt wurde, erlaubt in Analogie zur stadienadaptierten
Therapie in der Onkologie erstmals eine Vergleichbarkeit the-
rapeutischer Interventionen. Es ist zu hoffen, dass der ENZI-
AN-Score sich ähnlich dem Bekanntheitsgrad z. B. der FIGO-
Klassifikation bei den operativ interessierten Therapeuten
durchsetzt und somit ein Beitrag zur dringend notwendigen
Standardisierung der Therapie der tief infiltrierenden Endo-
metriose geleistet werden kann. Letztendlich ist damit die Hoff-
nung verknüpft, dass hiermit jahrelange Leidensgeschichten
betroffener Patientinnen verkürzt werden könnten.
Methode
Entstehung des ENZIAN-Scores
Auf der Basis zweier Expertenmeetings wurde auf Einladung
der Villacher Endometriose-Arbeitsgruppe anlässlich einer
Arbeitssitzung der Stiftung für Endometriose-Forschung
Deutschland zusammen mit weiteren Gästen am Weissensee
in Kärnten 2002 und 2003 der ENZIAN-Score [6] erarbeitet.
Die vielfältigen und langjährigen Erfahrungen der eingelade-
nen Experten in der operativen und medikamentösen Therapie
der Endometriose waren eine wesentliche Grundlage für die
Erstellung dieser speziellen Klassifikation der tief infiltrie-
renden Endometriose, die die Organgrenzen wie ein Malig-
nom überschreitet und die intestinalen wie die urogenitalen
Organsysteme befallen kann.
Beschreibung des ENZIAN-Scores [6]
Der AFS-Score ist der am weitesten verbreitete Score und
wird in der internationalen Literatur am häufigsten angewandt.
Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Beurteilung haben
allerdings eine Reihe von kritischen Fragen aufgeworfen, die
auch in den revidierten Fassungen nicht gelöst wurden. In
Abgrenzung zum rAFS-Score wurde zunächst anhand der ty-
pischen Lokalisationen für eine Endometriose die fehlende
Erfassungsmöglichkeit insbesondere der tiefen retroperitone-
alen Endometriose beschrieben (Tab. 2). Aus der evidenten
Unzulänglichkeit des AFS-Scores, die ausgeprägte Endome-
trioseerkrankung abzubilden, wurde versucht, in Analogie zu
den onkologischen Stadieneinteilungen des TNM- oder FIGO-
Systems, die Erkrankung in vier Schweregrade einzuteilen.
Die Abgrenzung der Stadien ergibt sich aus der Ausdehnung
der Erkrankung bezogen auf die Fläche und die Tiefe. Die
weitere Unterteilung in die Subgruppen a, b und c ergibt sich
aus der Lokalisation der Erkrankung. Die Untergruppe „a“
beschreibt das vertikale Kompartiment des Douglas’schen
Raumes, der Scheide und des Uterus. Die Untergruppe mit der
Bezeichnung „b“ umfasst das horizontale Kompartiment mit
den Ligamenta sacrouterinae, den Parametrien bis hin zur
Beckenwand, unter Bezugnahme auf die eventuelle Beteili-
gung der Ureteren. Die Untergruppe „c“ bezieht sich auf das
nach dorsal gerichtete vertikale Kompartiment des Septum
rectovaginale und den darin anschließenden pararektalen Raum
mit dem Rektum. Dabei wird das Ausmaß einer möglichen
Sigma- oder Rektum-Stenose mit berücksichtigt (Abb. 1). Es
ergeben sich somit drei Raumachsen, die das ganze kleine
Becken beschreiben (Abb. 2). Nach der räumlichen Darstel-
lung, die auch Mehrfachnennungen zulässt, um komplexere
Erkrankungen besser abbilden zu können, wurden verschie-
T abelle 2: Typische Endometrioselokalisationen
Endometrioselokalisation rAFS ENZIAN
Viszerales Peritoneum + –
Septum rectovaginale – +
Vagina – +
Ligg. sacrouterina (+) +
Ligg. lata + –
Ureter – +
Beckenwand – +
Ovarien + –
Blase – +
Darm – +
Abbildung 1: Drei verschiedene Kompartimente zur Lokalisation der Endometriose
(Copyright © F. Tuttlies)
Abbildung 2: Drei Raumachsen im kleinen Becken zur Lokalisation der Endometriose
(Copyright © F. Tuttlies)
A-Kompartiment B-Kompartiment C-Kompartiment
Raumachsen A, B, C
A Douglas – Septum rectovaginale – Vagina
B Ligamentum sacrouterinum – Beckenwand
C Organüberschreitung in Richtung Rektum
ENZIAN-Klassifikation zur Diskussion gestellt
J GYNÄKOL ENDOKRINOL 2008; 18 (2) 9
ENZIAN-Klassifikation zur Diskussion gestellt
dene Level für den Schweregrad der Erkrankung erarbeitet.
