{"paper_id":"e1537785-92a9-4c1d-bd0a-7ea9c28783ae","body_text":"Endokrinologie\nGynäkologische\nLeitthema\nGynäkologischeEndokrinologie2023·21:184–188\nhttps://doi.org/10.1007/s10304-023-00519-0\nAngenommen:14.Juli2023\nOnlinepubliziert:27.Juli2023\n©Der/dieAutor(en)2023\nRedaktion\nLudwigKiesel,Münster\nWolfgangKüpker,Baden-Baden\nRicardoFelberbaum,Kempten\nBrigitteLeeners,Zürich\nFertilität bei Endometriose\nMaikeKatjaSachs·BrigitteLeeners\nKlinikfürReproduktions-Endokrinologie,UniversitätsspitalZürich,Zürich,Schweiz\nIn diesem Beitrag\n– Multifaktorielle Auswirkungen der Endo-\nmetriose auf die Fertilität\n– Eizellqualität bei Endometriose\n– Einﬂuss einer Schwangerschaft auf Endo-\nmetriose\n– Endometriose und Frühschwangerschaft\n– Endometriose und Schwangerschaftsout-\ncome\n– Schwangerschaftschancen bei assistierter\nReproduktion\n– Steigerung der Fertilität mittels Operati-\non?\n– „Egg freezing“ bei Endometriose zum Fer-\ntilitätserhalt?\nQR-Codescannen&Beitragonlinelesen\nZusammenfassung\nHintergrund:DasVorliegen einerEndometriosegeht gehäuftmiteinemunerfüllten\nKinderwunsch einher. Hierbei wird von einem multifaktoriellen Einﬂuss der\nendometriosebedingten systemischen Entzündungsreaktion auf verschiedenen\nEbenen der Fertilität ausgegangen. Dem entgegenwirkend haben Techniken\nder assistierten Reproduktion („assisted reproductive techniques“ [ART]) eine\nentscheidendeBedeutungimRahmendesKinderwunschserlangt.\nZiel der Arbeit: Dieser Beitrag geht auf die multifaktoriellen Auswirkungen der\nEndometriose aufdie weibliche Fertilität ein. Unter anderem werden Schwanger-\nschaftsoutcomesbeiEndometriose,derErfolgderART,Operationsindikationen und\ndieMöglichkeiteines„eggfreezing“betrachtet.\nMaterial und Methoden: PubMed sowie die aktuellen Leitlinien der European\nSociety of Human Reproduction and Embryology(ESHRE) von 2022wurden für\ndie Literaturrecherche herangezogen. Es wurden Suchbegriﬀe zu Fertilität und\nEndometrioseverwendet. Hierbei wurdeninsbesondere neuere Metaanalysen und\nArbeitenausbekannten Fachzeitschriften miteinemhohenImpactFactorausgewählt.\nErgebnisse und Schlussfolgerung: Der Zusammenhang zwischen Endometriose\nund Subfertilität ist bekannt. Eine Anwendung von ART stellt eine sinnvolle und\nerfolgreiche Therapie derendometriosebedingten Fertilitätseinschränkungen dar.\nOperationsindikationen im Rahmen des Kinderwunschs bei Endometriose sind\nvorsichtigabzuwägen,eineVerbesserungderFertilitätistinAusnahmenmöglich.Liegt\nbereitsinjüngeremAltereinegeringe Eizellreservevor,sollteeineKryokonservierung\nvonEizellenerwogen werden. Eine Endometriosediagnose bedarf inAbhängigkeit\nvonLokalisationundAusdehnungderLäsioneneinerengmaschigen Überwachungin\nderSchwangerschaft. Grundhierfüristunter anderem eineerhöhteFrühabort-und\nFrühgeburtenrate.\nSchlüsselwörter\nIn-vitro-Fertilisation·IntrazytoplasmatischeSpermieninjektion·Fertilitätserhalt·Eizellkryokon-\nservierung·Risikoschwangerschaft\nDas Vorliegen einer Endometriose ist in\nder Reproduktionsmedizin von großer\nBedeutung. Es ist von einer Endometrio-\nseprävalenz zwischen 35 und 50 % bei\nFrauen mit unerfülltem Kinderwunsch\nauszugehen [12, 22, 25]. Die Assoziation\nvon Subfertilität und Endometriose wur-\nde im klinischen Kontext bereits umfas-\nsend beschrieben. Die genauen patho-\nphysiologischen Zusammenhänge sind\nnoch nicht abschließend geklärt, Studi-\nen weisen jedoch auf einen multifaktori-\nellen fertilitätsmindernden Prozess hin.