Die prämature Ovarialinsuffizienz
article
OA: hybrid
CC0
Abstract
Zusammenfassung Die prämature Ovarialinsuffizienz (POI) bedeutet für die Patientin einen frühzeitigen Verlust der ovariellen Funktion mit den kurz- und langfristigen Folgen des Östrogenmangels sowie niedrigen Schwangerschaftschancen. Mit einer Prävalenz von 1 % tritt dieses Krankheitsbild selten auf, hat jedoch fatale Auswirkungen für die Betroffenen. Oft stellt sich anfangs die Erkenntnis um die schwierige Situation bezüglich des Kinderwunschs als sehr belastend dar. Im Verlauf haben die Patientinnen dann zunehmend mit den Langzeitfolgen des Östrogenmangels für die kardiovaskuläre, kognitive sowie Knochengesundheit zu kämpfen. Umso wichtiger ist es, die Erkrankung frühzeitig zu diagnostizieren und die Patientinnen adäquat zu behandeln.
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GynäkologischeEndokrinologie
J.Gynäkol.Endokrinol.CH2023·26:131–136
https://doi.org/10.1007/s41975-023-00294-y
Angenommen:26.April2023
Onlinepubliziert:17.August2023
©Der/dieAutor(en)2023
DieprämatureOvarialinsuffizienz
Was,wennderletzteEisprungvielzufrühstattfindet?
ChristianeAnthon1 ·AlexandraKohlSchwartz 1,2
1 ReproduktionsmedizinundgynäkologischeEndokrinologie,LuzernerKantonsspital,Luzern16,Schweiz
2 UniversitätBern,Bern,Schweiz
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Zusammenfassung
DieprämatureOvarialinsuffizienz (POI)bedeutet fürdiePatientin einen frühzeitigen
Verlust der ovariellen Funktion mit den kurz- und langfristigen Folgen des
Östrogenmangels sowie niedrigen Schwangerschaftschancen. Miteiner Prävalenz
von1%trittdiesesKrankheitsbildseltenauf,hatjedochfataleAuswirkungen fürdie
Betroffenen.OftstelltsichanfangsdieErkenntnisumdieschwierigeSituationbezüglich
desKinderwunschsalssehrbelastend dar.ImVerlaufhaben diePatientinnen dann
zunehmend mitden Langzeitfolgen desÖstrogenmangels fürdie kardiovaskuläre,
kognitivesowieKnochengesundheitzukämpfen.Umsowichtigeristes,dieErkrankung
frühzeitigzudiagnostizieren unddiePatientinnen adäquatzubehandeln.
Schlüsselwörter
Eizellreserve·Kinderwunsch·Hormonersatztherapie·Karyotyp·Eizellspende
DefinitionundUrsachen
Die prämature Ovarialinsuffizienz (POI) ist
definiertalsderVerlustderovariellenFunk-
tion vor dem 40. Lebensjahr. Im Vergleich
liegt das mittlere Menopausenalter bei
51 Jahren.
Die Prävalenz liegt bei circa 1% in der
Bevölkerung. In der Altersgruppe unter
30JahrenliegtdiePrävalenzbei0,1%[ 4].In
der Kinderwunschsprechstunde sind die-
se Frauen aufgrund der Sterilität häufiger
anzutreffen.
VerschiedeneMechanismensindfürdie
prämatureOvarialinsuffizienz verantwort-
lich:einevorzeitigeErschöpfungderEizell-
reserve,eineverstärkteFollikelatresie,eine
erhöhte Aktivierung der Primordialfollikel
unddieVerhinderungd esEisprungsdurch
die Beeinträchtigung der Follikulogenese.
Ursächlich kommen chromosomale
Auffälligkeiten, immunologische oder
idiopathische Ursachen, z.B. Folgen einer
Karzinomerkrankung mit Chemotherapie
oder Radiatio, infrage.
Beicirca10–12%derprämaturenOva-
rialinsuffizienzen liegt einegenetische Ur-
sachezugrunde.Meististdieseinestruktu-
relleodernumerische Störung im X-Chro-
mosom,zumBeispieldasTurner-Syndrom.
