Die prämature Ovarialinsuffizienz

In: Journal für Gynäkologische Endokrinologie/Schweiz · 2023 · vol. 26(3) , pp. 131–136 · doi:10.1007/s41975-023-00294-y · W4385952232
article OA: hybrid CC0

Abstract

Zusammenfassung Die prämature Ovarialinsuffizienz (POI) bedeutet für die Patientin einen frühzeitigen Verlust der ovariellen Funktion mit den kurz- und langfristigen Folgen des Östrogenmangels sowie niedrigen Schwangerschaftschancen. Mit einer Prävalenz von 1 % tritt dieses Krankheitsbild selten auf, hat jedoch fatale Auswirkungen für die Betroffenen. Oft stellt sich anfangs die Erkenntnis um die schwierige Situation bezüglich des Kinderwunschs als sehr belastend dar. Im Verlauf haben die Patientinnen dann zunehmend mit den Langzeitfolgen des Östrogenmangels für die kardiovaskuläre, kognitive sowie Knochengesundheit zu kämpfen. Umso wichtiger ist es, die Erkrankung frühzeitig zu diagnostizieren und die Patientinnen adäquat zu behandeln.
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GynäkologischeEndokrinologie J.Gynäkol.Endokrinol.CH2023·26:131–136 https://doi.org/10.1007/s41975-023-00294-y Angenommen:26.April2023 Onlinepubliziert:17.August2023 ©Der/dieAutor(en)2023 DieprämatureOvarialinsuffizienz Was,wennderletzteEisprungvielzufrühstattfindet? ChristianeAnthon1 ·AlexandraKohlSchwartz 1,2 1 ReproduktionsmedizinundgynäkologischeEndokrinologie,LuzernerKantonsspital,Luzern16,Schweiz 2 UniversitätBern,Bern,Schweiz QR-Codescannen&Beitragonlinelesen Zusammenfassung DieprämatureOvarialinsuffizienz (POI)bedeutet fürdiePatientin einen frühzeitigen Verlust der ovariellen Funktion mit den kurz- und langfristigen Folgen des Östrogenmangels sowie niedrigen Schwangerschaftschancen. Miteiner Prävalenz von1%trittdiesesKrankheitsbildseltenauf,hatjedochfataleAuswirkungen fürdie Betroffenen.OftstelltsichanfangsdieErkenntnisumdieschwierigeSituationbezüglich desKinderwunschsalssehrbelastend dar.ImVerlaufhaben diePatientinnen dann zunehmend mitden Langzeitfolgen desÖstrogenmangels fürdie kardiovaskuläre, kognitivesowieKnochengesundheitzukämpfen.Umsowichtigeristes,dieErkrankung frühzeitigzudiagnostizieren unddiePatientinnen adäquatzubehandeln. Schlüsselwörter Eizellreserve·Kinderwunsch·Hormonersatztherapie·Karyotyp·Eizellspende DefinitionundUrsachen Die prämature Ovarialinsuffizienz (POI) ist definiertalsderVerlustderovariellenFunk- tion vor dem 40. Lebensjahr. Im Vergleich liegt das mittlere Menopausenalter bei 51 Jahren. Die Prävalenz liegt bei circa 1% in der Bevölkerung. In der Altersgruppe unter 30JahrenliegtdiePrävalenzbei0,1%[ 4].In der Kinderwunschsprechstunde sind die- se Frauen aufgrund der Sterilität häufiger anzutreffen. VerschiedeneMechanismensindfürdie prämatureOvarialinsuffizienz verantwort- lich:einevorzeitigeErschöpfungderEizell- reserve,eineverstärkteFollikelatresie,eine erhöhte Aktivierung der Primordialfollikel unddieVerhinderungd esEisprungsdurch die Beeinträchtigung der Follikulogenese. Ursächlich kommen chromosomale Auffälligkeiten, immunologische oder idiopathische Ursachen, z.B. Folgen einer Karzinomerkrankung mit Chemotherapie oder