Die Einteilung in vier verschiedene Level, wie sie in der On-
kologie häufig angewandt wird, hat sich dabei angeboten und
in der Praxis bewährt.
Das Stadium I beinhaltet sämtliche isolierte Endometriose-
formationen zwischen Zervix und Septum rectovaginale unter
1 cm, das Stadium II die Ausdehnung nach kaudal, lateral oder
dorsal größer als 1 cm, am Rektum unter 1 cm. Das Stadium III
beinhaltet die Tumorausdehnungen zwischen 1 und 3 cm am
Rektum und die Beeinträchtigung der Funktion der benach-
barten harnableitenden Organe, wenn die Ausdehnung bis zur
Beckenwand reicht. Das Stadium IV stellt das höchste Stadium
dar, das den ausgedehnten Befall der vertikalen, dorsalen und
horizontalen Kompartimente beschreibt (Abb. 3). Die Aus-
dehnung der Endometriose auf die Nachbarorgane wie die
Blase und der interne Anteil der Ureteren im Unterschied zur
externen Kompression durch die Beckenwandinfiltration wer-
Abbildung 3: ENZIAN-Score (Nachdruck aus [6], Abdruck mit Genehmigung von Georg Thieme Verlag KG, Stuttgart)
10 J GYNÄKOL ENDOKRINOL 2008; 18 (2)
des Operationsberichtes festgelegt. Die Operation wurde mit
Video und Einzelbildern dokumentiert, sodass retrospektiv
eine Nachbeurteilung des Situs möglich war. Die Beurteilung
der klinischen Anwendbarkeit wurde am Ende des Beobach-
tungszeitraums in Form einer Befragung der vier Hauptopera-
teure erhoben.
Bei jeder Endometrioseoperation wurde die Diagnose histolo-
gisch bestätigt.
Alle Patientinnen wurden präoperativ von einem Facharzt
gynäkologisch untersucht. V om selben Untersucher wurde eben-
falls präoperativ ein transvaginaler Ultraschall durchgeführt.
Bis auf 8 Patientinnen erhielten alle Patientinnen präoperativ
eine Magnetresonanztomographie des kleinen Beckens und
des Abdomens.
Ergebnisse
Am LKH Villach wird der ENZIAN-Score seit 2003 in der
klinischen Routine verwendet. Nach der zu erwartenden Einge-
wöhnungsphase wurde der Score in die klinische Beurteilung
im Rahmen des Operationsberichtes sowie bei der Erarbei-
tung der Diagnose problemlos in den Klinikalltag integriert.