DieFragiles-X-PrämutationhateinePräva-
lenz von 0,8 bis 7,5% unter den Frauen
mit POI. Diese X-chromosomal dominant
vererbte Mutation auf dem langen Arm
des X-Chromosoms bringt bei vollständi-
ger Mutation ein Risiko für eine geistige
Behinderungmitsich;beiderPrämutation
besteht ein Risiko für eine POI (13–26%)
oderbeimännlichenNachkommeneinRi-
sikoeinermentalenRetardierung.Dabeiist
auf genetischer Ebene bei der vollständi-
gen Mutation das Aminosäuretriplett aus
Cystein, Guanin, Guanin (CGG) über 200-
mal wiederholt, bei der Prämutation lie-
gen die Wiederholungen nur in einem
Bereich von 55 bis 200. Pathophysiologi-
scheUrsacheistwahrscheinlicheineToxizi-
tätderüberexprimierten FMR1-mRNA.Zu
den weiteren genetischen Ursachen zäh-
len auch Störungen der Geschlechtsent-
wicklung mit dem Nachweis von Y-chro-
mosomalerDNA.Zudemwerdenfamiliäre
HäufungenbeschriebenohneNachweisei-
nerbisherbekanntenspezifischenGenmu-
tation.In5%derFälleliegteineautoimmu-
nologische Ätiologie vor; das polyglandu-
läreAutoimmunsyndrom. Dabeibewirken
Autoantikörper gegen das Ovar eine De-
JournalfürGynäkologischeEndokrinologie/Schweiz3·2023 131
GynäkologischeEndokrinologie
Infobox1
Ursachenabklärung bei gesicherter
Diagnose
– Karyotyp
– AusschlusseinerFragiles-X-Prämutation
– Bestimmungvon Anti-21-Hydroxylase-
Antikörpern
– BestimmungderAnti-TPO-Antikörper
struktiondesFollikelpools.Gehäufttreten
zusätzlich Autoantikörper gegen die Ne-
bennierenrinde als Morbus Addison oder
die Schilddrüse in Form einer Hashimoto-
Autoimmunthyreopathie auf.
IatrogeneUrsachenfüreineprämature
OvarialinsuffizienzsinddieradikaleSanie-
rung einer Endometriose vor allem bei
Endometriomen mit Destruktion des Re-
stovars [5] oder die Ovarektomie im Rah-
men von unterschiedlichen Grunderkran-
kungenwiezumBeispieleinemOvarialkar-
zinom oder Tuboovarialabszess. Auch ei-
ne gewisse Assoziation mit dem Lifestyle
kannbeobachtetwerdenUntergewichtist
durchUnter-/Fehlernährung oderexzessi-
ven Sport mit POI assoziiert. Raucherin-
nen kommen durchschnittlich zwei Jah-
re früher in die Menopause durch Min-
derperfusion sowie den toxischen Effekt
v o nZ i g a r e t t e n r a u c hd u r c hp o l y z y k l i s c h e
aromatischeHydrocarbone.Umwelttoxine
wie Kunststoffweichmacher, Phthalate in
Haarspray und Nagellack oder Pestizide
könneneineAuswirkungaufdieHormon-
aktivität haben und in der Folge zu einer
Störung der Follikelreifung führen. Um-
weltgifte können auch auf Ebene der epi-
genetischen Modifikation eine Verände-
rung der Methylierung der DNA bewirken
und so die Ovarfunktion und Keimzellen
beeinflussen [7].
Die Ursachen sind vielfältig und in
85–90% kann keine Ursache gefunden
werden,dannwirdvonderidiopathischen
POI gesprochen [1].