Radiatio, infrage. Beicirca10–12%derprämaturenOva- rialinsuffizienzen liegt einegenetische Ur- sachezugrunde.Meististdieseinestruktu- relleodernumerische Störung im X-Chro- mosom,zumBeispieldasTurner-Syndrom. DieFragiles-X-PrämutationhateinePräva- lenz von 0,8 bis 7,5% unter den Frauen mit POI. Diese X-chromosomal dominant vererbte Mutation auf dem langen Arm des X-Chromosoms bringt bei vollständi- ger Mutation ein Risiko für eine geistige Behinderungmitsich;beiderPrämutation besteht ein Risiko für eine POI (13–26%) oderbeimännlichenNachkommeneinRi- sikoeinermentalenRetardierung.Dabeiist auf genetischer Ebene bei der vollständi- gen Mutation das Aminosäuretriplett aus Cystein, Guanin, Guanin (CGG) über 200- mal wiederholt, bei der Prämutation lie- gen die Wiederholungen nur in einem Bereich von 55 bis 200. Pathophysiologi- scheUrsacheistwahrscheinlicheineToxizi- tätderüberexprimierten FMR1-mRNA.Zu den weiteren genetischen Ursachen zäh- len auch Störungen der Geschlechtsent- wicklung mit dem Nachweis von Y-chro- mosomalerDNA.Zudemwerdenfamiliäre HäufungenbeschriebenohneNachweisei- nerbisherbekanntenspezifischenGenmu- tation.In5%derFälleliegteineautoimmu- nologische Ätiologie vor; das polyglandu- läreAutoimmunsyndrom. Dabeibewirken Autoantikörper gegen das Ovar eine De- JournalfürGynäkologischeEndokrinologie/Schweiz3·2023 131 GynäkologischeEndokrinologie Infobox1 Ursachenabklärung bei gesicherter Diagnose – Karyotyp – AusschlusseinerFragiles-X-Prämutation – Bestimmungvon Anti-21-Hydroxylase- Antikörpern – BestimmungderAnti-TPO-Antikörper struktiondesFollikelpools.Gehäufttreten zusätzlich Autoantikörper gegen die Ne- bennierenrinde als Morbus Addison oder die Schilddrüse in Form einer Hashimoto- Autoimmunthyreopathie auf. IatrogeneUrsachenfüreineprämature OvarialinsuffizienzsinddieradikaleSanie- rung einer Endometriose vor allem bei Endometriomen mit Destruktion des Re- stovars [5] oder die Ovarektomie im Rah- men von unterschiedlichen Grunderkran- kungenwiezumBeispieleinemOvarialkar- zinom oder Tuboovarialabszess. Auch ei- ne gewisse Assoziation mit dem Lifestyle kannbeobachtetwerdenUntergewichtist durchUnter-/Fehlernährung oderexzessi- ven Sport mit POI assoziiert. Raucherin- nen kommen durchschnittlich zwei Jah- re früher in die Menopause durch Min- derperfusion sowie den toxischen Effekt v o nZ i g a r e t t e n r a u c hd u r c hp o l y z y k l i s c h e aromatischeHydrocarbone.Umwelttoxine wie Kunststoffweichmacher, Phthalate in Haarspray und Nagellack oder Pestizide könneneineAuswirkungaufdieHormon- aktivität haben und in der Folge zu einer Störung der Follikelreifung führen. Um- weltgifte können auch auf Ebene der epi- genetischen Modifikation eine Verände- rung der Methylierung der DNA bewirken und so die Ovarfunktion und Keimzellen beeinflussen [7]. Die Ursachen sind vielfältig und in 85–90% kann keine Ursache gefunden werden,dannwirdvonderidiopathischen POI gesprochen [1]. DiagnostikundKlinik Zu den Diagnosekriterien zählen niedri- ges Östradiol und erhöhte Gonadotropin- level entsprechend einem hypergonado- tropenHypogonadismusnachWHOIII.Im Konkreten muss das follikelstimulierende