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Krause & Pachernegg GmbH • Verlag für Medizin und Wirtschaft • A-3003 Gablitz
Mueller MD
Therapie der Endometriose
Speculum - Zeitschrift für Gynäkologie und Geburtshilfe 2011; 29 (4)
(Ausgabe für Österreich), 7-10
Speculum - Zeitschrift für Gynäkologie und Geburtshilfe 2011; 29 (4)
(Ausgabe für Schweiz), 9-12
7
29. Jahrgang, 4/2011
M. D. Mueller
Therapie der Endometriose
E
ndometriose, definiert als Vorkom-
men, Wachstum und Progres sion
von endometrialem Gewebe außer-
halb der Gebärmutter, ist ein sehr
häufiges Krankheitsbild. Schät-
zungsweise leiden 10–20 % aller Frauen an
einer Endometriose. Im Rahmen einer Infer-
tilitätsabklärung ist in 20–30 % der Laparo-
skopien eine Endometriose nachzuw eisen
und diese Prävalenz steigt auf 40–60 %, wenn
nur die Daten von Patientinnen, welche an
Unterbauchschmerzen leiden, analysiert wer-
den. Eine Endometriose kann asympto-
matisch verlaufen, sie ist aber meistens mit
einer Vielfalt von klinischen Symptomen
verknüpft. Am häufigsten sind dabei chro-
nische Unterbauchschmerzen und beein-
trächtigte Fertilität [1, 2]. Da die Pathoge-
nese der Krankheit unbekannt ist, die ver-
schiedenen Therapien zum Teil kontrovers
diskutiert werden und die Endometriose
die Tendenz hat, zu rezidivieren, löst die
Diagnose dieser Krankheit häufig eine ge-
wisse Verwirrung und Frustration beim be-
handelnden Arzt aus. Im Folgenden werden
die aktuellen Therapien der Endometriose
besprochen.
Diagnostik der Endometriose
Leider wird eine Endometriose oft erst nach
jahrelangem Leiden diagnostiziert. Bei ent-
sprechender Anamnese (Dysmenorrhö, Dys-
pareunie, Dyschezie, Dysurie, Infertilität etc.)
sollte unbedingt an die Möglichkeit einer
Endometriose gedacht werden. Heutzutage
stehen noch keine direkten diagnostischen
Möglichkeiten zu Verfügung, um die Ver-
dachtsdiagnose einer Endometriose auf nicht-
invasivem Weg zu bestätigen oder zu wider-
rufen. In den vergangenen Jahren wurden
verschiedenste Serum-Marker untersucht, es
konnte aber keiner gefunden werden, welcher
eindeutig die Diagnose einer Endometriose
ermöglicht.
In der Diagnostik der Endometriose kann
der Ultraschall hilfreich sein. Endometrio-
sezysten haben ein typisches Aussehen bei
der Transvaginalsonografie (TVS), die Dop-
pleruntersuchung bringt nur wenige Zu-
satzinformationen. Bei der TVS muss, bei
Verdacht auf Endometriose, auf das Vor-
kommen von „kissing ovaries“ (KO) geach-
tet werden. Als KO werden Ovarien mit
oder ohne Zysten definiert, welche sich re-
trozervikal in der Mittellinie berühren [3].
Das Vorkommen von KO bei der TVS ist ein
Zeichen für eine mittelschwere bis schwere
Endometriose, welche für den Chirurgen
intraoperativ oft eine Herausforderung dar-
stellt. Der Anwesenheit von KO muss des-
halb beim Festlegen des therapeutischen
Ansatzes Rechnung gestellt werden. Bei
spezifischen Fragestellungen, wie der Frage
nach einer Infiltration des Nervus ischiadicus
durch eine Endometriose oder bei Verdacht
auf Endometriose des Septum rectovagi-
nale, kann auch die Durchführung einer
Magnetresonanz sinnvoll sein. Idealerweise
wird diese Untersuchung zum Zeitpunkt der
Menstruation durchgeführt.