DiagnostikundKlinik
Zu den Diagnosekriterien zählen niedri-
ges Östradiol und erhöhte Gonadotropin-
level entsprechend einem hypergonado-
tropenHypogonadismusnachWHOIII.Im
Konkreten muss das follikelstimulierende
Hormon (FSH) laborchemisch zweimalig
im Abstand von 4 Wochen >25IU/l lie-
genzusammenmiteinerZyklusstörungin
Form einer Amenorrhö oder Oligomenor-
rhöübermindestens4Monate[ 1].DasAn-
ti-Müller-Hormon(AMH)istinderDiagnos-
tikderprämaturenOvarialinsuffizienzwe-
nighilfreich.EswirdindenGranulosazellen
der Primär- und Sekundärfollikel produ-
ziertundfälltbereits circa 5Jahre vorEin-
tritt der Menopause unter die Nachweis-
grenze.BeiregelmässigenZyklenkanndie
Fertilität weiterhin erhalten sein. Bei Ver-
dacht auf eine prämature Ovarialinsuffizi-
enzsollteeinedezidierteAnamneseerfol-
gen.DiegenaueZyklusanamnese,dasMe-
nopausenalter der Mutter oder eine Che-
mo- oder Radiotherapie in der Kindheit
können hinweisend sein. Eine gonadoto-
xischeChemotherapiemitz.B.Alkylanzien
oder eine Bestrahlung im kleinen Becken
oder des ZNS mit Schaden an den Ovari-
en oder der Hypothalamus-Hypophysen-
Achse kann eine POI verursachen.
AndieserStellesollalskurzerExkursauf
dieWichtigkeitdesFertilitätserhaltsvorei-
ner Chemotherapie, Radiatio oder Opera-
tionamOvareingegangenwerden:Esgibt
die Optionen der Kryokonservierung von
Oozyten, Ovargewebe oder der Suppres-
sionderOvarfunktionmittelseinesGnRH-
Agonisten, um die Chancen auf Erfüllung
des Kinderwunschs nach Behandlung der
Erkrankung zu erhöhen.
ImRahmenderDiagnostikwirdleitlini-
engerecht [1]empfohlen,eineChromoso-
menanalyse,denAusschlusseinerFragiles-
X-PrämutationunddieBeurteilungdesen-
dokrinenSystemsdurchAbnahmeder21-
Hydroxylase-Autoantikörper bzw. Thyreo-
peroxidaseantikörper zum Ausschluss ei-
nesMorbusAddisonodereinerimmunolo-
gischen Schilddrüsendysfunktion, welche
mit einer endokrinen POI vergesellschaf-
tet sein könnten, vorzunehmen [1]. Vor
Bestimmung des Karyotyps und der Fra-
giles-X-Prämutation wird empfohlen, ei-
ne Kostengutsprache bei der Krankenkas-
se zu stellen, da die Kostenübernahme
sonst nicht geklärt ist. Im Falle positiver
21-Hydroxylase-Antikörper würde die Zu-
weisung zur internistischen Endokrinolo-
giemitderBitteumMitbeurteilung,obein
MorbusAddisonvorliegt,erfolgen.Beipo-
s i t i v e nT P O - A n t i k ö r p e r nw ü r d em a nj ä h r -
liche Kontrollen des TSH-Werts empfeh-
len, um bei manifester Schilddrüsener-
krankungtherapeutischeinwirkenzukön-
nen.
Klinisch zeigt sich das Bildeiner Östro-
genmangelsituation mit den typischen
menopausalen Beschwerden wie Zyklus-
störungen, V.a. Amenorrhö, Oligome-
norrhö, Hitzewallungen, Schlafstörungen,
Stimmungsschwankungen, Konzentrati-
onsstörungen, Libidoverlust, vaginaler
Atrophie, rezidivierenden Harnwegsinfek-
ten sowie deren Langzeitfolgen auf die
kardiovaskuläre, kognitive und Knochen-
gesundheit. Unerfüllter Kinderwunsch
z ä h l tz ue i n e md e rH a u p t s y m p t o m e .D i e
spontane Schwangerschaftsrate der prä-
maturen Ovarialinsuffizienz aufgrund der
Restovarfunktion ist mit circa 5% sehr
niedrig.
Es gibt keine Therapieansätze, die ei-
nebewieseneVerbesserungderovariellen
Aktivität, Ovulationsrate oder natürlichen
Konzeptionsrate bewirken können [1].