Hormon (FSH) laborchemisch zweimalig im Abstand von 4 Wochen >25IU/l lie- genzusammenmiteinerZyklusstörungin Form einer Amenorrhö oder Oligomenor- rhöübermindestens4Monate[ 1].DasAn- ti-Müller-Hormon(AMH)istinderDiagnos- tikderprämaturenOvarialinsuffizienzwe- nighilfreich.EswirdindenGranulosazellen der Primär- und Sekundärfollikel produ- ziertundfälltbereits circa 5Jahre vorEin- tritt der Menopause unter die Nachweis- grenze.BeiregelmässigenZyklenkanndie Fertilität weiterhin erhalten sein. Bei Ver- dacht auf eine prämature Ovarialinsuffizi- enzsollteeinedezidierteAnamneseerfol- gen.DiegenaueZyklusanamnese,dasMe- nopausenalter der Mutter oder eine Che- mo- oder Radiotherapie in der Kindheit können hinweisend sein. Eine gonadoto- xischeChemotherapiemitz.B.Alkylanzien oder eine Bestrahlung im kleinen Becken oder des ZNS mit Schaden an den Ovari- en oder der Hypothalamus-Hypophysen- Achse kann eine POI verursachen. AndieserStellesollalskurzerExkursauf dieWichtigkeitdesFertilitätserhaltsvorei- ner Chemotherapie, Radiatio oder Opera- tionamOvareingegangenwerden:Esgibt die Optionen der Kryokonservierung von Oozyten, Ovargewebe oder der Suppres- sionderOvarfunktionmittelseinesGnRH- Agonisten, um die Chancen auf Erfüllung des Kinderwunschs nach Behandlung der Erkrankung zu erhöhen. ImRahmenderDiagnostikwirdleitlini- engerecht [1]empfohlen,eineChromoso- menanalyse,denAusschlusseinerFragiles- X-PrämutationunddieBeurteilungdesen- dokrinenSystemsdurchAbnahmeder21- Hydroxylase-Autoantikörper bzw. Thyreo- peroxidaseantikörper zum Ausschluss ei- nesMorbusAddisonodereinerimmunolo- gischen Schilddrüsendysfunktion, welche mit einer endokrinen POI vergesellschaf- tet sein könnten, vorzunehmen [1]. Vor Bestimmung des Karyotyps und der Fra- giles-X-Prämutation wird empfohlen, ei- ne Kostengutsprache bei der Krankenkas- se zu stellen, da die Kostenübernahme sonst nicht geklärt ist. Im Falle positiver 21-Hydroxylase-Antikörper würde die Zu- weisung zur internistischen Endokrinolo- giemitderBitteumMitbeurteilung,obein MorbusAddisonvorliegt,erfolgen.Beipo- s i t i v e nT P O - A n t i k ö r p e r nw ü r d em a nj ä h r - liche Kontrollen des TSH-Werts empfeh- len, um bei manifester Schilddrüsener- krankungtherapeutischeinwirkenzukön- nen. Klinisch zeigt sich das Bildeiner Östro- genmangelsituation mit den typischen menopausalen Beschwerden wie Zyklus- störungen, V.a. Amenorrhö, Oligome- norrhö, Hitzewallungen, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Konzentrati- onsstörungen, Libidoverlust, vaginaler Atrophie, rezidivierenden Harnwegsinfek- ten sowie deren Langzeitfolgen auf die kardiovaskuläre, kognitive und Knochen- gesundheit. Unerfüllter Kinderwunsch z ä h l tz ue i n e md e rH a u p t s y m p t o m e .D i e spontane Schwangerschaftsrate der prä- maturen Ovarialinsuffizienz aufgrund der Restovarfunktion ist mit circa 5% sehr niedrig. Es gibt keine Therapieansätze, die ei- nebewieseneVerbesserungderovariellen Aktivität, Ovulationsrate oder natürlichen Konzeptionsrate bewirken können [1]. Sowohl die Diagnose an sich als auch dieErkenntnis, welcheAuswirkungen die- se auf die