Bei Patientinnen mit entsprechender Symp-
tomatik ohne Kinderwunsch und ohne In-
dikation zur endoskopischen Therapie kann
probatorisch eine medikamentöse Therapie
eingeleitet werden. Bei Persistenz von Be-
schwerden trotz medikamentöser Therapie,
klinischem Verdacht auf Endometriose,
Endometriomen oder Befall des Septum
rectovaginale ist, wie bei unerfülltem Kin-
derwunsch, die Indikation zur Laparosko-
pie großzügig zu stellen [4]. Die Laparo-
skopie mit Gewebeentnahme zur histologi-
schen Sicherung ist nicht nur Goldstan-
dard zur Diagnosestellung, sondern gleich-
zeitig auch der geeignete Zugang für eine
operative Therapie. Der Erfolg des Eingrif-
fes ist stark von der klinischen und techni-
schen Erfahrung des Operateurs abhängig.
Die individuelle Situation jeder Patien-
tin, ihr Alter, ihre reproduktiven Erwartun-
gen und ihre Schmerzsymptomatik erfor-
dern die Festlegung eines individuellen
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Behandlungskonzepts. Deshalb ist es sehr
wichtig, präoperativ mit der Patientin zu
eruieren, was im Vordergrund steht (Schmer-
zen, Kinderwunsch oder beides), damit das
Ziel des Eingriffes präoperativ festgelegt
werden kann.
Der Übersichtlichkeit wegen werden im
Folgenden die unterschiedlichen Manife-
stationen der Endometriose getrennt be-
sprochen, obwohl sie oft kombiniert auftre-
ten.
Peritoneale Endometriose
Peritoneale Endometrioseherde (Abb. 1)
werden entweder mit dem CO 2-Laser eva-
porisiert oder exzidiert. Die Exzision hat
den Vorteil, dass sie gleichzeitig eine histo-
logische Bestätigung der laparoskopischen
Diagnose ermöglicht. Eine elektrische Biko-
agulation hingegen ist meist als Therapie
nicht genügend, da die Infiltrationstiefe in
60 % der Herde > 2 mm, in 25 % sogar
> 5 mm beträgt. Nebst der Tatsache, dass
die Eindringtiefe der Bikoagulation nicht
definiert werden kann, kommt es zur Bil-
dung einer Nekrose mit entsprechender
adhäsiogener Wirkung. Die Exzision von
tiefen, ins submesotheliale Gewebe rei-
chenden Endometrioseherden kann an-
spruchsvoll sein, vor allem im Bereich des
Ureters. Hier muss unter Umständen der
Ureter aufgesucht und in die Tiefe frei-
präpariert werden, bevor die Endometrio-
seherde exzidiert werden können. Eine hi-
stologische Sicherung ist stets anzustreben
[4].
Randomisierte Studien haben gezeigt,
dass 6 Monate nach laparoskopischer Ent-
fernung von Endometrioseherden eine Re-
duktion der Schmerzen in 65 % der Patien-
tinnen erzielt werden konnte, im Vergleich
zu einer Reduktion von nur 22 % in der
Gruppe von Patientinnen, bei welchen nur
eine diagnostische Laparoskopie durchge-
führt wurde [5].
Ovarielle Endometriose
Bei 20–50 % aller Frauen mit Endome-
triose sind die Ovarien befallen (Abb. 2).