\nAls Gegenmaßnahme sind Techniken\nder assistierten Reproduktion („assis-\nted reproductive techniques“ [ART]) von\nentscheidender Bedeutung [5].\n184 GynäkologischeEndokrinologie3·2023\n\nLeitthema\nMultifaktorielle Auswirkungen der\nEndometriose auf die Fertilität\nDie Endometriose ist eine inﬂammatori-\nscheSystemerkrankung mitunterschiedli-\nchemPhänotyp.Siekannüberverschiede-\nne pathophysiologische Mechanismen zu\neiner Beeinträchtigung der Fertilität füh-\nren. Passend zur Inﬂammation wurde ei-\nne Überproduktion embryotoxischer Zy-\ntokine beschrieben. Beispielsweise weist\ndieperitoneale Flüssigkeit vonFrauen mit\nDiagnose einer Endometriose und uner-\nfülltem Kinderwunsch signiﬁkant erhöh-\nte Konzentrationen des embryotoxischen\nproinﬂammatorischen Zytokins Interleu-\nkin-1β auf [2]. Die peritoneale Flüssigkeit,\ndieauchindieEileitereindringt,wirktsich\nzudem kompromittierend auf die Motili-\ntät und Überlebensdauer der Spermien\naus und führt so zu einem zusätzlichen\nfertilitätsmindernden Eﬀekt [21].\n» Passend zur Inﬂammation\nwurde eine Überproduktion\nembryotoxischer Zytokine\nbeschrieben\nDa das Endometrium im Zusammenhang\nmit einer Endometriose Veränderungen\naufweisen kann, wird auch eine optima-\nleRezeptivität infragegestellt,wobeieine\ninStudiennachgewieseneerhöhteAnzahl\nvon Makrophagen und dendritischen Zel-\nlen–wiederumQuellevonZytokinen–im\nEndometrium bei Endometriose als Ursa-\nchediskutiertwird[ 30].Füreineerfolgrei-\ncheImplantationdesEmbryossindsowohl\ndas korrekte Zusammenspiel von Östradi-\nol- und Progesteronsekretion als auch die\nProgesteronrezeptorexpression und Um-\nwandlung desEndometriums in der Lute-\nalphase wichtig. Liegt eine Endometriose\nvor,kann eszueiner Progesteronresistenz\ndes Endometriums kommen, unter ande-\nrem bedingt durch eine lokale Östrogen-\nproduktion [30]. Kürzlich konnte zudem\nein charakteristisches Metabolom in En-\ndometriumproben von Patientinnen mit\nEndometriosenachgewiesen werden[20].\nJe nach Lokalisation der Endometrio-\nseherde können zudem Einschränkungen\nder Tubenmotilität und Tubenfunktionali-\ntätsowieanatomischeVeränderungenvon\nTuben und Ovarien vorliegen. Beispiele\nsind Saktosalpinx, Hämatosalpinx, Hydro-\nsalpinx und „kissing ovaries“, als Extrem-\nform liegt ein „frozen pelvis“ vor. Obwohl\nretrospektive Analysen vermehrt ein- und\nbeidseitigeTubenverschlüssebeisubferti-\nlen Patientinnen mit Endometriose zeig-\nten, ist die Datenlage zur Inzidenz einer\ntubaren Endometriose derzeit stark limi-\ntiertundwirddementsprechendungenau\nauf 6,9–60% geschätzt [23]. Erschwerend\nkommthinzu,dassrASRM-Stadien( rASRM\nrevidierte Klassiﬁkation der American So-\nciety for Reproductive Medicine) nur be-\ndingt einen Rückschluss auf mechanische\nStörungen der Fertilität zulassen. Jedoch\nkorreliert das rASRM-Stadium mit einer\nsteigendenPrävalenzvonTubenverschlüs-\nsen [19]. Im Hinblick auf die Fertilität ist\nder Gebrauch der #Enzian-Klassiﬁkation\n[15] und des Endometriosis Fertility In-\ndex(EFI;[ 1])wesentlich aufschlussreicher.\nDer #Enzian-Score beschreibt die genaue\nLokalisationundGrößederEndometriose-\nherde. Beide Scores erlauben Rückschlüs-\nseaufbeispielsweisedieBeeinträchtigung\nderTuben-undFimbrienfunktion unddes\nOvars.IntraoperativwirddieFunktionalität\nder Tuben im Sinne von Durchgängigkeit,\nAdhäsionenundMotilitätbeurteilt[ 1,15].