Familienplanung hat, ist psy- chisch sehr belastend für die Patientin- nen. Zusätzlich verursacht die Östrogen- mangelsituation eine gewisse Vulnerabili- tät für depressive Verstimmungen. Frauen mit Menstruationsstörungen sollten deshalb auch nach derartigen Symptomen gefragt werden [ 1]. Die Beschwerden können auch nur inter- mittierend auftreten, entsprechend den Schwankungen derovariellen Aktivität im perimenopausalen Übergang [1]. Die Langzeitfolgen des Östrogenman- gelssindnichtzuunterschätzen. Ineinem Follow-up der kardiovaskulären Gesund- heit von Frauen mit POI zeigte sich eine signifikant erhöhte kardiovaskuläre Mor- talität, wenn keine Hormonersatztherapie angewandt wurde [11]. Die Folgen des ÖstrogenmangelsfürdieKnochengesund- heit sind fatal. Der Östrogenmangel führt zu einer geringeren Knochendichte. Dem liegt der vermehrte Knochenabbau durch denWegfallderhemmendenWirkungvon Östradiol auf die Osteoklasten zugrunde. Damit steigt das Risiko für Frakturen. Als weitere Risikofaktoren für Frakturen sind Vitamin-D- und Kalziummangel, Unterge- wichtunter55kg,Bewegungsmangel und Nikotinabusus zu sehen [19]. Des Weiteren bewirkt der Östrogen- mangel eine Beeinträchtigung der neu- rologischen Gesundheit, es liess sich auch ein höheres Risiko für eine Demenz oder 132 JournalfürGynäkologischeEndokrinologie/Schweiz3·2023 Infobox2 Merkpunkte – Bei menopausalenBeschwerdenund Zyklusstörungen an die prämature Ovarialinsuffizienzdenken(Hormonstatus bestimmen:FSH,E2) – DiagnostikgemässLeitliniedurchführen oder dafür ans spezialisierteZentrum überweisen – Hormonersatztherapie(Therapieeines Mangelzustands)soll biszum physio- logischenMenopausenalterempfohlen werden BegleitungderPatientin – Psyche:regelmässigesScreening auf Stimmungsstörungen;Östrogentherapie kann positive Auswirkungenauf die Stimmunghaben – Sexuelle Gesundheit: regelmässiges Screening auf sexuelleDysfunktion; BehandlungvonvulvovaginalerAtrophie mit systemischerund/oder lokaler ÖstrogentherapieoderLasertherapie – Kardiovaskuläre Gesundheit:ausgewo- geneErnährung,Bewegung,Nikotinstopp, Überwachungder kardiovaskulären Risiken – Knochengesundheit: ausgewogene Ernährung, Bewegung, Zufuhr von KalziumundVitaminD – Kinderwunsch: jWenndasVollbildderPOInochnicht erreicht ist,Behandlungsoptionen mitniedrigen Chancenindividuell besprechen(z.B.:IVF-Naturelle ®) j5%spontane Schwangerschaften, EizellspendebietetguteChancenauf Verwirklichungdes Kinderwunschs (TherapieimAuslandnotwendig) jBehandlungsversuche können im RahmendespsychologischenProzesses helfen,dieErkrankungzuakzeptieren kognitive Beeinträchtigung im Alter fest- stellen [10]. Therapie DieTherapiederprämaturenOvarialinsuf- fizienzbestehtinderprophylaktischensys- temischen Hormonersatztherapie (HRT) bis zum physiologischen Menopausenal- ter von 51Jahren. Hierbei ist die Therapie nichtalsBehandlungvonSymptomenwie in der Menopause zu sehen, sondern als Ausgleich einer unphysiologischen Man- gelsituation. Eswerden jedoch äquivalent zur Hormonersatztherapie der Menopau- se Östradiol und Progesteron angewandt. Ziel ist, einen gleichwertigen Östradiol- spiegel wie bei