Sowohl die Diagnose an sich als auch
dieErkenntnis, welcheAuswirkungen die-
se auf die Familienplanung hat, ist psy-
chisch sehr belastend für die Patientin-
nen. Zusätzlich verursacht die Östrogen-
mangelsituation eine gewisse Vulnerabili-
tät für depressive Verstimmungen.
Frauen mit Menstruationsstörungen
sollten deshalb auch nach derartigen
Symptomen gefragt werden [ 1]. Die
Beschwerden können auch nur inter-
mittierend auftreten, entsprechend den
Schwankungen derovariellen Aktivität im
perimenopausalen Übergang [1].
Die Langzeitfolgen des Östrogenman-
gelssindnichtzuunterschätzen. Ineinem
Follow-up der kardiovaskulären Gesund-
heit von Frauen mit POI zeigte sich eine
signifikant erhöhte kardiovaskuläre Mor-
talität, wenn keine Hormonersatztherapie
angewandt wurde [11]. Die Folgen des
ÖstrogenmangelsfürdieKnochengesund-
heit sind fatal. Der Östrogenmangel führt
zu einer geringeren Knochendichte. Dem
liegt der vermehrte Knochenabbau durch
denWegfallderhemmendenWirkungvon
Östradiol auf die Osteoklasten zugrunde.
Damit steigt das Risiko für Frakturen. Als
weitere Risikofaktoren für Frakturen sind
Vitamin-D- und Kalziummangel, Unterge-
wichtunter55kg,Bewegungsmangel und
Nikotinabusus zu sehen [19].
Des Weiteren bewirkt der Östrogen-
mangel eine Beeinträchtigung der neu-
rologischen Gesundheit, es liess sich auch
ein höheres Risiko für eine Demenz oder
132 JournalfürGynäkologischeEndokrinologie/Schweiz3·2023
Infobox2
Merkpunkte
– Bei menopausalenBeschwerdenund
Zyklusstörungen an die prämature
Ovarialinsuffizienzdenken(Hormonstatus
bestimmen:FSH,E2)
– DiagnostikgemässLeitliniedurchführen
oder dafür ans spezialisierteZentrum
überweisen
– Hormonersatztherapie(Therapieeines
Mangelzustands)soll biszum physio-
logischenMenopausenalterempfohlen
werden
BegleitungderPatientin
– Psyche:regelmässigesScreening auf
Stimmungsstörungen;Östrogentherapie
kann positive Auswirkungenauf die
Stimmunghaben
– Sexuelle Gesundheit: regelmässiges
Screening auf sexuelleDysfunktion;
BehandlungvonvulvovaginalerAtrophie
mit systemischerund/oder lokaler
ÖstrogentherapieoderLasertherapie
– Kardiovaskuläre Gesundheit:ausgewo-
geneErnährung,Bewegung,Nikotinstopp,
Überwachungder kardiovaskulären
Risiken
– Knochengesundheit: ausgewogene
Ernährung, Bewegung, Zufuhr von
KalziumundVitaminD
– Kinderwunsch:
jWenndasVollbildderPOInochnicht
erreicht ist,Behandlungsoptionen
mitniedrigen Chancenindividuell
besprechen(z.B.:IVF-Naturelle
®)
j5%spontane Schwangerschaften,
EizellspendebietetguteChancenauf
Verwirklichungdes Kinderwunschs
(TherapieimAuslandnotwendig)
jBehandlungsversuche können im
RahmendespsychologischenProzesses
helfen,dieErkrankungzuakzeptieren
kognitive Beeinträchtigung im Alter fest-
stellen [10].
Therapie
DieTherapiederprämaturenOvarialinsuf-
fizienzbestehtinderprophylaktischensys-
temischen Hormonersatztherapie (HRT)
bis zum physiologischen Menopausenal-
ter von 51Jahren. Hierbei ist die Therapie
nichtalsBehandlungvonSymptomenwie
in der Menopause zu sehen, sondern als
Ausgleich einer unphysiologischen Man-
gelsituation. Eswerden jedoch äquivalent
zur Hormonersatztherapie der Menopau-
se Östradiol und Progesteron angewandt.