Alle vier Hauptoperateure waren im Jahre 2006 einstimmig
davon überzeugt, dass der ENZIAN-Score den vorgefundenen
Situs besser abbilden kann als z. B. der rAFS-Score. Durch die
Möglichkeit von Mehrfachnennungen entsteht einerseits ein
differenziertes Bild der Erkrankung, das andererseits durch
die Kodierung eine Vereinfachung und Übersichtlichkeit er-
hält und eine relevante Zusammenfassung der wesentlichen
Befunde ermöglicht. Der Mehraufwand für die Dokumentati-
on wurde als nicht relevant eingestuft, da anhand der V orlage
(Abb. 3) eine einfache und schnelle Erstellung des Scores
möglich ist. Die Festlegung der Score-Level hatte im V orfeld
der Erstellung des OP-Berichtes zudem einen abstrahierenden
Effekt, der die Beschreibung des Situs strukturiert und letzt-
endlich vereinfacht hat.
T abelle 3: Legende der verwendeten Abkürzung beim ENZIAN-
Score
E Endometriosetumor
F Extragenitale Endometriosemanifestation
Suffix 1–4 ENZIAN-Level
A Raumachse a : Douglas – Septum rectovaginale – Vagina
B Raumachse b: Ligamentum sacrouterinum – Ligg.
cardinalia – Beckenwand
C Raumachse c: sagittale Organgrenzüberschreitung in
Richtung Rektum
B Blasenbeteiligung
U Intrinsische Ureterbeteiligung
I Intestinale Beteiligung (Sigma Coecum Appendix Ileum)
A Adenomyose des Uterus
O Andere Lokalisationen mit Benennung
den gesondert mit einem eigenen Suffix und einem vorange-
stellten „F“ als entfernte Manifestation beschrieben. Ebenso
wird eine Infiltration des übrigen Darmes einschließlich des
Appendix oder aber des Diaphragmas gesondert klassifiziert
(Tab. 3). Mehrfachnennungen sind vorgesehen und haben den
Charakter einer umfassenden Beschreibung, sodass die Mani-
festation der Erkrankung nicht wie in einem Punktesystem
lediglich quantitativ eingeht, sondern ein Schwerpunkt auf
der qualitativen Beschreibung zu liegen kommt.
Um die beschreibende Komponente der ENZIAN-Klassifika-
tion zu untermauern, wurde vom Expertengremium einhellig
gefordert, dass unbedingt eine histologische Bestätigung der
Endometriose in den verschiedenen Kompartimenten vorlie-
gen muss. Bestehende Adhäsionen wie die Obliteration des
Douglas’schen Raumes erfordern daher für eine sichere Erhe-
bung des ENZIAN-Scores eine differenzierte Präparation des
retroperitonealen und subperitonealen Raumes, da sonst das
Stadium nicht entsprechend erhoben werden kann. Sollte we-
der eine Histologie vorliegen noch eine entsprechende Präpa-
ration erfolgt sein, sollte der ENZIAN-Score mit dem Suffix
„x“ ergänzt werden, womit sich in der Verwendung des
Scores lediglich der klinische Verdacht ohne die entsprechen-
de Bestätigung widerspiegelt (Tab. 3).
Patienten
In einer retrospektiven Untersuchung wurde die klinische Wer-
tigkeit des ENZIAN-Scores über einen einjährigen Zeitraum,
von Januar bis Dezember 2006, untersucht. Am Beispiel der
tief infiltrierenden Endometriose mit Darmbeteiligung sollte
die Anwendbarkeit des Scores im klinischen Alltag, sowohl in
der präoperativen als auch in der postoperativen Phase, über-
prüft werden. Zur Erfassung der endometriosetypischen Sym-
ptomatik wurde ein seit Jahren etablierter eigener Endometri-
ose-Fragebogen verwendet, der von der Patientin präoperativ
ausgefüllt wurde. In acht Untergruppen werden hierbei anam-
nestische Daten, von der Familienanamnese bis zur aktuellen
Endometriose-Symptomatik und Details zur V ortherapie, er-
hoben.
V om Operateur wurde der ENZIAN-Score parallel mit dem
rAFS-Score direkt postoperativ im Rahmen der Erstellung
T abelle 4: Auswertung 60 Patientinnen mit Darmendometriose
2006
Anzahl an Voroperationen
Keine 20 % 12 Pat.