Das Eröffnen und Spülen eines Endome-
trioms als alleinige chirurgische Maßnah-
me ist nicht zu empfehlen, da 80 % der so
Behandelten innerhalb von 6 Monaten ein
Rezidiv erleiden. Diese hohe Rezidivrate
lässt sich auch durch eine anschließende
Therapie mit GnRH-Analoga nicht verrin-
gern. Entsprechend einer Cochrane-Analy-
se ist die Entfernung des Zystenbalges der
thermischen Destruktion durch Hochfre-
quenz-Strom, Laser-Vaporisation oder Ar-
gon-Plasma-Koagulation hinsichtlich der
Schmerzsymptomatik sowie der Rezidiv-
und Schwangerschaftsraten insgesamt über-
legen [6]. In den vergangenen Jahren konn-
te jedoch gezeigt werden, dass das Ausschä-
len des Endometrioms mit einem Oozy-
tenverlust und einer Abnahme der ovariel-
len Reserve verbunden ist [7]. Deshalb gilt
der allgemeine Konsens, dass bei Frauen
mit Kinderwunsch und Endometriomen,
die größer als 4 cm sind, ein zweizeitiges
Vorgehen vorzuziehen ist. Dabei wird bei
der ersten Laparoskopie das Endometriom
fenestriert und drainiert. Nach einer drei-
monatigen Therapie mit GnRH-Analoga er-
folgt eine Second-look-Laparoskopie. Bei
dieser darf der Zystenbalg nicht exzidiert
werden, da sonst zu viel Ovarialgewebe zer-
stört würde, sondern der Zystenbalg wird
mit dem CO
2-Laser evaporisiert.
In den vergangenen Jahren wurde, wegen
des potenziellen Oozytenverlusts, von gewis-
sen Autoren vorgeschlagen, Rezidivendo-
metriome bei Sterilitätspatientinnen nicht
1:
Typischer
peritonealer
Endometrioseherd
2:
Typische
„kissing ovaries“
9
29. Jahrgang, 4/2011
mehr zu operieren. Dieses Vorgehen birgt
die Gefahr, ein Adenokarzinom des Ovars
zu übersehen, und sollte deshalb nur in
speziellen Situationen und nach genauer
Information der Patientin gewählt werden.
Tief-infiltrierende Endometriose
Endometriose im Bereich des Septum recto-
vaginale, der Fornix vaginae, des Retroperi-
toneums (Beckenwand, Parametrium) so-
wie des Darmes, Ureters und der Harnblase
werden unter dem Begriff der tief-infiltrie-
renden Endometriose zusammengefasst.
Die genannten Strukturen können dabei
sehr komplex befallen sein und entspre-
chende Symptome hervorrufen. Bei Darm-
befall (Abb. 3) treten unterschiedliche inte-
stinale Symptome wie Druckgefühl, Blä-
hungen, Tenesmen, Dyschezie, Schleim-
und Blutabgang, Diarrhö und Obstipation
bzw. Wechsel der Stuhlgewohnheiten auf.
Eine Blasenendometriose kann eine Dys-
und Hämaturie verursachen, eine Ureter-
endometriose kann eine Hydronephrose
zur Folge haben [8]. Fehlende Symptome
schließen eine tief-infiltrierende Endome-
triose jedoch nicht aus.
Asymptomatische Befunde brauchen we-
der eine medikamentöse noch eine chirur-
gische Therapie. Klinische Kontrollen un-
ter Einschluss einer Nierensonographie
sollten jedoch regelmäßig durchgeführt
werden, um eine Progression auszuschlie-
ßen.
Die tief-infiltrierende Endometriose un-
terscheidet sich bezüglich des Ansprechens
auf eine hormonelle Therapie von der ova-
riellen und der peritonealen Endometriose.
Medikamentöse Therapieversuche sind meis-
tens vergeblich. Therapie der Wahl der
symptomatischen tief-infiltrierenden Endo-
metriose ist die Resektion in sano.
Oft ist, bei organüberschreitenden Mani-
festationen der tief-infiltrierenden Endo-
metriose (Rektosigmoid, Blase, Ureter),
eine komplexe Chirurgie (Abb. 3) notwen-
dig und eine Behandlung in Einrichtungen
mit entsprechender Erfahrung empfehlens-
wert. Eine genaue präoperative Planung und
Beratung der Patientin, allenfalls unter
Einschluss der Disziplinen Viszeralchir-
urgie und/oder Urologie, ist bei dieser
Form der Endometriose unabdingbar. Auch
muss die Patientin über die operations-
bedingte Morbidität informiert werden (ca.
5–14 %) [9]. Bei Kinderwunsch bedingt der
notwendige Erhalt des Uterus u. U. eine
unvollständige Resektion der Endometrio-
se.