Ziel ist, einen gleichwertigen Östradiol-
spiegel wie bei einer regelmässig men-
struierenden Frau mit durchschnittlich
180–370pmol/l zu erreichen. Dies kann
sowohldurcheinetransdermaleoderora-
le Hormonersatztherapie, alternativ auch
eine kombinierte Pille erreicht werden.
Von der Dosierung wird der gewünschte
Spiegel durch 75–100μg transdermal in
FormeinesöstradiolhaltigenPflastersoder
durch2mgÖstradiolgelerreicht.Oralwür-
de man 2–4mg Östradiol verabreichen.
Der transdermale Weg hat den Vorteil,
dass er ein niedrigeres Thromboserisiko
hat. Östradiol scheint einen günstigeren
Einfluss auf das kardiovaskuläre System
unddieKnochengesundheit zuhaben[ 1].
Entscheidet man sich für die Pille, welche
im Vergleich zur HRT der Menopause
einen sicheren Verhütungsschutz bietet
und für eine junge Frau weniger stig-
matisierend ist, so sollte eine Dosierung
von mindestens 30μg Ethinylöstradiol,
gegebenenfalls im Langzyklus im Falle
von starken Symptomen in der Pillen-
pause, gewählt werden [1]. Mit der Pille
Qlaira (Östradiolvalerat und Dienogest)
scheint eine Option zur Verfügung zu
stehen, die die Vorteile einer Pille mit de-
nen des bioidentischen Östradiolvalerats
kombiniert.
Es ist essenziell, dass bei der Hormon-
ersatztherapie auch an die Endometrium-
protektiongedachtwird.Hierzueignetsich
ein bioidentisches, mikronisiertes Proges-
teron oder ein synthetisches Gestagen in
Transformationsdosis;zuBeginn des peri-
menopausalen Übergangs zyklisch, dann
im Verlauf kontinuierlich.
Bezüglich des kardiovaskulären Risikos
[14] und des Risikos für ein Mammakar-
zinom [16] scheint die transdermale Ap-
p l i k a t i o ni nK o m b i n a t i o nm i tv a g i n a l e m
mikronisiertem Progesteron sehr günstig
zu sein, z.B. Estradot TTS 75μg/Wechsel
2×/Woche mit kontinuierlich Utrogestan
200mg täglich oral.
Möchte die Patientin die Möglichkeit
einer Spontankonzeption weiterhin nut-
zen, sollten Gestagene, die keine Ovu-
lationshemmung verursachen, bevorzugt
werden, sowie sequenzielle Präparate, die
ein östrogenfreies Intervallhaben, umdie
ovarielleRückkopplungaufdieHypophyse
möglichst gering zu halten [1, 2].
Wichtig istauch zu bedenken, dassdie
systemische HRT oft keine Wirkung auf
die vaginale Atrophie hat und bei dieser
Symptomatik zusätzlich lokales Östrogen
angewandtwerdensoll.Hierwirdz.B.eine
östriolhaltige Salbe für 1–2 Wochen täg-
lich und dann in Erhaltungsdosis 1–3×/
Wocheempfohlen.Wichtig ist,derPatien-
tinzuerläutern, dassessichumeineDau-
ertherapie handelt. Zusätzlich kann auch
mit Lasertherapie ein guter Erfolg bei va-
ginaler Atrophie erzielt werden.
Bei einer Amenorrhö, die länger als
6 Monate besteht, ist eine Knochendich-
temessung (DXA) indiziert. Bezüglich der
Knochengesundheit sind neben der Hor-
monersatztherapie noch eine kalziumrei-
che Ernährung bestehend aus kalziumrei-
chem Mineralwasser, Käse, Milch,Nüssen,
Kräutern und Gemüse sowie die Substitu-
tion von Kalzium 1000mg und Vitamin D
800–1000IU/d,ambesteninderKombina-
tionmitVitaminK,empfohlen.AuchSport,
v.a. Muskelaufbau, stellt einen wichtigen
Pfeiler in der Osteoporoseprävention dar
und sollte den Patientinnen empfohlen
werden.
Therapie bei POIundKinder-
wunsch
Der Übergang in die postmenopausale
Situation ist als Kontinuum zu verstehen.