einer regelmässig men- struierenden Frau mit durchschnittlich 180–370pmol/l zu erreichen. Dies kann sowohldurcheinetransdermaleoderora- le Hormonersatztherapie, alternativ auch eine kombinierte Pille erreicht werden. Von der Dosierung wird der gewünschte Spiegel durch 75–100μg transdermal in FormeinesöstradiolhaltigenPflastersoder durch2mgÖstradiolgelerreicht.Oralwür- de man 2–4mg Östradiol verabreichen. Der transdermale Weg hat den Vorteil, dass er ein niedrigeres Thromboserisiko hat. Östradiol scheint einen günstigeren Einfluss auf das kardiovaskuläre System unddieKnochengesundheit zuhaben[ 1]. Entscheidet man sich für die Pille, welche im Vergleich zur HRT der Menopause einen sicheren Verhütungsschutz bietet und für eine junge Frau weniger stig- matisierend ist, so sollte eine Dosierung von mindestens 30μg Ethinylöstradiol, gegebenenfalls im Langzyklus im Falle von starken Symptomen in der Pillen- pause, gewählt werden [1]. Mit der Pille Qlaira (Östradiolvalerat und Dienogest) scheint eine Option zur Verfügung zu stehen, die die Vorteile einer Pille mit de- nen des bioidentischen Östradiolvalerats kombiniert. Es ist essenziell, dass bei der Hormon- ersatztherapie auch an die Endometrium- protektiongedachtwird.Hierzueignetsich ein bioidentisches, mikronisiertes Proges- teron oder ein synthetisches Gestagen in Transformationsdosis;zuBeginn des peri- menopausalen Übergangs zyklisch, dann im Verlauf kontinuierlich. Bezüglich des kardiovaskulären Risikos [14] und des Risikos für ein Mammakar- zinom [16] scheint die transdermale Ap- p l i k a t i o ni nK o m b i n a t i o nm i tv a g i n a l e m mikronisiertem Progesteron sehr günstig zu sein, z.B. Estradot TTS 75μg/Wechsel 2×/Woche mit kontinuierlich Utrogestan 200mg täglich oral. Möchte die Patientin die Möglichkeit einer Spontankonzeption weiterhin nut- zen, sollten Gestagene, die keine Ovu- lationshemmung verursachen, bevorzugt werden, sowie sequenzielle Präparate, die ein östrogenfreies Intervallhaben, umdie ovarielleRückkopplungaufdieHypophyse möglichst gering zu halten [1, 2]. Wichtig istauch zu bedenken, dassdie systemische HRT oft keine Wirkung auf die vaginale Atrophie hat und bei dieser Symptomatik zusätzlich lokales Östrogen angewandtwerdensoll.Hierwirdz.B.eine östriolhaltige Salbe für 1–2 Wochen täg- lich und dann in Erhaltungsdosis 1–3×/ Wocheempfohlen.Wichtig ist,derPatien- tinzuerläutern, dassessichumeineDau- ertherapie handelt. Zusätzlich kann auch mit Lasertherapie ein guter Erfolg bei va- ginaler Atrophie erzielt werden. Bei einer Amenorrhö, die länger als 6 Monate besteht, ist eine Knochendich- temessung (DXA) indiziert. Bezüglich der Knochengesundheit sind neben der Hor- monersatztherapie noch eine kalziumrei- che Ernährung bestehend aus kalziumrei- chem Mineralwasser, Käse, Milch,Nüssen, Kräutern und Gemüse sowie die Substitu- tion von Kalzium 1000mg und Vitamin D 800–1000IU/d,ambesteninderKombina- tionmitVitaminK,empfohlen.AuchSport, v.a. Muskelaufbau, stellt einen wichtigen Pfeiler in der Osteoporoseprävention dar und sollte den Patientinnen empfohlen werden. Therapie bei POIundKinder- wunsch Der