\n» Auswirkungen einer\nEndometrioseauf die Fertilität\nlassensichaufzahlreichenEbenen\nbeschreiben\nIn der Reproduktionsmedizin wird ne-\nben der Zahl antraler Follikel („antral\nfollicle count“ [AFC]) der Anti-Müller-\nHormon(AMH)-Wert bestimmt, um die\naktuelle Situation und die Eizellreserve\nzu beschreiben. Endometriomoperatio-\nnen können die Eizellreserve reduzieren\nund so zu signiﬁkant niedrigeren post-\noperativen AMH- und AFC-Werten sowie\nerhöhten Konzentrationen des follikelsti-\nmulierenden Hormons führen [26, 27].\nIn der Zusammenschau lassen sich al-\nso Auswirkungen einer Endometriose auf\nzahlreichenEbenenderFertilitätbeschrei-\nben.\nEizellqualität bei Endometriose\nObwohlnochnichtumfassendbelegt,wei-\nsen Ergebnisse aktueller Studien auf eine\nverminderte Eizellqualität bei Patientin-\nnen mit Endometriose hin. Eizellen von\nsubfertilen Patientinnen mit Endometrio-\nse zeigen im Vergleich zu einer Kontroll-\ngruppe vermehrte extrazytoplasmatische\nDefekte und auch die Embryonenqualität\nist reduziert [6].Zudem konnte man elek-\ntronenmikroskopisch vermehrte abnorme\nmitochondriale Strukturen in Eizellen von\nPatientinnen mit Endometriose nachwei-\nsen [29].\nFolgende indirekte Hinweise lassen\nebenfallsaufeine reduzierte Eizellqualität\nschließen: Bovine Eizellen in einer In-\nvitro-Maturation (IVM) mit Follikelﬂüssig-\nkeit von Patientinnen mit Endometriose\nzeigten einen höheren Anteil meiotischer\nVeränderungen sowie einen häuﬁgeren\nArrest in der Metaphase I im Vergleich\nzu einer IVM mit Follikelﬂüssigkeit einer\ngesunden Kontrollgruppe [8]. Es bleibt\nrein spekulativ, ob diese Ergebnisse auch\nin Zusammenhang mit einem veränder-\nten Transkriptom von Kumuluszellen bei\nPatientinnen mit Endometriose stehen\n[9].\nEinﬂuss einer Schwangerschaft auf\nEndometriose\nImmer wieder wird auch von Frauen-\nä r z t : i n n e ni nA u s s i c h tg e s t e l l t ,d a s se i -\nne Schwangerschaft den Verlauf einer\nEndometriose günstig beeinﬂusst. Eine\naktuelle Übersichtsarbeit fasst die vor-\nliegenden sehr inhomogenen Ergebnisse\nzusammen, die neben einer Regression\noder Stabilität auch eine Progression von\nEndometrioseherden in der Schwanger-\nschaft beschreiben [17]. Basierend auf\nden analysierten Studien kann insgesamt\nnicht von einer heilenden Wirkung einer\nSchwangerschaft ausgegangen werden.\nIn der klinischen Diﬀerenzialdiagnos-\ntik relevant ist aber sicherlich, dass sich\nEndometrioseherde in der Schwanger-\nschaft in bis zu 77% der Fälle durch\neine Dezidualisierung mit Inﬁltration von\nImmunzellen vergrößern und sonomor-\nphologisch malignen Befunden ähneln\nkönnen. Hierdurch können Endometrio-\nmeinderSchwangerschaftsonographisch\ndickwandig, inhomogen und mit papillä-\nrenVeränderungenerscheinensowieeine\nerhöhte Vaskularisation in der Doppler-\nuntersuchung aufweisen.