Der Nutzen einer prä- oder postoperati-
ven Therapie mit GnRH-Analoga bei tief-in-
filtrierender Endometriose ist nicht belegt.
Wird bei einer diagnostischen Laparoskopie
als Zufallsbefund jedoch eine tief-infiltrie-
rende Endometriose diagnostiziert, so muss
die Sanierung des Befundes meistens ver-
schoben werden. In diesen Situationen ist
vor der Second-look-Laparoskopie eine drei-
monatige GnRH-Analoga-Therapie sinnvoll,
um den begleitenden inflammatorischen
Zustand der Endometriose zu behandeln.
Bei einer wenig symptomatischen tief-in-
filtrierenden Endometriose oder wenn die
Patientin das Risiko der beschriebenen Mor-
bidität nicht eingehen will, ist die Einlage
eines Levonorgestrel-haltigen IUD eine
mögliche Alternative zur Operation.
Medikamentöse Therapie
Die operative Laparoskopie ist in der Be-
handlung der Endometriose effektiv. Leider
kommt es in 10–40 % der Fälle mit Endo-
metriose-bedingten Schmerzen und in 8–
32 % der Patientinnen mit einem Endome-
triom zu einem Rezidiv. Patientinnen mit
präoperativ ausgeprägten Beschwerden ha-
ben ein höheres Risiko für ein Rezidiv als
Patientinnen mit einem geringeren Schmerz-
empfinden.
Endometriose kann als eine chronische
Krankheit angesehen werden und sollte
dementsprechend therapiert werden. Eine
3:
Rektumteilresektion
bei Darmendome-
triose (*)
10
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medikamentöse Therapie verbessert die Fer-
tilität nicht, eine adjuvante medikamentöse
Therapie kann jedoch die Schmerzfreiheit
verlängern, ein Rezidiv verhindern und
möglicherweise die Progression einer Endo-
metriose vermindern. Nicht-steroidale Anti-
rheumatika (NSAR) können zur Schmerzlin-
derung als Add-on-Therapie eingesetzt wer-
den. NSAR wirken jedoch nur symptoma-
tisch und haben zum Teil erhebliche Ne-
benwirkungen.
Nach einer adjuvanten postoperativen
Therapie mit GnRH-Analoga ist das rezidiv-
bzw. schmerzfreie Intervall signifikant ver-
längert. Wegen der begleitenden Osteopo-
rose sollte die Therapiedauer mit GnRHa
ohne Add-back-Therapie 3 Monate nicht
überschreiten. Der Einsatz bei dieser Indi-
kation ist über die vergangenen Jahre mit
der Verfügbarkeit besser verträglicher Al-
ternativen erheblich zurückgegangen. So
konnte in mehreren Studien gezeigt wer-
den, dass die Einnahme von oralen Kontra-
zeptiva, insbesondere die kontinuierliche
Einnahme, bei Patientinnen mit einer
Schmerzproblematik die Rezidivhäufigkeit
vermindert. Auch die Rezidivhäufigkeit von
Endometriomen ist unter Therapie mit
Ovulationshemmern vermindert. Deshalb
sollten Ovulationshemmer, falls keine Kon-
traindikationen bestehen und die Patientin
keinen Kinderwunsch hat, als adjuvante
Therapie vorgeschlagen werden. Dienogest
ist eine gute Alternative und hat möglicher-
weise noch eine atrophisierendere Wirkung.
Die Hormonspirale (Levonorgestrel-halti-
ges IUD) induziert eine reversible Endome-
trium-Atrophie, welche die Rationale für den
Einsatz bei Endometriose bildet. Die Wirk-
samkeit wurde in mehreren Studien belegt
und ist ebenfalls vergleichbar mit derjeni-
gen der GnRHa. Der Einsatz bei Patientin-
nen mit Endometriose empfiehlt sich vor
allem bei Adenomyosis uteri und Befall des
Septum rectovaginale.
Nicht alle Patientinnen profitieren von
einer solchen adjuvanten Therapie, den-
noch sind Rezidive nach adäquater Chirur-
gie und optimaler adjuvanter Therapie viel
seltener [10].
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