Übergang in die postmenopausale Situation ist als Kontinuum zu verstehen. Deshalb trifft man in der Kinderwunsch- sprechstunde gehäuft Patientinnen an, welche die Diagnosekriterien der prä- maturen Ovarialinsuffizienz erfüllen und intermittierend noch Zyklen mit Folli- kelreifung durchlaufen oder eine stark reduzierteovarielleReserveentsprechend einem hypergonadotropen Hypogona- dismus aufweisen, ohne sich bereits für die Diagnose der prämaturen Ovarialin- suffizienz zu qualifizieren. Ovulationen treten bei kürzerer Dauer der Amenorrhö von unter 3 Monaten noch häufiger auf [1]. Solange noch Ovulationen auftreten, besteht eine geringe Chance auf eine Schwangerschaft. Als individuelle Therapieansätze mit d e mW i s s e nu md i en i e d r i g e nS c h w a n - gerschaftschancen können zum Beispiel eine FSH-Suppression durch eine Vor- behandlung mit Östrogenen oder eine In-vitro-Fertilisation (IVF) im natürlichen Zyklus bei noch sporadisch erfolgender Follikelreifung versucht werden. Aufgrund erhöhter FSH-Level bei er- schöpfter ovarieller Reserve ist eine kon- JournalfürGynäkologischeEndokrinologie/Schweiz3·2023 133 GynäkologischeEndokrinologie Abb. 1 8AblaufderIVF-Naturelle ®.(MitfreundlicherGenehmigungaus[ 13],©2023IVF-Naturelle ® Kompetenznetz.DieseAbbildungfälltnichtunterdieCreativeCommonsCCBY-LizenzdieserPublika- tion.) ventionelle Stimulation oft nicht erfolgs- versprechend,dadieHypophysedurchver- mehrteAusschüttungvonFSHbereitsver- sucht,dieOvarienzustimulieren,dieseje- doch aufgrund des geringen Follikelpools und der beeinträchtigten Follikulogenese nicht mehr reagieren können. FürdieSchwangerschaftschancenistje- doch die Eizellqualität und erst sekundär die Eizellanzahl entscheidend, denn jün- gereFrauenmithöheremFSHhabenden- noch bessere Chancen auf eine Schwan- gerschaft als Frauen über 40 Jahre mit niedrigerem FSH [8]. Ein Therapieansatz ist die Vorbehand- lung mit Sexualsteroiden, im Besonderen Östradiol. Es kann zum Beispiel orales Ös- tradiol(täglich4g)imVorzyklusoderluteal verabreicht werden, nach Evaluation und AufklärungüberdasThromboserisiko[ 18]. In der Annahme, dass dadurch die FSH- Ausschüttung aus der Hypophyse durch negative Rückkopplung supprimiert wird und die Ovarien anschliessend empfindli- cher auf endogenes oder auch exogenes FSHreagieren.SomitsollendieletztenFol- likelreserven rekrutiert werden. Einweite- rer Effekt der Vorbehandlung mit Östro- gen ist, dass die Follikulogenese synchro- nisiertwirdundeinvorzeitigerLH-Anstieg möglichstverhindertwerdenkann[ 9].Bei PatientinnenmiterschöpfterovariellerRe- servetretengehäuftOvulationsstörungen durch frühzeitige Follikelrekrutierung und einen frühzeitigen LH-Anstieg auf. Ist die ovarielleReserve fasterloschen, kanndurcheineGonadotropinstimulation kein multifollikuläres Wachstum mehr er- zieltwerden.DamitbleibtalseinzigeOpti- ondasMonitoringdesnatürlichenZyklus. Finden noch Menstruationen statt, kann denPaareneinZyklusmonitoringangebo- ten werden. Im Falle einer Follikelreifung kanneineBehandlungmittelsIn-vitro-Fer- tilisation im natürlichen Zyklus im Sinne einer IVF-Naturelle® angeboten werden [13]( .Abb.1). Bei der sogenannten IVF-Naturelle®, welcheeineSonderformderIn-vitro-Ferti- lisationdarstellt,wirdweitgehendaufeine Hormonstimulation verzichtet. HierbeiwirddereineimnatürlichenZy- klus wachsende Follikel meist ohne Nar- kose abpunktiert und die Oozyte fertili- siert. Kommt es zur Befruchtung, erfolgt anschliessend ein Embryotransfer. EinhäufigauftretendesProblemindie- sem Patientenkollektiv ist die vorzeitige Ovulation durch frühzeitigen LH-Anstieg, manchmal auch bei noch kleinem Folli- kel.DieModifikationmitClomifen25mg/d ab dem 7. Zyklustag [15]o d e rd i eG a b e von nichtsteroidalen Antiphlogistika, z.B. Ibuprofen, ab einer Leitfollikelgrösse von >14mmkanndieWahrscheinlichkeiteiner vorzeitigenOvulationminimieren[ 12,17], ohnegrosseNebenwirkungen zu verursa- chen.DurchdieAnwendungvonClomifen wird die Anzahl vorzeitiger Ovulationen reduziert und somit ist häufiger ein Em- bryotransfer möglich [15]. Die Gabe von nichtsteroidalen Antiphlogistika wie Ibu- profen hat keinen negativen Einfluss auf die Reife der Eizellen, die Implantations- rate oder die Embryoqualität [17]. Bei Patientinnen mit beginnender POI sind die Chancen auf eine Schwanger- schaft gering. Im Falle einer Eizellgewin- nung kann damit jedoch eine bessere Chance auf eine Schwangerschaft im Ver- gleich zur Spontankonzeption geboten werden [6]. EsgibteinegrosseVariabilitätzwischen den Zyklen im perimenopausalen Über- gang, sodass die Chancen im nächsten Zyklus wieder anders aussehen könnten [3]. JedochmussdemPaaroffenkommuni- ziertwerden,dassdieChancenpersesub- optimal sind, um unnötige Enttäuschun- genaufgrundfalscherErwartungenzuver- hindern. Möglicherweise findet eine vor- zeitigeOvulationstatt,eskannkeineOozy- te gefunden werden oder es erfolgt keine Befruchtung. Oftschätzen Kinderwunsch- paaredenVersucheinerBehandlung,auch wenn er nicht zum gewünschten Erfolg führt,daihnen diesaufdemWeg derVer- arbeitung und Akzeptanz der Erkrankung helfenkannundsienachdemAusschöpfen der Möglichkeiten der Reproduktionsme- dizin über Alternativen nachdenken kön- nen. Die besten Chancen auf eine Schwan- gerschaft und auch ein Kind werden den Patientinnen mit POI durch die Eizell- spende geboten, welche in der Schweiz nicht erlaubt ist. Dabei werden einer jungen Spenderin nach ovarieller Stimu- lationOozytendurcheineFollikelpunktion entnommen und mit den Spermien des Partners der Empfängerin fertilisiert. An- schliessend erfolgt der Embryotransfer m e i s tn a c hk ü n s t l i c h e mA u f b a ud e sE n - dometriumsderEmpfängerinmitÖstroge- nen und anschliessender Transformation durch Gestagene. Die Eizellspende ist in der Schweiz gesetzlich verboten, wes- halb betroffene Paare das Ausland für die Behandlung aufsuchen. DurchdierechtlicheSituationbefinden sichvielePaareimDilemmazwischenKin- derwunsch, Gesetz undethischen Überle- gungen. Schwangerschaften bei Patientinnen mit POI nach Eizellspende gelten als Hochrisikoschwangerschaften und sollten 134 JournalfürGynäkologischeEndokrinologie/Schweiz3·2023 in einer speziellen pränatalmedizinischen Abteilung betreut werden. Vor Eintre- ten einer Schwangerschaft