\nGynäkologischeEndokrinologie3·2023 185\n\nLeitthema\nEndometriose und Früh-\nschwangerschaft\nZahlreiche Studien belegen eine klinische\nAssoziationvonFrühabortenmitdemVor-\nliegen einer Endometriose [24]. Das Risi-\nko eines Frühaborts wird in der Litera-\nturunterschiedlich beziﬀert, beispielswei-\nseineineraktuellenMetaanalysemiteiner\nOddsRatio(OR)von1,30(Konﬁdenzinter-\nvall 1,25–1,35; [14]). Dieselbe Studie gibt\nsogareineORvon3,40(Konﬁdenzintervall\n1,41–8,65) für Aborte bei Vorliegen einer\nAdenomyose an, die häuﬁg gemeinsam\nmit einer Endometriose auftritt [7]. Inter-\nessant ist, dass auch in Zusammenhang\nmiteinemniedrigerenrASRM-Stadiumvon\nI/II eine erhöhte Abortrate beschrieben\nist. Das erhöhte Abortrisiko bei Patientin-\nnen mit Endometriose ist möglicherweise\nauf ein verändertes Endometrium und ei-\nnereduzierteEizell-undEmbryonenquali-\ntätzurückzuführen.Eswirdangenommen,\ndassdiesystemischeEntzündungsreaktion\nselbstmitdemAbortgescheheninZusam-\nmenhangstehtundeinennegativenEﬀekt\naufdieFollikulogenese,Fertilisierung und\nImplantation hat [16]. Eine direkte thera-\npeutische Konsequenz leitet sich daraus\naktuell jedoch nicht ab.\nEndometriose und Schwanger-\nschaftsoutcome\nNebenderreduziertenFertilitätbeiPatien-\ntinnen mit Endometriose ist eine Vielzahl\nmöglicher endometriosebedingter Kom-\nplikationen in der Schwangerschaft be-\nkannt [18]. So kann es unter anderem\naufgrund der erhöhten Perfusion in der\nSchwangerschaft zu Endometriomruptu-\nren, Blutungen anderer Endometrioseher-\nde (eventuell mit konsekutivem Hämo-\nperitoneum) und intestinalen Perforatio-\nnen von Endometrioseherden kommen.\nZudemwurdenuterineHämorrhagienund\nTubenrupturen durch Endometrioseläsio-\nnen nahe der uterinen bzw. tubaren Ge-\nfäße beschrieben.\nDarüber hinaus zeigten zahlreiche Stu-\ndienerhöhteRatenvonFrühgeburten,Sec-\ntiones sowie neonatologischer Betreuung\ndesNeugeborenenimZusammenhangmit\ndem Vorliegen einer Endometriose [14].\nDiese Studien umfassten sowohl Frauen\nmiteinerEndometriosediagnose,diespon-\ntankonzipierten, alsauch Frauen nach In-\nvitro-Fertilisation (IVF) bzw. intrazytoplas-\nmatischerSpermieninjektion(ICSI).Außer-\ndemkonnteeinerhöhtesRisikofürdasVor-\nliegeneinerPlacentapraevia,einevorzeiti-\ngePlazentalösung undPräeklampsie fest-\ngestellt werden [14]. Die genauen patho-\nphysiologischen Gründe bleiben spekula-\ntiv,möglicherweiseistauchhiereinverän-\ndertes Endometrium ursächlich beteiligt.\nBezüglichderOutcomesPräeklampsie,Ge-\nstationsdiabetes und postpartale Hämor-\nrhagie zeigten sich in der weiter oben er-\nwähnten Metaanalyse keine Unterschiede\nvor dem Hintergrund einer Endometriose\n[14]. Aufgrund der erhöhten Komplikati-\nonsratebei Endometriosesind sorgfältige\nSchwangerschaftskontrollenmitFokusauf\neinem potenziellen Frühgeburtsrisiko so-\nwieeinegründlicheAbwägungdesEntbin-\ndungsterminsundGeburtsmodussinnvoll.\nSchwangerschaftschancen bei\nassistierter Reproduktion\nBei Durchführung einerIVF/ICSI stellt sich\ndie Frage, ob die vorbeschriebene Ein-\nschränkungderFertilitätauchhierzueiner\nReduktion der Schwangerschaftschancen\nim Vergleich zu Frauen ohne Endome-\ntriose führt. Leider liegen in Bezug auf\nPatientinnen mit Endometriose keine\nrandomisierten, kontrollierten Studien\nvor, in denen die Schwangerschaftsraten\nbeim Versuch einer spontanen Konzepti-\non mit denen bei Anwendung von ART\nverglichen wurden. Bisherige Studien un-\ntersuchen ausschließlich innerhalb von\nART-Patientenkollektiven reproduktions-\nmedizinischeErgebnissevonPatientinnen\nmit Endometriose im Vergleich zu eher\ninhomogen selektionierten Kontrollgrup-\npen (beispielsweise mechanischer Faktor,\nunerklärte Paarsterilität, männliche Sub-\nfertilitätoder„alleanderenIndikationen“).