Deshalb trifft man in der Kinderwunsch-
sprechstunde gehäuft Patientinnen an,
welche die Diagnosekriterien der prä-
maturen Ovarialinsuffizienz erfüllen und
intermittierend noch Zyklen mit Folli-
kelreifung durchlaufen oder eine stark
reduzierteovarielleReserveentsprechend
einem hypergonadotropen Hypogona-
dismus aufweisen, ohne sich bereits für
die Diagnose der prämaturen Ovarialin-
suffizienz zu qualifizieren. Ovulationen
treten bei kürzerer Dauer der Amenorrhö
von unter 3 Monaten noch häufiger auf
[1]. Solange noch Ovulationen auftreten,
besteht eine geringe Chance auf eine
Schwangerschaft.
Als individuelle Therapieansätze mit
d e mW i s s e nu md i en i e d r i g e nS c h w a n -
gerschaftschancen können zum Beispiel
eine FSH-Suppression durch eine Vor-
behandlung mit Östrogenen oder eine
In-vitro-Fertilisation (IVF) im natürlichen
Zyklus bei noch sporadisch erfolgender
Follikelreifung versucht werden.
Aufgrund erhöhter FSH-Level bei er-
schöpfter ovarieller Reserve ist eine kon-
JournalfürGynäkologischeEndokrinologie/Schweiz3·2023 133
GynäkologischeEndokrinologie
Abb. 1 8AblaufderIVF-Naturelle ®.(MitfreundlicherGenehmigungaus[ 13],©2023IVF-Naturelle ®
Kompetenznetz.DieseAbbildungfälltnichtunterdieCreativeCommonsCCBY-LizenzdieserPublika-
tion.)
ventionelle Stimulation oft nicht erfolgs-
versprechend,dadieHypophysedurchver-
mehrteAusschüttungvonFSHbereitsver-
sucht,dieOvarienzustimulieren,dieseje-
doch aufgrund des geringen Follikelpools
und der beeinträchtigten Follikulogenese
nicht mehr reagieren können.
FürdieSchwangerschaftschancenistje-
doch die Eizellqualität und erst sekundär
die Eizellanzahl entscheidend, denn jün-
gereFrauenmithöheremFSHhabenden-
noch bessere Chancen auf eine Schwan-
gerschaft als Frauen über 40 Jahre mit
niedrigerem FSH [8].
Ein Therapieansatz ist die Vorbehand-
lung mit Sexualsteroiden, im Besonderen
Östradiol. Es kann zum Beispiel orales Ös-
tradiol(täglich4g)imVorzyklusoderluteal
verabreicht werden, nach Evaluation und
AufklärungüberdasThromboserisiko[ 18].
In der Annahme, dass dadurch die FSH-
Ausschüttung aus der Hypophyse durch
negative Rückkopplung supprimiert wird
und die Ovarien anschliessend empfindli-
cher auf endogenes oder auch exogenes
FSHreagieren.SomitsollendieletztenFol-
likelreserven rekrutiert werden. Einweite-
rer Effekt der Vorbehandlung mit Östro-
gen ist, dass die Follikulogenese synchro-
nisiertwirdundeinvorzeitigerLH-Anstieg
möglichstverhindertwerdenkann[ 9].Bei
PatientinnenmiterschöpfterovariellerRe-
servetretengehäuftOvulationsstörungen
durch frühzeitige Follikelrekrutierung und
einen frühzeitigen LH-Anstieg auf.
Ist die ovarielleReserve fasterloschen,
kanndurcheineGonadotropinstimulation
kein multifollikuläres Wachstum mehr er-
zieltwerden.DamitbleibtalseinzigeOpti-
ondasMonitoringdesnatürlichenZyklus.
Finden noch Menstruationen statt, kann
denPaareneinZyklusmonitoringangebo-
ten werden. Im Falle einer Follikelreifung
kanneineBehandlungmittelsIn-vitro-Fer-
tilisation im natürlichen Zyklus im Sinne
einer IVF-Naturelle® angeboten werden
[13]( .Abb.1).