sollte die Ursachendiagnostik der POI abgeschlos- sensein,umeventuelleAuswirkungenauf die Schwangerschaft besser behandeln zu können. DieprämatureOvarialinsuffizienzistei- ne vielschichtige Erkrankung und hat vie- lerlei Auswirkungen auf die Patientinnen, deshalb ist es wichtig, sie langjährig zu begleiten. Fallbericht Vorstellung der 19-jährigen Patientin im Beisein der Mutter wegen sehr unregel- mässiger Menstruationszyklen. Anamnes- tischwardieMenarcheimAltervon11Jah- ren und es fand eine reguläre Pubertäts- entwicklung statt. Auffällig war, dass die M u t t e rm i t3 2J a h r e na nd e rp r ä m a t u - ren Ovarialinsuffizienz erkrankte, weshalb sie auch sehr beunruhigt war. Sonogra- phisch zeigte sich ein kleiner Uterus, so- wie im Ovar rechts nur ein Antralfolli- kel.DerfrühzyklischeHormonstatuszeigte wiederholtdieSituationeineshypergona- dotropen Hypogonadismus: FSH 38,0IU/l, E2 46,8pmol/l. Daraufhin wurde die POI-Diagnostik vorgenommen. Eserfolgte derAusschluss einer Hashimoto-Autoimmunthyreoiditis und eines Morbus Addison. Des Weiteren erfolgte die genetische Testung auf Auffälligkeiten im Karyotyp und eineFMR1-Prämutation. Im Ergebnis zeigtesicheinunauffälligerweiblicherKa- ryotyp,46,XX,unddassdiePatientinTräge- rinfüreinNormalallelmit30CGG-Repeats undfüreinverlängertesAllelmit108CGG- RepeatsimFMR1-Gen(→Prämutation)ist. ImVerlauferfolgteauchdieAbklärungder Schwester,welcheleiderauchbetroffenist. BeiderPatientinerfolgteeineKnochen- dichtemessung mit dem Ergebnis einer normalen Dichte. Ihr wurden ausreichend Kalzium und Vitamin D, Bewegung und Normalgewichtempfohlen.Diehormonel- le Therapie zur Östrogensubstitution er- folgte mit der Pille 30µg Ethinylestradiol und Levonorgestrel. Korrespondenzadresse P DD r .m e d .A l e x a n d r aK o h lS c h w a r t z Reproduktionsmedizinundgynäkologische Endokrinologie,LuzernerKantonsspital Spitalstrasse,6000Luzern16,Schweiz [email protected] Funding. OpenaccessfundingprovidedbyUniver- sityofBern EinhaltungethischerRichtlinien Interessenkonflikt. C.WachterundA.KohlSchwartz gebenan,dasskeinInteressenkonfliktbesteht. FürdiesenBeitragwurdenvondenAutor/-innen keineStudienanMenschenoderTierendurchgeführt. FürdieaufgeführtenStudiengeltendiejeweilsdort angegebenenethischenRichtlinien. OpenAccess. DieserArtikelwirdunterderCreative CommonsNamensnennung4.0InternationalLizenz veröffentlicht,welchedieNutzung,Vervielfältigung, Bearbeitung,VerbreitungundWiedergabeinjegli- chemMediumundFormaterlaubt,sofernSieden/die ursprünglichenAutor(en)unddieQuelleordnungsge- mäßnennen,einenLinkzurCreativeCommonsLizenz beifügenundangeben,obÄnderungenvorgenom- menwurden. 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Aucoursdel’évolutionpar lasuite, lespatientes souffrent deplusenplusdeseffets àlongterme dudéficitœstrogéniquesurlasantécardio- vasculaire,cognitiveetosseuse.Ilestd’autant plusimportantquecette maladiesoit diagnostiquéetôtetquelespatientesreçoiventuntraitementadéquat. Mots clés Insuffisanceovarienneprématurée·Désird’enfant·Traitementhormonalsubstitutif·Caryotype· Dond’ovule

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