\nGemessen anhand der Lebendgeburten-\nrate ermöglichen ART grundsätzlich eine\nTherapie endometriosebedingter Paarste-\nrilität [13, 14], jedoch liegen trotz initial\ngleicher klinischer Schwangerschaftsrate\nbei rASRM-Stadium III und IV teilweise\ngeringere Lebendgeburtenraten vor [14].\nZudem zeigen Frauen mit fortgeschritte-\nnen Endometriosestadien trotz gleicher\nAMH-WerteeingeringeresAnsprechenauf\ndie ovarielle Superstimulation, das heißt\nletztendlicheinegeringereAnzahlgewon-\nnener Eizellen, sowie einen geringeren\nAnteil reifer Eizellen (inMetaphase II)und\nschließlich eine verminderte Anzahl von\nEmbryonen pro Stimulationszyklus [10].\nAgonisten- und Antagonistenprotokolle\nführenbeiPatientinnen mitEndometriose\nzu gleich guten Ergebnissen [4].\nHierauf basierend kann das therapeu-\ntische Vorgehen der Kinderwunschbe-\nhandlung diskutiert werden. Sofern keine\nmechanischenEinschränkungenbestehen\nund eine adäquate männliche Fertilität\nvorliegt, kann grundsätzlich eine deﬁnier-\nte Anzahl monofollikulärer Stimulationen\neventuell mit Inseminationen angeboten\nwerden, wobei es hierfür keine klaren\nRichtlinien gibt [4]. Liegt eine höhergra-\ndige Endometriose vor, führt die direkte\nmultifollikuläre Stimulation mit IVF/ICSI\nzu besseren Ergebnissen. Zutreﬀend ist\ndies im Speziellen bei eingeschränkter\nSpermienqualität und fraglicher Tuben-\ndurchgängigkeit, bei geringem EFI-Score\noder aber auch, wenn vorherige mono-\nfollikuläre Stimulationen erfolglos waren.\nJedochsolltedieendgültigeEntscheidung\nunter Abwägung aller relevanten Fakto-\nren erfolgen (unter anderem Alter der\nPatientin, Nebendiagnosen und Wunsch\ndes Paars).\nSteigerung der Fertilität mittels\nOperation?\nEinehäuﬁginderKlinikgestellteFragelau-\ntet: „Kann eine operativeTherapie derEn-\ndometriosedieFertilitätverbessern?“Eine\ngenerelleEmpfehlungfüreineLaparosko-\npie zur reinen Verbesserung der Fertilität\nbesteht nicht. In den aktuellen Leitlinien\nder European Society of Human Repro-\nductionandEmbryology(ESHRE)wirdbei\nPaarsterilitätundEndometrioseimrASRM-\nStadium I und II aufgrund höherer Raten\nspontaner Schwangerschaften die opera-\ntiveLaparoskopieimVergleich zurrein di-\nagnostischenLaparoskopieempfohlen[ 4].\nJedochbestehthierfürnureine„moderate\nEvidenz“, da lediglich drei randomisierte,\nkontrollierte Studien eingeschlossen wer-\ndenkonnten.MangelsStudienzuhöheren\nrASRM-Stadien ﬁndet sich bezüglich ope-\nrativer Therapie und natürlicher Fertilität\nbei rASRM-Stadium III und IV keine Emp-\nfehlung [4]. Liegt eine tiefe Endometriose\n186 GynäkologischeEndokrinologie3·2023\n\nLeitthema\nmitentsprechenderSchmerzsymptomatik\nvor,wirddieoperativeLaparoskopieemp-\nfohlen,jedochkonntekeineVerbesserung\nder Fertilität gezeigt werden [4].\n» Einegenerelle Empfehlung\nfüreineLaparoskopiezurreinen\nVerbesserungderFertilitätbesteht\nnicht\nIn der Klinik allgegenwärtig ist die Fra-\nge nach der operativen Therapie von\nEndometriomen und nach deren Auswir-\nkung auf die natürliche Fertilität. Hierzu\nliegen aktuell leider keine validen rando-\nmisierten, kontrollierten Studien vor, die\ndas natürliche Fertilitätsoutcome eines\nexspektativen Managements mit dem\neines operativen Vorgehens vergleichen.\nAufgrund dessen besteht gemäß den\nESHRE-Leitlinien nur eine geringgradige\nEmpfehlung zur operativen Laparoskopie\nbei Endometriomen und Infertilität [4].