1 36 % 22 Pat.
2 20 % 12 Pat.
3 12 % 7 Pat.
4 7 % 4 Pat.
5 2 % 1 Pat.
6 3 % 2 Pat.
Gesamt 100 % 60 Pat.
T abelle 5: Auswertung 60 Patientinnen mit Darmendometriose
2006
Fertilität
Prim. Sterilität 47 % 28 Pat.
Sek. Sterilität 25 % 15 Pat.
Kein Kinderwunsch 28 % 17 Pat.
Latenter Kinderwunsch 23 % 14 Pat.
ENZIAN-Klassifikation zur Diskussion gestellt
J GYNÄKOL ENDOKRINOL 2008; 18 (2) 11
ENZIAN-Klassifikation zur Diskussion gestellt
Am Beispiel einer schwierigen Subgruppe sollte die Wertigkeit
des ENZIAN-Scores retrospektiv überprüft werden. Die Daten
der innerhalb eines Jahres an der gynäkologischen Abteilung
des LKH Villach in Zusammenarbeit mit den chirurgischen
Fachkollegen operierten Patientinnen mit einer schweren Darm-
endometriose wurden anhand des Krankenhausinformations-
systems retrospektiv ausgewertet. In 12 Monaten wurden von
Januar bis Dezember 2006 aus einer Gruppe von knapp 400
Patientinnen mit einer laparoskopisch nachgewiesenen Endo-
metrioseerkrankung insgesamt 60 Patientinnen mit einer schwe-
ren Darmendometriose laparoskopisch operiert. Die Patientin-
nen waren zwischen dem 21. und 54. Lebensjahr. Jede fünfte
Patientin hatte keine V oroperation, allerdings hatten 80 % zwi-
schen 1 und 6 V oroperationen (Tab. 4). Eine gestörte Fertilität
lag bei 72 % der Patientinnen vor. Knapp die Hälfte (47 %) der
Patientinnen hatte eine primäre Sterilität (Tab. 5).
Das C-Kompartiment, das die Organüberschreitung im Sep-
tum rectovaginale mit der Beteiligung des Darmes beschreibt,
wurde bei 1 Patientin als ENZIAN 2c beschrieben, bei 32 Pa-
tientinnen mit ENZIAN 3c, bei 27 Patientinnen mit ENZIAN
4c (Tab. 6). Die Mehrfachnennungen der verschiedenen EN-
ZIAN-Level, die die Komplexität der Erkrankung widerspie-
geln, verteilten sich zwischen 1 und maximal 6 Nennungen pro
Patientin. In der subjektiven Beurteilung des Operateurs konnte
mit dieser Möglichkeit der Mehrfachnennung das Krankheits-
geschehen ausreichend gut abgebildet werden (Abb. 4). Der
Vergleich zwischen den AFS-Stadien und dem ENZIAN-
Score zeigte bei immerhin 15 von 60 Patientinnen mit einer
schweren Darmendometriose nach dem AFS-System eine mi-
nimale oder milde Einstufung. Allein die V okabeln „minimal“
und „mild“ sind in diesem Zusammenhang nicht geeignet und
zeigen die Unvereinbarkeit oder Unzulänglichkeit des AFS-
Systems bei dieser Erkrankungsform (Tab. 6).