Bei der sogenannten IVF-Naturelle®,
welcheeineSonderformderIn-vitro-Ferti-
lisationdarstellt,wirdweitgehendaufeine
Hormonstimulation verzichtet.
HierbeiwirddereineimnatürlichenZy-
klus wachsende Follikel meist ohne Nar-
kose abpunktiert und die Oozyte fertili-
siert. Kommt es zur Befruchtung, erfolgt
anschliessend ein Embryotransfer.
EinhäufigauftretendesProblemindie-
sem Patientenkollektiv ist die vorzeitige
Ovulation durch frühzeitigen LH-Anstieg,
manchmal auch bei noch kleinem Folli-
kel.DieModifikationmitClomifen25mg/d
ab dem 7. Zyklustag [15]o d e rd i eG a b e
von nichtsteroidalen Antiphlogistika, z.B.
Ibuprofen, ab einer Leitfollikelgrösse von
>14mmkanndieWahrscheinlichkeiteiner
vorzeitigenOvulationminimieren[ 12,17],
ohnegrosseNebenwirkungen zu verursa-
chen.DurchdieAnwendungvonClomifen
wird die Anzahl vorzeitiger Ovulationen
reduziert und somit ist häufiger ein Em-
bryotransfer möglich [15]. Die Gabe von
nichtsteroidalen Antiphlogistika wie Ibu-
profen hat keinen negativen Einfluss auf
die Reife der Eizellen, die Implantations-
rate oder die Embryoqualität [17].
Bei Patientinnen mit beginnender POI
sind die Chancen auf eine Schwanger-
schaft gering. Im Falle einer Eizellgewin-
nung kann damit jedoch eine bessere
Chance auf eine Schwangerschaft im Ver-
gleich zur Spontankonzeption geboten
werden [6].
EsgibteinegrosseVariabilitätzwischen
den Zyklen im perimenopausalen Über-
gang, sodass die Chancen im nächsten
Zyklus wieder anders aussehen könnten
[3].
JedochmussdemPaaroffenkommuni-
ziertwerden,dassdieChancenpersesub-
optimal sind, um unnötige Enttäuschun-
genaufgrundfalscherErwartungenzuver-
hindern. Möglicherweise findet eine vor-
zeitigeOvulationstatt,eskannkeineOozy-
te gefunden werden oder es erfolgt keine
Befruchtung. Oftschätzen Kinderwunsch-
paaredenVersucheinerBehandlung,auch
wenn er nicht zum gewünschten Erfolg
führt,daihnen diesaufdemWeg derVer-
arbeitung und Akzeptanz der Erkrankung
helfenkannundsienachdemAusschöpfen
der Möglichkeiten der Reproduktionsme-
dizin über Alternativen nachdenken kön-
nen.
Die besten Chancen auf eine Schwan-
gerschaft und auch ein Kind werden den
Patientinnen mit POI durch die Eizell-
spende geboten, welche in der Schweiz
nicht erlaubt ist. Dabei werden einer
jungen Spenderin nach ovarieller Stimu-
lationOozytendurcheineFollikelpunktion
entnommen und mit den Spermien des
Partners der Empfängerin fertilisiert. An-
schliessend erfolgt der Embryotransfer
m e i s tn a c hk ü n s t l i c h e mA u f b a ud e sE n -
dometriumsderEmpfängerinmitÖstroge-
nen und anschliessender Transformation
durch Gestagene. Die Eizellspende ist in
der Schweiz gesetzlich verboten, wes-
halb betroffene Paare das Ausland für die
Behandlung aufsuchen.
DurchdierechtlicheSituationbefinden
sichvielePaareimDilemmazwischenKin-
derwunsch, Gesetz undethischen Überle-
gungen.
Schwangerschaften bei Patientinnen
mit POI nach Eizellspende gelten als
Hochrisikoschwangerschaften und sollten
134 JournalfürGynäkologischeEndokrinologie/Schweiz3·2023
in einer speziellen pränatalmedizinischen
Abteilung betreut werden. Vor Eintre-
ten einer Schwangerschaft sollte die
Ursachendiagnostik der POI abgeschlos-
sensein,umeventuelleAuswirkungenauf
die Schwangerschaft besser behandeln
zu können.