\nJedoch sollte eine chirurgische Interven-\ntion vor IVF/ICSI in Betracht gezogen\nwerden, sofern größere und/oder pro-\ngrediente Endometriome vorliegen. Zu-\nsätzlich bestehende Schmerzsymptome,\neineausreichendeEizellreservesowieeine\nsonographisch oder magnetresonanzto-\nmographisch nicht klar auszuschließende\nMalignität können in diesem Kontext\nweitere Argumente für eine Endometrio-\nmentfernung mit Diagnosesicherung dar-\nstellen[11].EinReviewausdemJahr2019\nbeschreibt gleiche Schwangerschaftsra-\nten im Rahmen der ART mit oder ohne\nEndometriomoperation [3]. Sollte jedoch\nim Rahmen des Kinderwunschs nach Ab-\nwägung bestimmter klinischer Faktoren\n(beispielsweise Schmerzsymptomatik, Al-\nter der Patientin und Eizellreserve) eine\nLaparoskopie durchgeführt werden, so\nempﬁehlt sich die Erhebung des EFI. An-\nhand des intraoperativ erhobenen EFI\nlässt sich die natürliche Konzeptionsrate\nbesser abschätzen, was in der Beratung\nbezüglich ART vs. monofollikuläre Stimu-\nlationodernatürlicheKonzeptionhilfreich\nsein kann [28].\n„Egg freezing“ bei Endometriose\nzum Fertilitätserhalt?\nDieDiagnoseeinerEndometriosestelltkei-\nnedirekteIndikationfürein„eggfreezing“\ndar, jedoch sollten Patientinnen über die-\nse Option insbesondere aufgeklärt wer-\nden, wenn bei Endometriomen das Risiko\nbesteht, dass Ovarialgewebe und die da-\nrin beﬁndlichen Eizellen verloren gehen.\nIdealerweise erfolgt dies im Rahmen der\ngenerellenAufklärungüberEndometriose\nund deren Auswirkungen, wobei situati-\nonsabhängig auf die potenziell geringere\nEizellreserve und das erhöhte Risiko ei-\nner prämaturen Ovarialinsuﬃzienz (POI)\neingegangen werden sollte. In Kooperati-\non mit Reproduktionsmedizinern können\nKosten und Risiken der multifollikulären\nStimulation mit Eizellentnahme bespro-\nchen und gegen deren eventuellen zu-\nkünftigen Nutzen abgewogen werden. Ei-\nne Entscheidungshilfe, etwa im Rahmen\neiner geplanten Laparoskopie, kann hier-\nbei eine präoperative AMH-Bestimmung\nsein.\nMöglicherweise führen frühere Endo-\nmetrioseoperationen jedoch zu einer ge-\nringeren Anzahl von Eizellen im Rahmen\neiner Stimulationsbehandlung. Eine klini-\nscheLebendgeburtenratevon46,4%nach\nKryokonservierung von Eizellen kann je-\ndoch als adäquates Outcome gewertet\nwerden [26].\nFazit für die Praxis\n4 Aufgrund eines erhöhten Risikos von\nFrühaborten und Frühgeburten bei En-\ndometriose sollten engmaschige Schwan-\ngerschaftskontrollen durchgeführt wer-\nden.\n4 In der Schwangerschaft können Endome-\ntriome sonographisch malignen Befun-\nden ähneln.\n4 Die Lebendgeburtenrate nach Anwen-\ndung von Techniken der assistierten Re-\nproduktion bei endometriosebedingter\nSubfertilität ist vergleichbar mit der von\nPaaren, die aufgrund anderer Indikatio-\nnen eine Sterilitätstherapie erhalten.\n4 Eine Operationsindikation zur Fertilitäts-\nverbesserung bei Endometriose ist äu-\nßerst zurückhaltend zu stellen und ver-\nlangt ein Abwägen zahlreicher klinischer\nFaktoren (unter anderem Schmerzsym-\nptomatik, Alter und Eizellreserve).\n4 Bei Durchführung einer operativen Lapa-\nroskopie kann der Endometriosis Fertility\nIndex bestimmt werden, um die natürli-\nche Konzeptionswahrscheinlichkeit abzu-\nschätzen.\n4 Prä- und postoperativ kann eine Kontrolle\ndes Anti-Müller-Hormons angeboten wer-\nden. Je nach klinischem Kontext sollte ein\n„egg freezing“ in Erwägung gezogen wer-\nden.