Die Auswertung der anamnestischen Daten in Bezug auf den
ENZIAN-Level konnte nur vollständig für insgesamt 49 Pati-
entinnen ausgewertet werden. Davon waren 29 Patientinnen
mit einem ENZIAN 3c und 20 Patientinnen mit einem ENZI-
AN 4c bewertet. Der Fragebogen wurde präoperativ im Rah-
men des ersten stationären Aufenthaltes von der Patientin selbst
ausgefüllt. Das ENZIAN-Stadium zeigte eine gute Korrelation
hinsichtlich Schmerzen am Darm allgemein. Etwa jede zweite
Patientin gab Schmerzen bei der Defäkation an. Bei etwa einem
Drittel waren die Beschwerden am Darm zyklusabhängig. Ein
wesentliches Leitsymptom für die Darmendometriose sind
Blutungen aus dem Darm. Die Verteilung war allerdings nicht
einheitlich: In der Enzian-3c-Gruppe traten Darmblutungen
bei 65 %, in der Enzian-4c-Gruppe lediglich bei 15 % auf.
Blutauflagerungen oder Schleimauflagerungen am Stuhl waren
in beiden Gruppen wieder ähnlich verteilt mit einem Drittel
bzw. der Hälfte der Patientinnen. Dyspareunie allgemein und
positionsabhängige Beschwerden beim Geschlechtsverkehr
wurden etwa von jeder zweiten Patientin (zwischen 41 % und
52 %) angegeben (Tab. 7).
Zusammenfassend kann ein eindeutiger Bezug zwischen dem
ENZIAN-Stadium und der bestehenden Klinik festgestellt
werden. Weitere Daten zum postoperativen Verlauf und der
postoperativen Fertilität stehen im Moment noch aus, sind
aber bereits in Planung.
Diskussion
Die AFS-basierte Stadieneinteilung in minimal, mild, moderat
und schwer anhand eines Scores, der sowohl Endometriose-
manifestationen als auch Verwachsungen zugleich einbezieht,
ist an sich schon schwierig. Die Gewichtung der einzelnen
Befundsituationen wurde nicht anhand empirischer Daten
festgelegt, sondern willkürlich aufgrund von theoretischen
Überlegungen. Im Falle einer minimalen, nicht infiltrieren-
den Endometriose, die sich lediglich auf der Peritonealober-
fläche manifestiert, ist die beschreibende Komponente des
AFS-Systems mit der Einbeziehung einer Zeichnung durchaus
T abelle 6: Auswertung 60 Patientinnen mit Darmendometriose
2006
AFS 1 AFS 2 AFS 3 AFS 4 Summe
ENZIAN 1c 0 0 0 0 0
ENZIAN 2c 0 1 0 0 1
ENZIAN 3c 2 3 14 10 29
ENZIAN 4c 3 6 7 14 30
Summe 5 10 21 24 60
T abelle 7: Klinische Symptomatik abhängig vom ENZIAN-Stadium
ENZIAN-Stadium 3c (29 Pat. 100 %) 4c (20 Pat. 100 %)
Schmerzen am Darm
allgemein 21 72 % 16 80 %
Zyklusabhängige
Darmschmerzen 10 35 % 5 25 %
Darmkrämpfe 16 55 % 6 30 %
Defäkationsschmerzen 14 48 % 10 50 %
Darmblutungen 19 65 % 3 15 %
Blutauflagerungen
am Stuhl 7 24 % 6 30 %
Schleimauflagerungen 15 52 % 10 50 %
Dyspareunie insgesamt 15 52 % 9 45 %
Positionsabhängigkeit
Dyspareunie 12 41 % 9 45 %
Sexualität durch
Erkrankung beeinflusst 21 72 % 13 65 %
Intensität Dyspareunie
VAS 1–10 6 (3–9 Range) 6 (3–10 Range)
Abbildung 4: Mehrfachnennungen ENZIAN-Score bei Darmendometriose: ENZIAN-
Auswertung Villach 2006 (ges. 60) (Copyright © F. Tuttlies)
12 J GYNÄKOL ENDOKRINOL 2008; 18 (2)
sinnvoll, allerdings werden sämtliche retroperitonealen Mani-
festationen nicht miterfasst. Daraus ergibt sich von vornherein
ein klares Defizit dieses Systems. Eine Reihe anderer Autoren
haben diesen Mangel an klinischer Wertigkeit im Kontext von
Unterleibsschmerzen allgemein oder Schwangerschaftsraten
untersucht und eine unzureichende Korrelation zwischen den
klinischen Fragestellungen und dem AFS-Score-System her-
ausgearbeitet [2–5]. In der klinischen Anwendung zeigte sich
das ENZIAN-System wesentlich differenzierter und spezifi-
scher in der Abbildung der klinischen Situation. So konnte der
Operateur wesentlich klarer und ausreichend komprimiert das
klinische Bild des OP-Situs wiedergeben. Die Mehrfachnen-
nung erwies sich als ein guter Maßstab für die Abbildung der
Komplexität der Erkrankung. Die individuelle Ausdehnung
und der Schweregrad der tief infiltrierenden Endometriose
wurden exakt wiedergegeben und nicht durch ein theoretisches
Punktesystem ohne empirischen Hintergrund verschlüsselt.