DieprämatureOvarialinsuffizienzistei-
ne vielschichtige Erkrankung und hat vie-
lerlei Auswirkungen auf die Patientinnen,
deshalb ist es wichtig, sie langjährig zu
begleiten.
Fallbericht
Vorstellung der 19-jährigen Patientin im
Beisein der Mutter wegen sehr unregel-
mässiger Menstruationszyklen. Anamnes-
tischwardieMenarcheimAltervon11Jah-
ren und es fand eine reguläre Pubertäts-
entwicklung statt. Auffällig war, dass die
M u t t e rm i t3 2J a h r e na nd e rp r ä m a t u -
ren Ovarialinsuffizienz erkrankte, weshalb
sie auch sehr beunruhigt war. Sonogra-
phisch zeigte sich ein kleiner Uterus, so-
wie im Ovar rechts nur ein Antralfolli-
kel.DerfrühzyklischeHormonstatuszeigte
wiederholtdieSituationeineshypergona-
dotropen Hypogonadismus: FSH 38,0IU/l,
E2 46,8pmol/l.
Daraufhin wurde die POI-Diagnostik
vorgenommen. Eserfolgte derAusschluss
einer Hashimoto-Autoimmunthyreoiditis
und eines Morbus Addison.
Des Weiteren erfolgte die genetische
Testung auf Auffälligkeiten im Karyotyp
und eineFMR1-Prämutation. Im Ergebnis
zeigtesicheinunauffälligerweiblicherKa-
ryotyp,46,XX,unddassdiePatientinTräge-
rinfüreinNormalallelmit30CGG-Repeats
undfüreinverlängertesAllelmit108CGG-
RepeatsimFMR1-Gen(→Prämutation)ist.
ImVerlauferfolgteauchdieAbklärungder
Schwester,welcheleiderauchbetroffenist.
BeiderPatientinerfolgteeineKnochen-
dichtemessung mit dem Ergebnis einer
normalen Dichte. Ihr wurden ausreichend
Kalzium und Vitamin D, Bewegung und
Normalgewichtempfohlen.Diehormonel-
le Therapie zur Östrogensubstitution er-
folgte mit der Pille 30µg Ethinylestradiol
und Levonorgestrel.
Korrespondenzadresse
P DD r .m e d .A l e x a n d r aK o h lS c h w a r t z
Reproduktionsmedizinundgynäkologische
Endokrinologie,LuzernerKantonsspital
Spitalstrasse,6000Luzern16,Schweiz
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licenses/by/4.0/deed.de.
Literatur
1. European Society for Human Reproduction and
Embryology (ESHRE) Guideline Group on POI,
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Hinweis des Verlags. DerVerlagbleibtinHinblick
aufgeografischeZuordnungenundGebietsbezeich-
nungeninveröffentlichtenKartenundInstituts-
adressenneutral.
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K
Résumé
L’InsuffisanceOvariennePrématurée.QueFairesilaDernièreOvulation
aLieuBeaucoupTropTôt?
L’insuffisanceovarienneprématurée(IOP)signifiepourlapatienteundéclinprématuré
dela fonctionovarienne, avec lesconséquences àcourtet à longterme dudéficit
œstrogéniqueetdemauvaiseschancesdegrossesse.Cettemaladieestrare,avecune
prévalencede1%,maiselleadegravesconséquencespourlespersonnesaffectées.
Audébut,laconfrontationavec lasituation difficileconcernant ledésird’enfant est
souventtrès mal vécue. Aucoursdel’évolutionpar lasuite, lespatientes souffrent
deplusenplusdeseffets àlongterme dudéficitœstrogéniquesurlasantécardio-
vasculaire,cognitiveetosseuse.Ilestd’autant plusimportantquecette maladiesoit
diagnostiquéetôtetquelespatientesreçoiventuntraitementadéquat.
Mots clés
Insuffisanceovarienneprématurée·Désird’enfant·Traitementhormonalsubstitutif·Caryotype·
Dond’ovule
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