\nKorrespondenzadresse\nDr. Maike Katja Sachs\nKlinikfürReproduktions-Endokrinologie,\nUniversitätsspitalZürich\nFrauenklinikstrasse10,8091Zürich,Schweiz\nmaike.sachs@usz.ch\nFunding. OpenaccessfundingprovidedbyUniver-\nsityofZurich\nEinhaltung ethischer Richtlinien\nInteressenkonﬂikt. M.K.SachsundB.Leenersgeben\nan,dasskeinInteressenkonﬂiktbesteht.\nFürdiesenBeitragwurdenvondenAutor/-innen\nkeineStudienanMenschenoderTierendurchgeführt.\nFürdieaufgeführtenStudiengeltendiejeweilsdort\nangegebenenethischenRichtlinien.\nOpen Access.DieserArtikelwirdunterderCreative\nCommonsNamensnennung4.0InternationalLizenz\nveröﬀentlicht,welchedieNutzung,Vervielfältigung,\nBearbeitung,VerbreitungundWiedergabeinjegli-\nchemMediumundFormaterlaubt,sofernSieden/die\nursprünglichenAutor(en)unddieQuelleordnungsge-\nmäßnennen,einenLinkzurCreativeCommonsLizenz\nbeifügenundangeben,obÄnderungenvorgenom-\nmenwurden.\nDieindiesemArtikelenthaltenenBilderundsonstiges\nDrittmaterialunterliegenebenfallsdergenannten\nCreativeCommonsLizenz,sofernsichausderAbbil-\ndungslegendenichtsanderesergibt.Soferndasbe-\ntreﬀendeMaterialnichtunterdergenanntenCreative\nCommonsLizenzstehtunddiebetreﬀendeHandlung\nnichtnachgesetzlichenVorschriftenerlaubtist,istfür\ndieobenaufgeführtenWeiterverwendungendesMa-\nterialsdieEinwilligungdesjeweiligenRechteinhabers\neinzuholen.\nWeitereDetailszurLizenzentnehmenSiebitteder\nLizenzinformationauf http://creativecommons.org/\nlicenses/by/4.0/deed.de.\nGynäkologischeEndokrinologie3·2023 187\n\nLiteratur\n1. 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Keckstein J, Saridogan E, Ulrich UA et al (2021)\nThe #Enzian classiﬁcation: A comprehensive\nAbstract\nFertility in endometriosis\nBackground:Theassociationbetween endometriosisandsubfertility hasbeenwell\ndescribed.Amultifactorialprocessofthissystemicinﬂammatorydiseaseisbelievedto\ndiminishfertilityonvariouslevels.Inthiscontext,artiﬁcialreproductivetechnologies\n(ART)havegainedimportance.\nObjectives:This article aims to describe the multifactorial processof underlying\nendometriosis onfemalefertility, pregnancy outcomes,successin ART, as well as\nlaparoscopicsurgeryandtoevaluatethepotentialof“eggfreezing”.\nMaterials and methods: PubMed and the mostrecent 2022European Society of\nHumanReproductionandEmbryology(ESHRE)guidelineshavebeenusedtoconduct\naliteratureresearch. Searchtermsrelatedtofertilityandendometriosiswereutilized\nandthemostrecentmeta-analysesandpublicationsfromhigh-impact journalswere\nselected.\nResults/conclusions:Itiswell known that endometriosisandinfertility are related,\nand ART is a successfulmethod to overcome endometriosis-related subfertility.\nIndicationsforlaparoscopicendometriosissurgerywiththeaimofenhancing fertility\nneed to be carefully evaluated and may be successfulonly in rare cases. In the\npresenceoflowovarianreserve,“eggfreezing”maybeconsidered.Pregnant women\nwith endometriosis—depending onits localization and extent—require frequent\nmonitoringduetoahigherriskofmiscarriageandprematurebirth.\nKeywords\nFertilization,invitro·Sperminjections,intracytoplasmic·Fertilitypreservation·Eggfreezing·\nPregnancy,high-risk\nnon-invasive and surgical description system\nfor endometriosis. Acta Obstet Gynecol Scand\n100:1165–1175. https://doi.org/10.1111/aogs.\n14099\n16. 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