Die ENZIAN-Klassifikation ist im Unterschied zur AFS-
Klassifikation ausschließlich auf die Beschreibung der Endo-
metrioseerkrankung ausgerichtet. Das ursprüngliche Ziel des
AFS-Systems ist dagegen die Beschreibung der Fertilitäts-
bedingungen, die zwar die Endometriose miteinbezieht, aber
die retroperitoneale Erkrankung von vornherein ausklammert.
Ein zweigleisiges System, das wesentliche Erkrankungsaus-
prägungen der Endometriose negiert, sollte dringend modifi-
ziert werden, um keine Pseudoklassifikation zu erstellen. Es ist
grundsätzlich zu erwägen, ob zwei unterschiedliche Aspekte
in einem Punktesystem überhaupt bewertet werden können.
Eine Aufteilung in beide Fragestellungen wäre hier sicher sinn-
voller. So könnte eine beiderseitige Ergänzung sowohl des
AFS-Systems als auch der ENZIAN-Klassifikation möglicher-
weise ein vernünftiger Weg sein, der je nach Fragestellung
eine unterschiedliche, aber differenzierte Sichtweise erlaubt.
Das AFS-System könnte in Anlehnung an seine ursprüngliche
Grundkompetenz die Beurteilung der Fertilitätsfaktoren be-
dienen, der auf die peritoneale und ovarielle Endometriose
erweiterte ENZIAN-Score wäre als eine ideale Ergänzung für
die umfassende Beurteilung der Endometriose geeignet.
Um die wissenschaftliche Diskussion über die tief infiltrie-
rende Endometriose und ihrer Behandlung klarer führen zu
können, sollten die teils nebulösen Formulierungen, wie nicht
näher bezeichnete Endometrioseknoten oder diffuse Nodules,
in wissenschaftlichen Arbeiten vermieden werden. Erst die ein-
deutige Definition des Ausmaßes der Erkrankung macht eine
statistische Vergleichbarkeit von therapeutischen Strategien
möglich. Ob z. B. ein Darmwand-Shaving oder eine V ollwand-
Segmentresektion die bessere Alternative ist, kann nur mit
eindeutig definierten Patientinnen-Kollektiven geklärt wer-
den. Hier bietet der ENZIAN-Score eine differenzierte Mög-
lichkeit, Daten zu erfassen und statistischen Auswertungen
zugänglich zu machen. Die vollständige Ausdehnung einer
Endometriose kann erst durch eine komplette histologische
Aufarbeitung und Bestätigung in Analogie zur Onkologie die
Frage nach einer Persistenz oder einem Frührezidiv der Er-
krankung klären. In diesem Zusammenhang ist die direkt
postoperativ verabfolgte GnRH-Therapie kritisch zu hinter-
fragen, da persistierende Beschwerden durch die hormonelle
Therapie maskiert werden und offensichtlich die Radikalität
der chirurgischen Therapie der bestimmende Faktor für die
Dauer der rezidivfreien Zeit ist. In jedem der angeführten Dis-
kussionspunkte könnte der ENZIAN-Score hilfreich sein, die
Ergebnisse vergleichbar zu machen.
Das ENZIAN-System wurde als Ergänzung bestehender Sys-
teme geplant, könnte aber im Sinne einer Vereinheitlichung
Abbildung 5: Beispiel für ENZIAN-Stadium E3c (Rektuminfiltration zwischen 1 und 3 cm): a) Sonographiebefund; b) ENZIAN-Klassifikation; c) Präparat; d) OP-Situs: Blick in
den Douglas (Copyright © F. Tuttlies)
a) b)
c) d)
ENZIAN-Klassifikation zur Diskussion gestellt
J GYNÄKOL ENDOKRINOL 2008; 18 (2) 13
ENZIAN-Klassifikation zur Diskussion gestellt
OA Dr. Frank Tuttlies
1990 Staatsexamen Humanmedizin Universität
Ulm, Deutschland. Bis 1996 Facharztausbil-
dung an der Universitätsfrauenklink in Ulm
und Tübingen, Deutschland. Seit 1998 Ober-
arzt an der Abt. für Gynäkologie und Geburts-
hilfe LKH Villach, Österreich.
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6. Tuttlies F , Keckstein J, Ulrich U, Possover
M, Schweppe KW, Wustlich M, Buchweitz
O, Greb R, Kandolf O, Mangold R, Masetti
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berg HR. [ENZIAN-score, a classification
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7. Fruscalzo A, Tuttlies F , Ritter O, Rauter G,
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logical examination coupled with trans-
vaginal ultrasound in the diagnosis of recto-
sigmoidal endometriosis. 7 . Deutscher Endo-
metriose Kongress, Berlin, 26.–29.9.2007.
8 A.D.
für die Fragestellungen der Ovarial- und Peritoneal-Endome-
triose ergänzt werden. Da meistens mit der Endometriose bei
jungen Frauen auch Fragen der Fertilität verknüpft sind, wäre
eine zweigeteilte Dokumentationsform vorstellbar, die beide
Aspekte in getrennter Form darstellt. Der ENZIAN-Score hat
sich jedenfalls in der klinischen Anwendung bewährt (s. a. kli-
nisches Beispiel für ein ENZIAN-Stadium E3c in Abb. 5) und
kann für operativ interessierte Therapeuten, die sich mit der
Behandlung der Endometriose auseinandersetzen, empfohlen
werden.
Auch in der präoperativen Diagnostik hat sich der Score be-
währt. In der Kombination einer differenzierten Tastuntersu-
chung des hinteren Kompartimentes mit der in der gynäkolo-
gischen Praxis heute überall verfügbaren Vaginalsonographie
kann in bis zu 97 % eine klare Aussage über die Beteiligung
des Darmes bei einer tief infiltrierenden Endometriose prä-
operativ getroffen werden. Der positive V orhersagewert liegt
dabei bei 92 %, der negative V orhersagewert bei 99 % [7].
Der ENZIAN-Score erweist sich auch präoperativ als eine
ideale Möglichkeit bei der Erstellung der Arbeitsdiagnose
und kann somit bei der Planung des zu erwartenden Opera-
tionsaufwandes und der entsprechenden V orbereitungen hilf-
reich sein.
Es bleibt aus unserer Sicht zu wünschen, dass der ENZIAN-
Score einen ähnlichen Bekanntheitsgrad wie die AFS-Klassi-
fikation erreicht, aber spezifisch für die Endometriose eine
differenzierte und reproduzierbare Einteilung zur Verfügung
stellt, die einen eindeutigen Bezug zur Klinik hat und die Be-
handlungsergebnisse im Sinne der Patientinnen verbessern hilft.
Die Online-Publikation des ENZIAN-Scores ist auf der Home-
page www.endometriose-villach.at geplant.
Literatur:
Mitteilungen aus der Redaktion
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